Egoismus

In der Gesellschaft grassiert das große „Ich! Ich! Ich!“

Ein König des Egoismus: Leonardo DiCaprio als Aktienhändler Jordan Belfort in „The Wolf Of Wall Street“, der rücksichtslos die Anleger abzockt.

Foto: Universal

Ein König des Egoismus: Leonardo DiCaprio als Aktienhändler Jordan Belfort in „The Wolf Of Wall Street“, der rücksichtslos die Anleger abzockt. Foto: Universal

Essen.  Herrscht in unserer Gesellschaft heute tatsächlich der blanke Egoismus? Und wenn ja: Nimmt er immer weiter zu? Oder täuscht die Wahrnehmung?

Deutsche nehmen, anders als Menschen aus angloamerikanischen Ländern, die komplette Rolltreppenbreite ein. Anstatt denen, die es eilig haben, die linke Seite frei zu halten. Das hat mich schon immer geärgert: „Wie egoistisch!“ Vor zwei Jahren hat meine beste Freundin sehr geweint. Ihr Ältester bekam genau das, was er sich zu Weihnachten gewünscht hat. Und noch eine ganze Menge mehr. „Ist das alles?“, sagte er.

Letztes Jahr ist meine Mutter, fast 80, gestürzt. Ein Jugendlicher, der noch die Bahn erwischen wollte, hat sie einfach über den Haufen gerannt. Und neulich krachte mir bei einem Konzert mit Wucht ein Ellbogen ins Kreuz. Begleitet von der Bemerkung: „Das hier ist mein Platz!“ Das Konzert war unbestuhlt.

Grassiert in unserer Gesellschaft tatsächlich der Egoismus? Und wenn ja: Nimmt er immer weiter zu? Halten wir die eigenen Bedürfnisse für wichtiger als die anderer Menschen? Oder täuscht uns da unsere Wahrnehmung?

Eine Entwicklung, die sich seit den 90er-Jahren fortsetzt

„Die Forschung bestätigt den wachsenden Egoismus“, sagt dazu Hans-Werner Bierhoff, „insbesondere bei jungen Menschen. Das ist eine Entwicklung, die sich – im Vergleich zu früheren Generationen – seit den 1990er Jahren fortgesetzt hat.“

Ursächlich dafür seien eine ganze Reihe von Gründen, so der Professor, der von 1992 bis 2014 Leiter des Lehrstuhls für Sozialpsychologie an der Fakultät für Psychologie der Ruhr Universität Bochum war. „Zum einen liegt das an der Veränderung von Medieninhalten. In den Massenmedien rückt die Persönlichkeitsstruktur des Einzelnen immer stärker in den Vordergrund. Vermehrt wird über prominente Menschen berichtet, die relativ narzisstisch auftreten – und das tendenziell auch vielfach sind.“ Diese Menschen dienten uns als Vorbilder, denen wir nacheifern.

Der Narzisst existiert zwei Varianten

Werden wir als Follower solcher Promis alle zu Narzissten? „Ein Egoist misst sich selbst eine besondere Größe, eine besondere Hervorgehobenheit zu. Ein Narzisst ist verliebt in sich selbst. Und dieser Typus existiert zudem in zwei Varianten, der grandiosen und der ängstlichen, verdeckten. Der grandiose Narzisst baut auf Erfolg und findet ihn bei Anderen, beim verdeckten Narzissten bleibt der Erfolg aus – ihm fehlt die Bewunderung der Anderen.“ Egoisten hingegen verfolgen nur ihr Eigeninteresse. Das passt aber gut zu einer narzisstischen Persönlichkeit, die nach Überlegenheit strebt.

Auch die sozialen Medien tragen ihr Scherflein zum Egoismus-Wachstum bei: „In Netzwerken wie Facebook ist die Selbstdarstellung in der Regel positiv. Um noch positiver da zu stehen, wird das noch übertrieben. Das führt zu einer Steigerung des Selbstwert-Gefühls, man fühlt sich anderen überlegen.“

Wir posten, was wir gerade erleben

Stimmt. Wir machen Selfies. Nicht Othries. Fotografieren also uns, nicht wie früher, die anderen. Wir posten, was wir tragen, was wir essen, was wir gerade erleben. Und wenn wir das tun, nehmen wir anderen die Sicht oder versperren ihnen den Weg. Mitunter sieht man im Zoo vor lauter Handys die Tiere nicht und auf den Gehwegen muss man Slalom um diejenigen laufen, die mit gesenktem Kopf zu menschlichen Stolpersteinen werden. Studien wie „Jugend, Information, (Multi-)Media“ (JIM), die der Medienpädagogische Forschungsverband Südwest jährlich erstellt, bestätigen bei 12- bis 19- ährigen Defizite im so­zialen Umgang.

