Viele weibliche Erwerbsbiografien klingen heute immer noch so oder ähnlich: Ausbildung oder Studium und erste Joberfahrungen erfolgreich, nach der Eheschließung eine Babypause, danach Rückkehr an den Arbeitsplatz, aber in Teilzeit. Geplant ist der Stundenverzicht eigentlich für eine Übergangszeit, bis nach dem Kindergarten. Doch dann kommt das zweite Kind, die Betreuungssituation wird nicht einfacher, irgendwie ergibt es sich nicht. Finanziell scheint der Verzicht verkraftbar, vor allem wenn der Gatte gut verdient.

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Die Quittung kommt vielfach erst mit dem Eintritt ins Rentenalter. Dann wirken sich Gehaltsverzicht und geringere Sparleistungen nicht selten gravierend aus: „Die finanziellen Folgen von Teilzeitphasen werden häufig unterschätzt“, warnt Verivox-Finanzexpertin Melanie Ulbrich. Das Vergleichsportal hat Beispiele durchgerechnet und kommt zu dem Ergebnis: Wer zehn Jahre lang auf einer halben Stelle arbeitet und entsprechend weniger sparen kann, hat zum Renteneintritt unter Umständen mehr als 200.000 Euro weniger Vermögen als jemand, der durchgehend in Vollzeit beschäftigt war und deshalb mehr zurücklegen konnte.

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Ungleiche Verteilung: Frauen sind häufiger in Teilzeit als Männer

Knapp ein Drittel der Erwerbstätigen arbeitete 2024 nach Angaben des Statistischen Bundesamts nicht in Vollzeit – ein neuer Höchststand. Vor allem Frauen nutzen überproportional häufig die Möglichkeit, im Job kürzerzutreten – mit allen finanziellen Folgen. Jede zweite berufstätige Frau reduziert nach Statistik der Bundesagentur für Arbeit die Stundenlast, aber nur jeder zehnte Mann.

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Eine gängige Erklärung: Immer noch übernehmen Frauen den Großteil der Betreuungsarbeit für Kinder und pflegebedürftige Angehörige. Nur vier von zehn der erwerbstätigen Frauen ohne Kinder, aber fast sieben von zehn Müttern arbeiten in Teilzeit, ermittelte die Hans-Böckler-Stiftung.

Immerhin hat auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen insgesamt laut der Bundesagentur für Arbeit im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht. Doch entfalle das Beschäftigungsplus überwiegend auf Teilzeitbeschäftigung.

Experte rät: Vorsorgelücke rechtzeitig schließen

Verantwortlich machen Studien vor allem schlechtere Rahmenbedingungen: das Fehlen verlässlicher Kinderbetreuung, eine einseitige Aufteilung der Familienaufgaben. Was oft übersehen wird: Die Wirkungen des reduzierten Stundendeputats gehen über den unmittelbaren Gehaltsverzicht hinaus und wirken durch geringere Lohnsteigerungen, schlechtere Aufstiegschancen, geringere Rentenbeiträge und Nachteile beim Vermögensaufbau lange nach. Die Löhne in Branchen mit hoher Teilzeitquote sind überdies oft niedriger. „Gerade wenn Teilzeitarbeit unvermeidbar ist, sollten Partner über einen finanziellen Ausgleich sprechen, um zumindest einen Teil der Vorsorgelücke zu schließen“, rät Ulbrich.

Die wirtschaftlichen Folgen der Ungleichverteilung bei den Arbeitszeiten manifestieren sich im Rentenalter, nach einer Scheidung oder wenn der Hauptverdiener ausfällt: Die Ansprüche aus Hinterbliebenen- oder Erwerbsminderungsrente reichen oft nicht aus.

Arm durch Scheidung: Warum das vielen Frauen passiert

„Viele Paare lassen sich heute auch in höherem Alter noch scheiden. Dann kommt für viele das große Erwachen“, sagt Andrea Schuff von der Peter und Maria Kinscherff-Stiftung für Seniorenhilfe. Schuff erzählt von der 60-jährigen Helga, die gerne eine lieblose Ehe beenden würde. Nach einer Scheidung wäre sie wirtschaftlich aber kaum abgesichert, trotz Versorgungsausgleich. Helga hat in ihrer 35-jährigen Ehe immer halbtags gearbeitet, nichts selbst gespart und nur geringe Rentenansprüche. Heute bereue sie das, sagt sie. Schuff empfiehlt Ehepartnern, sich früher über ihre Altersabsicherung Gedanken zu machen – auch über Eheverträge, testamentarische Regelungen oder eigene Altersvorsorge.

