Als Alva E. 2025 eine Schraube ziehen will, schlägt der Akkuschrauber aus – und reißt ihren Arm mit. Die damals 20-Jährige arbeitet als Monteurin. Sie ist es gewohnt, anzupacken, aber in diesem Moment schmerzt der ganze Arm. Sie versucht weiterzumachen. Am nächsten Tag geht sie zum Arzt und wird für den Rest der Woche krankgeschrieben.

Alva versucht danach immer wieder, zur Arbeit zurückzukehren – und scheitert. Mal hält sie einen halben Tag durch, mal weniger. Sie muss erneut zum Arzt. Eine Röntgenaufnahme zeigt zwar keinen Knochenbruch, aber eine Überlastungsverletzung. Der Arzt empfiehlt ihr, schrittweise wieder anzufangen. Keine sofortige Vollbelastung, aber auch keine lange Auszeit. Stattdessen: zunächst zwei Wochen zu 100 Prozent zu Hause, dann zwei Wochen auf 75 Prozent, dann 50 Prozent – eine Treppe zurück ins Arbeitsleben.

Selfie Alva E.
Alva E. verletzte sich mit 20 bei der Arbeit und konnte durch die Teilzeitkrankschreibung wieder sanft zur Arbeit zurückkehren.© privat | Privat

In Deutschland wäre das heute nicht möglich. Hierzulande gilt beim Krankschreiben noch das Alles-oder-Nichts-Prinzip. Arbeitnehmer erhalten im Krankheitsfall bis zu sechs Wochen lang ihr volles Gehalt vom Arbeitgeber. Danach bezahlt die Krankenkasse Krankengeld. Es gibt zwar das sogenannte Hamburger Modell, das eine schrittweise Wiedereingliederung in den Beruf ermöglicht – allerdings greift es erst nach einer längeren Krankheitsphase und ist freiwillig. Der Arbeitgeber muss ausdrücklich zustimmen. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat nun allerdings die Teilkrankschreibung in den Eckpunkten für die geplante Gesundheitsreform aufgeführt. So soll auch in Deutschland eine abgestufte Krankschreibung möglich sein. Schweden praktiziert dieses Modell bereits seit 1955.

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Vier Stufen statt nur zwei

Das Prinzip ist simpel: Ärztinnen und Ärzte können in Schweden nicht nur feststellen, ob jemand arbeitsunfähig ist, sondern auch zu welchem Grad. Die Abstufungen betragen 25, 50, 75 oder 100 Prozent. „Die Einschätzung basiert nicht auf der Diagnose an sich, sondern auf der funktionellen Einschränkung in Bezug auf die konkrete Arbeitstätigkeit“, erklärt Marina Tuutma, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Expertin der schwedischen Ärztekammer, im Gespräch mit dieser Redaktion.

In der Praxis muss also mit dem Patienten zusammen auch festgestellt werden, welche körperlichen, kognitiven und sozialen Anforderungen der Job stellt – und mit dem abgeglichen werden, was die Person tatsächlich leisten kann. Ausdauer, Tempo, Konzentrationsfähigkeit, Stresstoleranz. „Wer zu 25 Prozent arbeitsfähig ist, schafft meist nur begrenzte Aktivitäten und benötigt viele Ruhepausen. Bei 50 Prozent kann man einen halben Tag mit reduzierten Anforderungen arbeiten. 75 Prozent bedeuten: Fast volle Funktion, aber mit vermindertem Tempo und reduzierter Ausdauer“, sagt Tuutma.

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Schwedisches Krankheitsmodell ermöglicht flexibles Arbeiten bei Krankheit

Hinter dem Modell steckt auch eine andere Finanzierungslogik als in Deutschland. Schwedische Arbeitnehmer erhalten von ihrem Arbeitgeber im Krankheitsfall nur für die ersten zwei Wochen etwa 80 Prozent des Gehalts. Danach übernimmt die staatliche Sozialversicherungsbehörde Försäkringskassan. Das bedeutet: Wer länger krank ist, hat ein finanzielles Interesse daran, zumindest teilweise weiterzuarbeiten – und das Modell macht das möglich. Laut Försäkringskassan wurden im Jahr 2024 rund 35 Prozent der Krankentagegelder für Frauen und 28 Prozent für Männer in Form von Teilkrankengeld ausgezahlt.

