Zwischen Hoffen und Himalaya

Wegen Corona: Motorrad-Guide aus Essen festgefahren in Nepal

Restfunken Hoffnung: Stefan Thiemann (51), Motorradführer aus Essen, hat sich in Nepal im übertragenen Sinne festgefahren – das Coronavirus als Blockade.

Restfunken Hoffnung: Stefan Thiemann (51), Motorradführer aus Essen, hat sich in Nepal im übertragenen Sinne festgefahren – das Coronavirus als Blockade.

Foto: privat

Essen/Kathmandu.  Der Essener Stephan Thiemann organisiert Motorrad-Touren in Nepal. Jetzt sitzt er wegen Corona-Krise dort fest, sagt: „Niemand weiß, was kommt.“

Am Samstag, dem 7. März, war der Essener Stephan Thiemann (51) in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu mit sieben Touristen zu einer Motorradtour aufgebrochen. Knapp zwei Wochen war der Reiseführer mit seiner Gruppe unterwegs, auf abenteuerlichen Straßen, in abgelegenen Dörfern. Dass sich in diesen 14 Tagen die Welt aufgrund der Ausbreitung des Corona-Virus komplett verändert hat, haben sie nicht mitbekommen.

Lagebericht erst am Telefon und dann nur noch per Sprachnachricht

Vor der Abfahrt hatte Stephan Thiemann noch einen Facebook-Beitrag abgesetzt: „Willkommen im Corona-freien Nepal!“, schrieb er, „Wir begrüßen unsere ersten Abenteurer der Saison 2020.“ Nie hätte er zu diesem Zeitpunkt geahnt, dass er in diesem Jahr wohl keine weiteren Abenteurer mehr begrüßen wird. „Ich habe zwar einen Restfunken Hoffnung, gehe aber davon aus, dass die komplette Saison den Bach runter gegangen ist“, sagt Thiemann am Telefon.

Vor mehr als zehn Jahren hat Stephan Thiemann in Kathmandu das Reiseunternehmen „motorbike-tour.com“ gegründet. Davor hatte er als Unternehmer in der Modebranche gearbeitet. Seit 2009 verbringt Thiemann nun jedes Jahr rund sechs Monate in dem asiatischen Land, in der Hauptstadt hat er sich eine Wohnung gemietet. Mehr als 2000 motorradbegeisterte Touristen hat der Essener bereits durch Nepal geführt.

„Als wir von unserer Tour zurückkamen, sprachen alle von dem Virus. In Kathmandu war die Situation bereits recht angespannt“, berichtet Thiemann. „Meine größte Sorge war: Wie bekomme ich nun meine Gäste aus dem Land, bevor die Flughäfen geschlossen werden?“ Der Tourguide setzte alle Hebel in Bewegung, nutzte Kontakte – und ergatterte Tickets für eine der letzten Maschinen, die an Kathmandus Flughafen starten durften. Über Istanbul flog seine Reisegruppe nach Luxemburg, von dort fuhren sie auf dem Landweg weiter nach Berlin. Und dort begaben sie sich in häusliche Quarantäne.

Stephan Thiemann blieb in Nepal. „Ich hatte mich sofort entschieden, diese verrückte Zeit hier zu verbringen“, schreibt er per Textnachricht. Telefon und Internet funktionieren eingeschränkt, immer wieder fällt der Strom aus. „Jetzt bin ich bei der Familie meiner Lebensgefährtin untergekommen. Kathmandu glich einer Geisterstadt, als ich dort abgereist bin. Immer mehr Menschen waren in den Tagen zuvor zu ihren Familien aufs Land gefahren.“

Balthali heißt das Dorf, in das Stephan Thiemann sich zurückgezogen hat. Es liegt etwa 40 Kilometer südöstlich von Kathmandu. Der Ort ist recht abgeschieden, selbst Googles Kartendienst findet keine Route für die etwa zweistündige Fahrt von Kathmandu nach Balthali. Das Virus braucht kein „Google Maps“. Und möglicherweise hat es seinen Weg bereits gefunden. „Es sind in den vergangenen Tagen viele junge Menschen aus der Stadt hierher zurückgekehrt“, berichtet Thiemann. Jetzt leben viele alte und junge Menschen nah beieinander. Eine gefährliche Situation.

„Das Dorf bietet zu Sonnenaufgang einen spektakulären Himalaya-Ausblick“, steht im Nepal-Reiseführer. „Die Abgeschiedenheit der Region bietet Ihnen einmalige Ruhe und Entspannung, um ihre Seele baumeln zu lassen.“

Die Straßen sind leergefegt, die Angst geht um

Auch Stephan Thiemanns Seele baumelt. Gezwungenermaßen. Einen Tag nach seiner Ankunft, am 25. März, hat die Regierung mit einem „Lockdown“ das öffentliche Leben in Nepal weitgehend zum Stillstand gebracht. Die Militärpolizei habe sogleich Stellung bezogen, um die Umsetzung zu kontrollieren, berichtet der erfahrene Globetrotter. Schulen und Unis seien zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen gewesen, der nationale Busverkehr eingestellt, vielerorts habe er Menschen gesehen, die Schlange standen, um Atemschutzmasken zu kaufen.

„Die Straßen in Balthali sind leergefegt, die Angst geht um“, sagt Thiemann. „Überall hängen jetzt Plakate, die zeigen, wie man sich verhalten soll. Die Regierung schickt Trucks, die Chlor versprühen. Wofür auch immer das gut sein soll…“

In Nepal leben knapp 30 Millionen Menschen. Bis Ende März gab es laut der Johns-Hopkins-Universität fünf bestätigte Coronavirus-Fälle, keine Toten. Wie zuverlässig die Datenlage ist, ist unklar. Stefan Thiemann hingegen ist sich sicher: „Die Zahlen stimmen nicht, sie sind viel zu niedrig.“ Er beruft sich dabei auf Berichte lokaler Zeitungen und verweist darauf, dass lediglich in der Hauptstadt Kathmandu entsprechende Tests vorgenommen würden: „Auf dem Land? Keine Chance“, sagt er. Das Auswärtige Amt warnte bereits vor der Corona-Pandemie: „Die medizinische Versorgung ist in weiten Teilen des Landes unzureichend“.

Um sich die Zeit während des „Lockdown“ zu vertreiben, bringt sich Stephan Thiemann in die Dorfgemeinschaft ein. Tagelang hat er den Einheimischen bei der Senfölpflanzen-Ernte geholfen – alles geschieht in Handarbeit, es gibt keine Maschinen. Und er hat mit angepackt, als an der Dorf-Wasserstelle der Wasserhahn repariert werden musste.

Wenn Stephan Thiemann einmal abschalten möchte, geht er zum Fluss, zieht eine Badehose an und genießt das kühle Wasser. Dennoch kreisen seine Gedanken immer wieder um das Virus. „Niemand weiß, was kommt, und wie es weitergeht“, sagt der 51-Jährige. „Was wir aber alle wissen: Wenn hier eine Welle kommt wie in Italien – dann erleben wir eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes.“

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