Die Grand Snail Tour von Urbane Künste Ruhr kommt am Donnerstag, 16. April, nach Ennepetal: Besucherinnen und Besucher sowie Passanten können auf dem Marktplatz mit dank einer KI-Ausstattung lernfähigen Skulpturen über alles Mögliche lästern: In einem Setting aus einer Videoarbeit und einer Bodenzeichnung bewegen sich zwei künstlerisch gestaltete Roboter autonom im Raum; durch Berührung bleiben sie stehen und man kann ihnen etwas zuflüstern, auf das sie in ihrer eigenen Sprache antworten.

Die Arbeit „Worte an den Ohren, an der Haut, an der Zelle“ der Künstlerin Havîn Al-Sîndy lädt dazu ein, mit den Skulpturen in Interaktion zu treten und dabei spielerisch wie visuell das Lästern als soziales Phänomen und politischen Code zu verhandeln und zu erfahren. Sie wurde erstmals im Sommer 2025 beim dreitägigen Stopp der Grand Snail Tour in Dortmund in mehreren Performances mit Schülerinnen und Schülern eingesetzt.

Havîn Al-Sîndy

Havîn Al-Sîndy arbeitet in Kurdistan und Deutschland. Ihre künstlerische Praxis bewegt sich im Spannungsfeld von Performance, Skulptur, Malerei und bewegten Bildern. Im Zentrum steht das Verhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Immaterielle Archive wie Erinnerungen, Körperwissen, Zellgedächtnis und kollektive Erinnerungen bilden den Kern ihrer Arbeit. Sie untersucht, wie diese weitergetragen, überschrieben oder verdrängt werden und wie sie sich in Körpern niederschlagen. Ihre Arbeitsweise ist prozesshaft und kollaborativ, besonders im generationenübergreifenden Austausch mit Jugendlichen. Ziel ist es, verdrängte Perspektiven hör- und sichtbar zu machen, nicht als Repräsentation, sondern als Teil einer gemeinsamen Praxis. Materialien wie Erde, Lehm oder Papier verkörpern dabei Herkunft und Wissen jenseits klassischer Archive. Sie ist Professorin an der HBK Braunschweig.

Grand Snail Tour # 26 Ennepetal
Die Künstlerin Havîn Al-Sîndy arbeitet in Kurdistan und Deutschland.© Caroline Seidel | Urbane Künste Ruhr

Lästern und Klatsch sind längst mehr als beiläufige Kommunikation. Im Zeitalter digitaler Netzwerke, verstärkt durch soziale Medien, haben sie sich zu performativen Machtstrategien entwickelt, die Handlungen erzeugen und Konsequenzen haben können. Das Lästern strukturiert Diskurse, markiert Zugehörigkeit ebenso wie Ausschluss. Seine Wirkung beschränkt sich nicht auf den privaten Raum, sondern reicht in den politischen Bereich hinein – als Instrument der Kontrolle, Normierung und Grenzziehung.

Die künstlerische Arbeit von Havîn Al-Sîndy untersucht das Lästern in seiner komplexen Mehrdeutigkeit als soziales Ritual, emotionalen Akt und politisches Mittel. Was geschieht, wenn wir tratschen oder lästern? Körperlich, strukturell, emotional? Wessen Bild entsteht im Flüstern, wer wird adressiert? Welche Sprache, Gesten und Zeichen sind im Spiel? Und: Welche Spuren hinterlässt das Gesagte – zwischen Nähe und Ausschluss, zwischen Sichtbarkeit und Schweigen?

Grand Snail Tour # 26 Ennepetal
Zwei künstlerisch gestaltete Roboter bewegen sich autonom im Raum.© Amina Falah | Urbane Künste Ruhr

53 Städte in drei Jahren

Begleitet wird die Grand Snail Tour von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Bereich Literatur, Fotografie und Illustration, die zeitgleich zum Aufenthalt des Tourmobils Eindrücke und Reflexionen aus jeweils derselben Stadt sammeln und diese visuell oder literarisch ins Bild setzen. So entsteht ein Paratext zur dreijährigen Tour, der in Form einer Reisechronik, als ein Kaleidoskop an Geschichten, Verbindungen, Momentaufnahmen in den 53 Städten und Gemeinden der Region Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten zur Grand Snail Tour sichtbar werden lässt.

Chronist in Ennepetal: Joram Schön (Zeichnung)
Joram Schön (*1991 in Berlin) lebt und arbeitet als Künstler und Filmemacher in Berlin und Köln. Er studierte an der Universität der Künste Berlin und absolvierte seinen Master in Kunst und Film an der Kunsthochschule für Medien Köln. In seinen Zeichnungen, Filmen und installativen Arbeiten verbindet er Natur- und Stadtbeobachtungen. Dabei untersucht er die Veränderungen urbaner Räume und entwickelt kritische Fragestellungen zu Topographien, Architektur und Landschaft. Neben seiner bildnerischen Praxis realisiert Schön essayistisch-dokumentarische Filme, in denen sich persönliche Erzählungen mit historischen Bezügen und kollektiven Erinnerungen verschränken.

Werke aus der Sammlung der Grand Snail Tour

  • Einen wesentlichen Bestandteil der Grand Snail Tour bildet ein Pool an Arbeiten internationaler Künstlerinnen und Künstler, die individuell vor- und ausgestellt, vor allem jedoch benutzt werden. Die ständig wachsende Sammlung umfasst bisher die folgenden Werke:
  • Cem A. – floor pieces and stanchions
  • Havîn Al-Sîndy – Worte an den Ohren, an der Haut, an der Zelle
  • Aram Bartholl – Missed Connections
  • Cosima von Bonin – 7000 Palmen
  • Jordi Colomer – NEW RUHR MAP
  • Kasia Fudakowski – Palliative Patterns
  • Lütfiye Güzel – Local Blackouts
  • Anna Haifisch – Kleine orange Schnecke
  • Nils Norman – Tablescapes
  • Sowatorini Landschaft – Sonne Art Minigolf
  • Anna Viebrock – HEUTE DEMNÄCHST ENDE

Die Grand Snail Tour 2024 bis 2027

Die Grand Snail Tour ist ein mobiles Aktions- und Ausstellungsprojekt, das im Verlauf von drei Jahren durch alle 53 Städte und Gemeinden des Ruhrgebiets reist. Das Projekt widmet sich experimentell und innovativ wichtigen Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens: Wem gehört der öffentliche Raum und wie können wir Orte der Zusammenkunft schaffen oder bestehende Räume aktivieren? Welche Rolle spielt Kunst dabei? Wie kann Kunst zu den Menschen kommen, statt nur geduldig auf sie zu warten? Die Grand Snail Tour möchte vielfältige Eindrücke hinterlassen, gemeinsame Erfahrungen anbieten und zum Mitreisen einladen.
Nächste Station ist am 24. April 2026: Schwelm.
Die Grand Snail Tour endet voraussichtlich im Oktober 2027 in Herne.

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Termin

Datum: Donnerstag, 16. April 2026
Uhrzeit: 15 bis 19 Uhr
Ort: Voerderstraße / Marktplatz, 58256 Ennepetal

Programm
Worte an den Ohren, an der Haut, an der Zelle – Havîn Al-Sîndy