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Wie wichtig diese Schrittweise ist, weiß Alva aus eigener Erfahrung. „Als ich zu 100 Prozent zu Hause war, konnte ich anfangs vor Schmerzen nicht einmal abwaschen“, erzählt sie. Die Untätigkeit zehrte an ihr. „Ich war sehr niedergeschlagen. Ich schämte mich, weil ich bestimmte Dinge nicht schaffte, und hatte das Gefühl, meinem Partner zur Last zu fallen. Fast wäre ich depressiv geworden.“

Als sie dann schrittweise wieder anfing zu arbeiten, änderte sich alles. Die täglichen Routinen kamen zurück: aufstehen, frühstücken, zur Arbeit fahren. Nachmittags hatte sie mehr Energie als während der Vollkrankschreibung. „Einfach mal wieder den Arm ein bisschen zu benutzen, hat mir enorm geholfen – zusammen mit Physiotherapie und Akupunktur.“

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Stufenweise Rückkehr zur Arbeit: Für Isabella die Rettung

Ähnlich klingt es bei Isabella S., 27, die heute Gesundheitswissenschaften studiert. Im Jahr zuvor arbeitete sie in einer Sportstätte. Dann brach sie zusammen: Depression, Erschöpfung, Angststörung, Panikattacken. Einen Monat war sie vollständig krankgeschrieben, dann arbeitete sie drei Monate auf 50 Prozent, dann zwei Monate auf 75 Prozent – insgesamt sechs Monate stufenweise Wiedereinstieg. „Die Teilkrankschreibung war entscheidend dafür, dass ich überhaupt wieder zurückfinden konnte“, sagt sie. „Nicht nur ins Arbeiten, sondern alles, was dazugehört: Pünktlichkeit, mehrere Dinge gleichzeitig managen, Stressphasen aushalten.“ Und sie lernte etwas, das sie vorher nicht kannte: Pausen wirklich zu machen.

Selfie Isabella S.
Die junge Schwedin Isabella S. konnte durch die Teilkrankschreibung wieder zurück ins Arbeitsleben finden. © privat | Privat

Auch Marina Tuutma merkt an, dass das Modell bei psychischen Krankheiten wie Depressionen, Angststörungen und Burnout in späteren Phasen besonders hilfreich ist: „Hier hilft Teilzeitarbeit, Struktur zu bewahren, Isolation zu verringern und die Rückkehr zu fördern“, sagt sie. In manchen Fällen gebe es aber auch Widerstand bei den Patienten selbst zu überwinden: „Manche haben Angst, dass sie es nicht schaffen werden. Dann ist es wichtig zu erklären, dass es sich um Rehabilitation handelt – und wir den Plan jederzeit anpassen können.“

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Rückkehr nach Krankschreibung: Schwierigkeiten mit Arbeitgebern

Nicht immer läuft der Wiedereinstieg so reibungslos. Alva erinnert sich daran, dass ihre Vorgesetzte die Ernsthaftigkeit der Verletzung zunächst nicht erkannte. „Sie hat wohl nicht verstanden, wie sehr es weh tat. Erst als ich in ihrem Büro zusammengebrochen bin, hat sie es begriffen.“ Als Alva dann auf Teilzeitbasis zurückkam, sei die Chefin vorwiegend froh gewesen, sie überhaupt wiederzuhaben.

Fachärztin Tuutma kennt solche Situationen. „Es gibt Arbeitgeber, die Patienten auffordern, eine Vollkrankschreibung zu verlangen, weil ihnen die Anpassungen bei einer Teilkrankschreibung zu aufwendig sind.“ Dagegen habe die Ärztin nur ein Mittel: Klarheit. „Wir dokumentieren im Attest genau, welche Einschränkungen bestehen – aber auch, was der Patient kann. Das ist die Grundlage. Das medizinische Interesse des Patienten hat Vorrang.“

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Individuelle Einschätzung statt Schablone: Schwedische Ärztin rät zur Praxisnähe

Sollte ein ähnliches System in Deutschland Realität werden, rät die Allgemeinmedizinerin Tuutma den deutschen Kolleginnen und Kollegen: „Fokussiert euch auf Funktion, nicht auf Diagnose. Fragt nicht nur, was jemand nicht kann – sondern was er kann. Macht individuelle Einschätzungen, keine Schablonen. Und bleibt in engem Kontakt mit dem Arbeitsplatz.“

Für Alva und Isabella war es ein Wendepunkt. Alva ist heute wieder vollständig arbeitsfähig und war seitdem kein einziges Mal mehr krankgeschrieben. Isabella studiert und plant ihre Zukunft im Gesundheitswesen.