Haldenkult

Halden können die Grundwasserqualität beeinflussen

Ein Blick vom Aussichtsturm auf dem Wolfsberg über die wunderschöne Seenlandschaft in Duisburg.

Ein Blick vom Aussichtsturm auf dem Wolfsberg über die wunderschöne Seenlandschaft in Duisburg.

Foto: Funke Foto Services

Duisburg.   Wir trafen einen Experten auf dem Wolfsberg mitten im Duisburger Erholungsgebiet „Sechs-Seen-Platte“. Schaden die künstlichen Hügel dem Wasser?

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Wasser. Überall dunkelblaues Wasser. Wohin man auch vom Wolfsberg-Turm aus schaut: Direkt vor uns der Wolfssee, dahinter der Wambachsee, hinter uns der Haubachsee . . . Bis ans Ufer reichen die Bäume in ihrem rot-braun-gelben Herbstkleid. Da wirkt selbst die Duisburger Industriekulisse im Hintergrund des Erholungsgebiets „Sechs-Seen-Platte“ malerisch. Der Besucher des Turms auf dem bewaldeten Wolfsberg genießt die Postkartenansicht. Und ahnt nicht, dass er auf einer militärischen Schießstandanlage mit Munitionsdepot aus Kriegszeiten steht, die von 1969 bis 1974 mit Schutt und Schlacke überschüttet wurde.

Wie so oft im Revier verwandelte sich auch hier ein Schandfleck in ein schönes Fleckchen Erde. Oberflächlich betrachtet. Aber was ist mit dem Industrieabfall unter der Erdoberfläche, in die sich die Wurzeln der großen Bäume gegraben haben? Ob es sich nun um das Nebengestein aus den Bergwerken handelt oder – wie in diesem Fall – verschiedene Abfälle zu einer Halde aufgetürmt wurden: Die künstlichen Hügel sind meist mehr mit Schadstoffen belastet als natürlich gewachsene. Wenn Regenwasser einsickert, kann das Folgen fürs Grundwasser haben.

Bei ganz alten Deponien fehlen zudem oft Aufzeichnungen darüber, was ihren Kern ausmacht. „Wir wissen, was in den letzten 30, 40 Jahren aufgeschüttet wurde, vorher wird es schwierig“, sagt Sebastian Schmuck von der Abteilung Siedlungswasser- und Abfallwirtschaft der Fakultät für Ingenieurwissenschaften an der Uni Duisburg-Essen. Laut Auskunft der Stadt wurden bei Untersuchungen des Wolfsbergs auch „hausmüllähnliche Abfälle“ nachgewiesen. Seit Mitte 2005 darf kein unbehandelter Hausmüll mehr auf Deponien aufgetürmt werden, so Schmuck. „Da weiß man nicht immer, wie er sich verhält“. Kohlenstoff zum Beispiel soll innerhalb von 50 Jahren abgebaut sein. „Aber da gibt es große Schwankungen.“ Bei Stickstoff könnte die Abbauzeit auch 500 Jahre betragen. Außerdem: „Das Material kann rechts und links ähnlich sein, und es verhält sich trotzdem unterschiedlich.“ Es sei zudem schwierig, auf alten Halden Proben zu entnehmen. „Wie viel soll man bohren, damit man alles genau erfasst?“

Gutes Grundwasser ist wichtig fürs Trinkwasser

Was könnte denn passieren, wenn man Deponien sich selbst überließe? Schmuck: „Im besten Falle nichts.“ Im schlechtesten würde der Tier- und Pflanzenwelt geschadet. Und: Nur wenn das Grundwasser nicht allzu sehr belastet ist, kann daraus auch sauberes, kostengünstiges Trinkwasser gewonnen werden.

Die Situation am Wolfsberg: Da zur Zeit der Aufschüttung die Umweltstandards gering waren, wurde er von der Stadt als so genannte „Altlastverdachtsfläche“ eingestuft. Experten entnahmen 2003 Bodenproben und errichteten auch vier Grundwassermessstellen. Dabei sei laut Stadt keine Gefahr festgestellt worden, nicht für den Menschen, wenn er direkt mit dem Boden in Kontakt kommt, und auch nicht für das Grundwasser. Weitere Untersuchungen im Rahmen des so genannten „Wassermonitorings“ in NRW zwischen 2005 und 2008 hätten das Ergebnis auf mögliche Gefahren fürs Grundwasser bestätigt. Und was bedeutet das für die Baggerseen neben dem Wolfsberg? Würden Sie dort schwimmen gehen? Schmuck: „Ja, würde ich. Wenn die Behörden Seen freigeben, kann man dort auch schwimmen.“