Weitere Ursachen für die Zunahme der „Ich! Ich! Ich!“-Haltung sieht Hans-Werner Bierhoff auch in den Unterschieden bezogen auf die heutige Erziehung: „Im Unterschied zu früher ist das Kind etwas ganz Besonderes. Ihm werden besondere Talente und Fähigkeiten zugeschrieben – die Betonung der Individualität ist viel stärker geworden.“ Durch Erziehung könnten Eltern ihre Kinder auch positiv beeinflussen, so der 69-Jährige: „Das Vorbild der Eltern hat eine große Bedeutung. Wenn Eltern ein Vorbild von Kooperation geben, dann ist das prägend. Es kommt allerdings immer darauf an, wie die Beziehung von Eltern und Kindern ist. Je enger die Bindung zwischen ihnen ist, desto mehr eignen sich die Kinder von ihren Eltern an.“ Ab einem bestimmten Alter stünden aber auch solche Werte, die von den Eltern vermittelt würden, im Widerspruch zu den Werten der Gruppe von Gleichaltrigen: „Hinzu kommt noch der Einfluss, den die Schule und die sozialen Medien haben.“

Auf der Straße steigt das Adrenalin

Auch im Straßenverkehr erleben wir andere Verkehrsteilnehmer – und uns selbst – als zunehmend aggressiv. Der kurze Tritt auf die Bremse, um dem hinter uns zu zeigen, dass er nicht so drängeln soll, ist genauso normal wie umgekehrt die erzwungene Vorfahrt, wenn der Bummler vor uns nicht in die Gänge kommt. Auf Deutschlands Straßen wird es immer enger, die Städte werden immer voller, und der Adrenalinspiegel steigt immer höher.

Dass das Leben spürbar hektischer geworden ist, hält Bierhoff allerdings nicht für maßgeblich: „Das ist eine Belastung, die zu Stress führt. Der sich dann etwa durch Gereiztheit äußert. Aber nicht durch einen zunehmenden Egoismus.“

In einem gewissen, gesunden Maße hält der Experte Egoismus, als „die Beförderung der eigenen Interessen“, sogar für durchaus vertretbar: „Ganz abschaffen sollte man den Egoismus nicht. Gesund ist ein Kompromiss zwischen Egoismus und der Orientierung an den Interessen der anderen. Wenn Sie im Leben erfolgreich sein wollen, müssen Sie sowohl Ihre eigenen Interessen beachten als auch die Ihrer Mitmenschen.“

„Wir Menschen sind nun mal soziale Wesen.“

Wer sein Leben zu stark nach den Bedürfnissen von Anderen ausrichte, so der Psychologe, leide häufig unter Selbstvernachlässigung: „So jemand läuft Gefahr, wegen der einseitigen Betrachtung der Bedürfnisse Anderer die eigenen menschlichen Grundbedürfnisse unberücksichtigt zu lassen.“

Und wer nur egoistisch handle, scheitere ebenfalls: „Das machen die Anderen dann irgendwann nicht mehr mit. Wir Menschen sind nun mal soziale Wesen.“

Auch wenn immer wieder behauptet wird, dass sich immer weniger Menschen sozial engagierten. Es stimmt nachweislich nicht: „Das hat sich lediglich verlagert. Früher engagierten sich die Menschen langfristig für große Organisationen, heute tun sie das für viele kleine kurzzeitigere Projekte.“ Das immerhin lässt hoffen.

>>>Der Mensch ist von Natur aus nicht egoistisch

Seit 1998 erforscht Michael Tomasello am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig die sozialen Fähigkeiten von Kindern. In dieser Zeit haben der Psychologe und sein Team herausgefunden, dass schon Säuglinge bereitwillig teilen und sich anderen gegenüber hilfsbereit verhalten. Die Schlussfolgerung der Anthropologen: offenbar besitzt der Mensch eine angeborene Neigung zur Kooperation.
Vermutet wird, dass das auf die Anfänge der Menschheitsgeschichte zurückgeht, wo die Zusammenarbeit bei der Nahrungssuche das Überleben sicherte. Aber: Ab dem vierten Lebensjahr entwickeln Kinder ein Gefühl für die soziale Gruppe und übernehmen nach und nach die moralischen Werte ihrer jeweiligen Kultur.

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