Verhalten

Warum wir manchmal gerne helfen - und manchmal nicht

Eine Frau beugt sich zu einem Bettler mit Hund herunter - andere Passanten gehen einfach vorbei.

Foto: Getty

Eine Frau beugt sich zu einem Bettler mit Hund herunter - andere Passanten gehen einfach vorbei. Foto: Getty

Ruhrgebiet.   Die Bereitschaft, anderen beizustehen, hängt von vielen Faktoren ab, etwa Lärm, Stress oder Gruppenzugehörigkeit. Trotzdem haben wir eine Wahl.

Donnerstagabend in der U-Bahn-Station. Die Einen stehen und warten auf ihren Zug, die Anderen laufen auf und ab. Einige sitzen. Die Frau mit den Plastiktüten liegt halb über zwei Sitze hinweg ausgestreckt. Ihre Augen sind geschlossen. Sie bewegt sich nicht. Ihre Kleidung ist verdreckt. Auf dem linken Knie zeichnet sich ein dunkler Fleck ab. Um diese Details zu erkennen, müsste man genauer hinsehen. Viele sehen gar nicht hin. Oder sehen gleich wieder weg. Einer bleibt kurz stehen. Er geht dann aber doch weiter. Braucht die Frau Hilfe? Um das herauszufinden, müsste man sie ansprechen. Aber das tut niemand. Warum?

Seitdem 1964 die 29-jährige New Yorkerin Kitty Genovese auf dem Weg nach Hause überfallen und getötet wurde, wofür es fast 40 Zeugen gab, von denen keiner ihr half, haben sich unzählige Psychologen damit beschäftigt, diese Frage zu beantworten. Zuerst untersuchten John M. Darley (New York University) und Bibb Latané (Columbia University) den Fall. Ihre 1970 veröffentlichte Studie kam zu einem erschreckenden Schluss. Je mehr Menschen da vor Ort sind, wo (möglicherweise) Hilfe gebraucht wird, desto geringer die Chance, dass einer von ihnen handelt. Weil jeder glaubt (oder glauben will), der andere werde sich schon kümmern. Aber es kommt nicht nur darauf an, ob wir viele sind, wenige oder ganz alleine.

Zeitdruck und Lärm wirken sich negativ aus

Auch zahlreiche andere Faktoren tragen dazu bei, ob und wie ein Mensch aktiv wird, um einem anderen Menschen zu helfen. Dabei spielen die Umstände eine große Rolle. Zeitdruck wirkt sich ebenso negativ aus wie Lärm oder Stress, die persönliche Befindlichkeit spielt eine Rolle oder die Einschätzung desjenigen, der meine Hilfe braucht. Ich bin eher bereit, jemandem zu helfen, den ich kenne oder der zu meiner Gruppe gehört, als einem Unbekannten. Auch der Ort, an dem ich mich aufhalte, spielt eine Rolle. So wie es negative Verstärker gibt, gibt es auch positive. Hatte ich zuvor ein Erfolgserlebnis, kann das meine Hilfsbereitschaft ebenso beflügeln wie ein angenehmer Duft. Wobei Letzteres auch Marketing-Strategen nutzen: Die Leder-Parfümierung im Schuhgeschäft oder die Bäckerei mit ihrem leckeren Brötchenaroma direkt am Eingang des Supermarkts sollen allerdings nicht unsere Samariter-Qualitäten wecken, sondern unsere Kauflust.

Das Experimentmit dem Strandlaken

Diese Erkenntnisse verdanken wir Wissenschaftlern wie Thomas Moriarty, der bereits 1972 mit dem so genannten „Beach Blanket Experiment“ („Strandlaken-Experiment“) belegte, dass man das Eigentum von Bekannten eher verteidigt als das von Unbekannten. Alles, was der Psychologe dazu brauchte: einen Strand, einen sonnigen Tag, ein Badelaken, ein Kofferradio und zwei Studenten. Der erste gesellte sich mit den beiden Requisiten zu den anderen Badegästen, um nach kurzer Zeit schwimmen zu gehen. Der andere, vermeintlich ein Dieb, schnappte sich in seiner Abwesenheit das Kofferradio und ging damit weg. Nur 20 Prozent der umliegenden Sonnenanbeter nahmen die Verfolgung auf. Hatte der „Bade-Student“ aber seine Strandnachbarn gebeten, auf sein Radio aufzupassen, stellten sich spektakuläre 95 Prozent dem „Dieb“ in den Weg.

