Der Equal Pay Day ist gerade erst vorbei, der Frauentag steht bevor. Nun werden Frauen am 9. März, dem Frauenstreiktag, zum Demonstrieren aufgerufen. Ungleichheit und Unterbezahlung sind Thema. Doch ungleiche Bezahlung ist nur ein Bruchteil eines Problems, das Frauen nicht nur um ihr Geld, sondern auch um ihren Orgasmus bringt. Egal ob wirtschaftlich, beruflich oder privat: Die Sichtbarkeit der Unterschiede zwischen den Geschlechtern, der sogenannten Gaps, nimmt weiter zu.

Alexandra Scheele, Professorin der Arbeits- und Wirtschaftssoziologie an der Universität Bielefeld, forscht zu genau diesen Lücken. Besonders bekannt ist der Gender-Pay-Gap, also die geschlechtsspezifische Lohnlücke. Eng damit verbunden sind der sogenannte Gender-Pension-Gap, also die Lücke bei der Rente, und der Gender-Lifetime-Earnings-Gap, also Unterschiede im lebenslangen Einkommen.

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Auch im Bereich der politischen und wirtschaftlichen Macht existiert ein Gender-Leadership-Gap, weil Frauen in Führungspositionen weiterhin unterrepräsentiert sind. Hinzu kommt der Gender-Care-Gap, der verdeutlicht, dass Frauen deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit wie Kinderbetreuung oder Pflege übernehmen.

Für Scheele ist der Lifetime-Earning-Gap die Lücke, die am ehesten unterschätzt wird. Er bezeichnet die Summe, die Frauen im Vergleich zu Männern auf das gesamte Leben gesehen weniger verdienen. „Eine Studie aus 2020 zeigt, dass Frauen in Westdeutschland in ihrem gesamten Leben 670.000 Euro weniger verdienen als Männer. Frauen in Ostdeutschland verlieren auf ein Leben gerechnet 450.000 Euro.“ Auf ein ganzes Erwerbsleben gerechnet verlieren Frauen also ein Einfamilienhaus.

Gender-Care-Gap verstärkt Rentenlücke und Vermögensunterschiede

Doch damit nicht genug: Der Gender-Care-Gap, die ungleiche Verteilung von Haus- und Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern, sorgt oft dafür, dass Frauen mehr in Teilzeit arbeiten müssen. Das führt zu „Ungleichheiten in den ökonomischen Ressourcen, dem Gender-Wealth-Gap, die über den aktuellen Moment hinausreichen“, sprich Unterschiede bei der Rente und dem Vermögen, das Frauen in ihrem Leben überhaupt ansparen und reinvestieren können.

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Beim geringeren Einkommen erfolgt weniger Einzahlung in die Rentenkassen, auch oft durch Erwerbsunterbrechung durch unbezahlte Sorgearbeit. Mit dem Ergebnis einer weiteren Lücke, dem Gender-Pension-Gap: „Aktuell liegt die Rentenlücke bei 36 Prozent“, erklärt Scheele. Es zeigt sich: „Die Gaps gehen alle Hand in Hand.“

Ungleichheit im Schlafzimmer: Weibliche Lust wird oft übersehen

Die fehlende Sichtbarkeit von weiblicher Lebensrealität zieht sich bis in das private Schlafzimmer: „Auch Sexualität ist ein Bereich, der stark von patriarchalen Mustern geprägt ist“, weiß die Expertin. Bei heterosexuellen Beziehungen gelte laut Scheele noch immer der männliche Orgasmus durch Geschlechtsverkehr als gelungener Sex. Andere Formen von sexueller Befriedigung, die der Frau zum Orgasmus verhelfen können, werden als nachrangig betrachtet.

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Die Lücken entstehen also in beinahe jedem Lebensbereich. Alexandra Scheele weiß um die Komplexität der Ungleichheiten, die eng mit einem kapitalistischen Lebensentwurf verbunden sind: „Kapitalismus ist orientiert an der Produktion von immer mehr Gütern, Ausbeutung und Übernutzung von Ressourcen. Der ganze Bereich von Care-Arbeit und die Frage der Reproduktion müssen privat organisiert werden.“ Und das falle in erster Linie Frauen zu.

Prof. Dr. Alexandra Scheele über Gender Gaps
Alexandra Scheele ist Professorin für Arbeits- und Wirtschaftssoziologie an der Uni Bielefeld und Expertin zum Thema Gendergaps.© Universität Bielefeld | M. Richter

Die Wissenschaftlerin erklärt: „Eigentlich müssten alle Menschen Teilzeit arbeiten, um überhaupt in der Lage zu sein, sich fortzupflanzen, sich zu bilden, sich zu kleiden, zu essen und ein soziales Leben zu führen.“ Bei mehr Bewusstsein darüber wäre eine Diskussion über Lifestyle-Teilzeit laut Scheele überflüssig: „Wir machen uns in unserem Wirtschaftssystem zu wenig Gedanken darüber, wie Menschen zu den Menschen werden, die wir gesellschaftlich, aber auch wirtschaftlich brauchen.“

Gleichberechtigung: Nur faire Aufteilung von Sorgearbeit schafft Chancen

Einen Aufschrei der Männer, die sich durch die Sichtbarkeit der Gaps benachteiligt fühlen, kann Scheele entschieden entkräften: „Dafür gibt es überhaupt keine Anzeichen. Wie sieht jedwedes Spitzentreffen der deutschen Wirtschaft aus? Die politischen Entscheidungsträger auf internationaler Ebene? Und wie ist weiterhin die Entgeltungleichheit bestellt?“

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Solange die Gaps bestehen, sei Sichtbarkeit unerlässlich: „Ich kann mir vorstellen, dass es für Männer auf eine Art nervig ist, ständig von der Benachteiligung von Frauen zu hören. Aber der Ruf danach ist legitim, solange sich die Verhältnisse nicht verändern. Auf diese Ungleichheit muss man immer wieder hinweisen.“

Gleichberechtigte Care-Arbeit ermöglicht erfülltes Berufs- und Privatleben

Doch was ist die Lösung? Die Professorin sieht zwei Stellschrauben. Erstens: Augen auf bei der Partnerwahl. „Wenn man mit jemandem Familie gründet, muss man sich frühzeitig darüber verständigen, wer sich wie um die Kinder kümmert.“ Paare sollten nicht einfach davon ausgehen, dass die Frau den Großteil der Care-Arbeit übernimmt. „Das ist Verhandlung. Das ist nicht immer angenehm, aber nur dann, wenn die Sorgearbeit gleichberechtigt verteilt ist, besteht überhaupt eine Chance, dass beide ein erfülltes Berufs- und Privatleben haben“, sagt Scheele.

Der zweite Tipp: Frauen sollten überprüfen, ob das, was sie tun, auch dem entspricht, wofür sie am Ende vergütet werden, und offen über Gehälter sprechen. „Manche Frauen sind bescheiden und fragen nicht nach Zulagen, während vielleicht ihre Kollegen breitbeinig sagen: Ich habe eine Projektleitung übernommen, also steht mir eine Zulage zu. Das ist keine unanständige Frage, sondern eine Frage, um Aufschluss darüber zu bekommen, wo man gerade beruflich steht“, betont die Wissenschaftlerin. „Es gilt nicht nur der Grundsatz: gleiches Geld für gleiche Arbeit, sondern auch der Grundsatz: gleiches Geld für gleichwertige Arbeit.“