Und plötzlich ist Chagall wieder da. Erst in Wien, wo ihn 500.000 Menschen in der Albertina sahen, dann mit einer Feinschmecker-Ausstellung im Münsterschen Picasso-Museum. Und nun in Düsseldorf, wo die so erfolgreiche Albertina Schau mit einem anderen Schwerpunkt am Freitagabend im K20 der Kunstsammlung NRW am Düsseldorfer Grabbeplatz eröffnet wird, bei freiem Eintritt übrigens. Hier gibt es Augenweiden und Abgründe.

Marc Chagall in Düsseldor: Der Maler bleibt ein Rätsel, auch nach dieser Ausstellung

Und warum? Warum gerät dieser Maler, der in den 50er- 60er-Jahren zur weltweit verehrten Malerei-Ikone aufstieg und zusammen mit seinen Rivalen Picasso und Matisse das große Dreigestirn der Klassischen Moderne bildete, ausgerechnet jetzt wieder in den Fokus? Es bleibt ein Rätsel. Jedenfalls, bis man vor diesen Gemälden steht, auf denen Marc Chagall die Pigmente oft ohne jede Beimischung mit der Leinwand verschmelzen ließ, bis sie zu leuchten begannen, was sie bis auf den heutigen Tag unvermindert tun. Es ist vielleicht auch diese Kombination von Schlichtem – ein Blau, ein Rot, ein Weiß – mit raffinierten Kontrasten, Kombinationen und Formen. Und Rätseln: Da ist immer ein Detail, irgendein Zeichen, eine Figur, die sich nicht auflösen lässt. Und die Bilder davor bewahrt, von der Klippe zum Kitsch herunterzufallen.

Kunstsammlung NRW praesentiert "Chagall"
Das „Liebespaar mit rotem Hahn“ (1956-1965) wird einer der Publikumsmagneten der Ausstellung sein. © epd | Wilfried Meyer

Auch der Maler Marc Chagall selbst, der als Moische Schagall (oder Moissje Segal) 1887 im heute weißrussischen Witebsk zur Welt kommt und im biblischen Alter von 97 Jahren 1985 an der Cote d‘Azur starb, wird am Ende dieser Ausstellung, die so viele Wendungen seines Lebens nachzeichnet, ein Rätsel bleiben.

Düsseldorfs Kunstsammlung mit einem Schwerpunkt auf dem frühen Marc Chagall

Die Kunstsammlung NRW besitzt von Chagall Werke aus seiner Anfangszeit („Selbstbildnis mit Pinseln“, „Der Geigenspieler“), und so liegt der Schwerpunkt dieser von Susanne Meyer-Büser eingerichteten Ausstellung auf dem Frühwerk Chagalls. In dem er lange gar nicht wie Chagall aussieht. Seine Lehrzeit an russischen Malschulen bringt einen flachen Realismus hervor.

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1910 widmet der Berliner Galerist Herwarth Walden Chagall die erste Einzelausstellung – und verkauft sämtliche 140 Bilder. Mit einem Teil der Erlöse und einem Stipendium kommt der junge Maler in diesem Jahr (oder 1911, da streitet sich die Chagall-Forschung noch) zum ersten Mal nach Paris, das später zur zweiten Heimat seines Lebens werden soll. Chagall probiert alles aus, was dort gerade en vogue und Avantgarde ist. Schräge, schiefe Perspektiven, verkehrte Proportionen an trinkenden Soldaten, nackten Frauen oder dem Bäcker von nebenan. Er schmiegt sich dem „orphischen“, runden, harmonischen Kubismus von Robert Delaunay an, der analytische von Braque und Picasso scheint ihm zu kalt.

Kunstsammlung NRW: 120 Werke von Marc Chagall, darunter 67 Gemälde

Aber die Surrealisten um den Schriftsteller Guillaume Apollinaire zählen Chagall zu den Begründern ihrer Bewegung. Und ja: Das gewaltige, grün glosende „Golgatha“-Gemälde von 1912 (das aus dem New Yorker Museum of Modern Art stammt) ist surreal durch und durch, und all die Schlafenden und Schwebenden seiner Bilder sind es auch. Aber er lässt sich auch von van Goghs „Schlafzimmer in Arles“ zu einem nicht minder schwindelerregenden Atelier-Bild anregen – er ist noch ein Suchender.

Chagall wird, nachdem die russische Oktoberrevolution ausgebrochen ist und er in Witebsk erst Kommissar für die schönen Künste und dann Gründer der Kunstschule wird, sogar den Konstruktivismus und Suprematismus ausprobieren, von dem die Revolutionäre so begeistert sind; davon zeugen Collagen und abstrakte Grafiken in der Ausstellung. Am Ende aber ist Chagall froh, 1922 erst nach Berlin und dann nach Paris auswandern zu können – sein Geist war zu frei für die Doktrinen der Bolschewiki.

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In Paris etabliert sich Chagall rasch, bekommt lukrative Aufträge und Galerie-Vertrage. Und in dieser Sicherheit findet er zu dem, was man vielleicht am ehesten Chagallismus nennen könnte. Die Bilderwelt, die bevölkert ist mit den Ziegen, Rindern, Schafen und Hähnen, den Rabbis, Geigern und Bettlern, den Dächern und Ställen seiner Jugend in Witebsk. Das alles würde allzusehr nach „Anatevka“-Romantik duften, wenn nicht die Widerhaken wären, die man erst beim genauen Studium der Bilder im Original entdeckt, weil sie auf den Reproduktionen dieser beliebten Kalender-Motive zu klein ausfallen.

Mit dem Jüdischen halten auch Verfolgung und Diskriminierung Einzug in die Werke, nicht zuletzt „Das gelbe Zimmer“ aus der Frühzeit zeugt davon, auch hier sehen wir den „dunklen“ Chagall, von dem Kuratorin Susanne Meyer-Büser spricht: „Es wird geprügelt, gezündelt, getrunken, prostituiert.“ Und als 1933 in Deutschland die Nazis die Macht ergreifen, malt er „Die Einsamkeit“. 1941 flieht er vor den Nazis nach New York, wo er fremd bleibt und sich weigert, Englisch zu lernen. Was später die Leichtigkeit seiner Bilder ausmachen wird, ist zunächst einmal durch die Schrecken der Verfolgung und Vertreibung gegangen.

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Wer will, wird auch immer wieder die Locken oder das spitze Gesicht Chagalls in seinen Bildern entdecken, auf denen er sich gern auf der Grenze zwischen Mann und Frau malte. Auch Brautpaare sind eine Art Leitmotiv in dem Werk des zweimal Verheirateten. Fast vollständig versammeln sich seine Motive in einem Werk, an dem er von 1952 bis 1966 malte: „Exodus“ ist ein durch und durch dunkles Bild. Umso mehr leuchten die wenigen Farben daraus hervor wie ein Hoffnungsschimmer. Susanne Meyer-Büser nennt ihn einen „Türöffner in Traumwelten“. Aber ein Alp lauert immer im Hintergrund.

Chagall. Kunstsammlung NRW, Grabbeplatz 5. 15. März-10. August. 120 Werke, darunter 67 Gemälde. Geöffnet: Di-So 11-18 Uhr. Eintritt: Eintritt: 16 €, erm. 14 €. Bis 17 Jahre frei. Ein Audioguide ist kostenlos, Kopfhörer sind mitzubringen. Katalog: 39,90 €.