Gefundene Münze steigert die Laune

Und auch andere frühe Experimente sind bis heute berühmt. Etwa das von John Darley und John Batson, die 1970 nachweisen konnten, dass sogar Studenten der Theologie mangelnde Barmherzigkeit an den Tag legen, wenn sie in Zeitnot geraten (oder glauben, dass das so ist). Ähnlich viel Furore machte 1972 eine gefundene Münze. Alice M. Isen und Paula F. Levin deponierten ein Zehn-Cent-Stück in einer Telefonzelle. Von denjenigen, die es fanden, waren hinterher 84 Prozent bereit, beim Einsammeln des Inhalts einer Tasche zu helfen, die jemandem auf der Straße „zufällig“ gerade hingefallen war. Sorgte aber in der Telefonzelle keine gefundene Münze für gute Laune, waren es gerade Mal vier Prozent, die dem Tascheninhaber zu Hilfe eilten. Aber sind wir, in dem was wir tun (oder lassen), allein durch Umstände gesteuert? Und wieso führen sie dazu, dass wir ganz unterschiedlich handeln? Was ist mit unserer Persönlichkeit?

„Menschen sind unglaublich flexible, facettenreiche und verhaltensvariable Wesen“, sagt Karen Hartig, „und sie sind in jeder Beziehung ein anderer. Das unterscheidet sich je nach Rolle.“ Die 57-Jährige ist Coach und Mentaltrainerin in Köln, sie begleitet Menschen bei Veränderungsprozessen im Job und im Privatleben. „Und es liegt auch daran, wer uns umgibt, wo wir uns aufhalten – im Sportverein verhält man sich anders als in der Kantine und unter Kollegen.“ Dass man als Mensch so viele verschiedene Verhaltensweisen hat, empfindet sie als Reichtum.

Unzählige, individuelle Faktoren

Wie sich der Charakter, die Persönlichkeit, eines Menschen entwickelt, hängt von unzähligen, individuellen Faktoren ab: „Wir sind genetisch geprägt, von den Eltern, der Umgebung, den Freunden. Es gibt kein zentrales Ich – wir bestehen aus lauter verschiedenen Anteilen. Es sind innere Stimmen, die wollen alle gehört werden. Und die sind Mal lauter, Mal leiser. Das führt zu einer inneren Diskussion.“ Die auch dann losgeht, wenn es darum geht: Helfe ich oder helfe ich nicht?

Hieße im Fall der Frau, die bewusstlos in der U-Bahn-Station liegt: „Jemand, der vorbei geht und sie sieht, dem geht in dem Moment ganz viel gleichzeitig durch den Kopf: „Ist sie verletzt? Oder ist sie betrunken? Kann ich ihr helfen? Muss ich ihr helfen? Ich würde ja – aber mein Erste-Hilfe-Kurs ist schon so lange her. Kann das jemand anders nicht besser? Und ich bin auch so schon total spät dran.“ Ganz viele Entscheidungen, so Hartig, würden vom Unterbewusstsein getroffen: „Bevor ich weiß, dass ich mich dafür entschieden habe.“

In kleinen Schritten zur großen Veränderung

Trotzdem hat der oder die wegen der Entscheidung lieber doch nicht zu helfen, hinterher vielleicht ein schlechtes Gewissen. Aber: „Menschen ‚sind’ nicht, zum Beispiel gleichgültig oder achtlos, sondern sie verhalten sich so. Und Verhalten lässt sich ändern. Sätze wie: ,Ich kann eben nicht aus meiner Haut heraus’ sind Ausreden. Wenn man sich bewusst macht, was man an sich ändern möchte, und das auf kleine Schritte herunter bricht, dann geht das auch. Langsam. Veränderung braucht Zeit. Da muss man üben. Veränderung ist auch Entwicklung. Aber vieles von dem, was wir tun, beruht auf tiefen Automatismen. Wir bringen regelmäßig unser Auto zum TÜV, aber nicht unsere Glaubenssätze.“

Wer diesen Artikel liest, hilft vielleicht beim nächsten Mal. Oder ruft zumindest Hilfe herbei. Auch wenn es sich um jemanden handelt, den man gar nicht kennt, auch wenn man unter Zeitdruck steht oder der Ghettoblaster von den Teenies gegenüber auf dem Bahnsteig einen Höllenkrach macht. Das Zauberwort lautet neuronale Plastizität (die Fähigkeit des Gehirns, bis ins hohe Alter neue Verbindungen zu knüpfen): „Lernen können wir lebenslang. Es ist großartig, dass das so ist. Weil es den Menschen erlaubt, beweglich durch diese Welt zu reisen.“

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