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Die Pfälzerin Karin erlebte früh tragische Lebenseinschnitte: Ihr vierjähriger Sohn stirbt. Viele Jahre arbeitet sie unentgeltlich in der Firma ihres Mannes mit. Er verliebt sich neu, verlässt Frau und Firma mit Anfang 50, bei der Scheidung verzichtet sie auf Rosenkrieg und Ansprüche. Sie kehrt zurück in ihren Beruf als Bankkauffrau, dann schlägt das Schicksal erneut zu. Eine Augenkrankheit zwingt sie, den Beruf aufzugeben. Heute reicht das Geld der Altersrente mit ergänzender Grundsicherung für die 75-Jährige kaum für das Notwendigste.

Warum das Steuerrecht Mehrarbeit für Familien unattraktiv macht

Laut Sozio-oekonomischem Panel des Deutsche Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin klaffen die Arbeitszeiten zwischen Männern und Frauen auch heute nicht nur in der Familiengründungsphase auseinander. Oft genug schließe sich die Lücke danach nicht mehr. So arbeiteten Frauen auch jenseits ihres 45. Geburtstags rund acht bis neun Wochenstunden weniger als Männer. Der Einstieg in Teilzeit verfestigt sich über die Jahre.

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Zu dieser Entwicklung tragen auch steuerliche Fehlanreize bei. Das DIW befragte 2023 im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung mehrere Tausend Frauen im Alter von 45 bis 66 Jahren zu ihren Lebens- und Arbeitsumständen. Knapp 35 Prozent der nicht erwerbstätigen Frauen gaben an, dass sich Erwerbsarbeit finanziell für sie nicht lohne.

Ein Grund: Das deutsche Steuerrecht macht die Mehrarbeit für viele Familien wenig attraktiv. So entlastet das Ehegattensplitting vorrangig Paare, die extrem unterschiedlich verdienen, weil das gemeinsame Einkommen rechnerisch gleichmäßig auf beide Partner verteilt wird – und dadurch der Progressionseffekt der Einkommensteuer sinkt. Je größer der Gehaltsunterschied zwischen den Ehepartnern, desto größer der Steuervorteil. Das Zusammenspiel aus Ehegattensplitting und der steuerlichen Behandlung von Minijob-Einkünften mache es für verheiratete Frauen unattraktiv, ihre Arbeitszeit auszuweiten, analysiert die Bertelsmann-Stiftung. Das Splitting halte Frauen in der Teilzeitfalle, argumentiert Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD), der die Debatte um eine Reform neu entfacht hat.

Das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung ermittelte für das Nachbarland unlängst, dass Teilzeitphasen von 20 bis 30 Wochenstunden zu massiven Einbußen beim kumulierten Lebenseinkommen von Frauen führten – je nach Branche von mehreren Hunderttausend Euro aufwärts.

Selbst geringere Sparraten legten einen Grundstein für den Aufbau eines eigenen Vermögens, rät Verivox: „Wer 100 Euro monatlich über 37 Jahre anlegt, verfügt im Rentenalter über ein Depotvermögen von gut 243.300 Euro.“

Zur Modellrechnung

Bei seinen Modellrechnungen legt Verivox unterschiedliche Szenarien zugrunde, darunter eine durchgehende Vollzeitanstellung und Teilzeit für zehn Jahre mit anschließender Rückkehr zum Vollzeitjob. Sie unterstellten in allen Beispielen, dass auf privater Basis Geld für das Alter zurückgelegt wird – gemäß den durch Voll- oder Teilzeit bedingten Möglichkeiten. Würde also eine in Vollzeit beschäftigte Person ab dem 30. Lebensjahr monatlich 300 Euro in einen ETF-Sparplan packen, würden bis zu einem Renteneintritt mit 67 Jahren 136.800 Euro eingezahlt. Bei einer konstanten Jahresrendite von 7,5 Prozent entstehe daraus ein Depotwert von rund 730.000 Euro. Im zweiten Szenario arbeitet die Person im Alter von 30 bis 40 Jahren nur halbtags und spart in dieser Phase deshalb nur 150 Euro monatlich. Anschließend steigt sie auf Vollzeit und eine Sparrate von 300 Euro um. Daraus ergäben sich Einzahlungen von 118.800 Euro und ein Depotwert bei Renteneintritt von rund 529.200 Euro.