Obwohl heute der Industriemüll nicht mehr einfach aufgetürmt werden darf, geht es nicht ohne Kontrolle: Das Sickerwasser muss überwacht und gegebenenfalls gereinigt werden, so Schmuck. Ein Blick auf die Schöttelheide in Bottrop, auf der noch heute das Bergematerial der Zeche Prosper Haniel geschüttet wird, zeigt, wie viel getan werden muss, um das Grundwasser zu schützen. So wurde in den 90ern zunächst der Boden untersucht, wie durchlässig er ist. Dabei entdeckte man Rinnen aus der Eiszeit, die mit speziell aufbereitetem Gestein abgedichtet wurden. „Trotzdem kann es sein, dass etwas durchsickert“, sagt Joachim Bock, Markscheider, also Vermessungsingenieur bei der RAG. Und dieses Durchlaufen muss verhindert werden. Denn: „Wir haben Marinekohle.“

Das klingt idyllisch, ist es aber nicht: Als die Kohle im Revier entstand, kam sie nicht wie an der Saar mit Süßwasser, sondern immer wieder mit Meerwasser in Berührung. Deswegen ist das Bergematerial, also das Gestein aus der Tiefe, das von der Kohle getrennt wird, mit Salz belastet. „Das sind Stoffe, die gut in der Erde sind, aber nicht oben, weil wir sie nicht im Grundwasser haben wollen“, erklärt Sickerwasser-Experte Schmuck.

„Natriumchlorid, Magnesium, Sulfate . . .“, zählt Bock die Stoffe auf, die aus dem Gestein gewaschen werden. Mit der Zeit werde es zwar so dicht, „wie ein großer Felsbrocken, durch den wenig Wasser kommt“, veranschaulicht der 56-Jährige. Aber während die Haldenschichten noch sacken, „darf man das Wasser nicht einfach in den Untergrund lassen.“ Daher wurde um die Halde ein Randgraben ausgehoben, in dem sich das von den Hängen abfließende Regenwasser sammelt. Zudem errichtete man eine Tiefdrainage, die das Wasser auffängt, das trotzdem noch durch den künstlichen Hügel sickert. Allein im vergangenen Jahr wurden so laut Bock 370 000 Kubikmeter Wasser aufgefangen. Mit dieser Menge hätte man theoretisch nach zwei Jahren den Phoenix-See in Dortmund zum Überlaufen gebracht.

Am Ende wird das abgepumpte und aufbereitete Wasser in die Emscher geleitet. Aber damit noch nicht genug: Indem man die Halde quasi wasserdicht machte, drohten die benachbarten Bäche auszutrocknen. Das Grundwasser konnte sich an dieser Stelle nicht neu bilden. Heute wird das Grundwasser, das in der Nähe in einer bergbaulichen Senkung zum Schutz des Waldes abgepumpt wird, in kleinen Mengen in die Bäche geführt.

Der BUND äußert sich kritisch

Es wird also viel getan. Aber ist die Gefahr für das Grundwasser deshalb bei den Halden allgemein gebannt? Dirk Jansen, NRW-Geschäftsleiter beim „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland“ (BUND) äußert sich kritisch. Er verweist auf die europäische Wasserrahmenrichtlinie, nach der beim Grundwasser bis Ende dieses Jahres die EU-weiten Grenzwerte für Schadstoffe eingehalten werden müssen. Zudem darf nicht mehr Grundwasser entnommen werden, etwa für die Trinkwassergewinnung, als sich auf natürlichem Wege wieder bilden kann.

Es ist zwar möglich, dass die Frist bis zur Umsetzung der Richtlinie bei nicht weiterer Verschlechterung der Wasserqualität verlängert wird. „Allerdings befinden sich alle Grundwasserkörper und der Großteil der Oberflächengewässer des Ruhrgebiets nach den Monitoring-Ergebnissen des Landes in einem schlechten Zustand. Eine wesentliche Ursache dafür ist auch der Bergbau, insbesondere im Hinblick auf die Chlorid- und Sulfatbelastung“, betont Jansen. Schwermetalle seien ebenfalls ein Thema. Dazu käme noch die besondere Problematik der PCB-Belastung. Jansen: „Bislang fehlt eine vollständige Bestandserfassung inklusive Gefährdungsabschätzung aller Halden.“

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