Das Zwitschern in unseren Gärten, Feldern und Wäldern verändert sich. Es wird an manchen Orten leiser, an anderen kommen neue, exotische Stimmen hinzu. Während Arten wie der farbenprächtige Bienenfresser vom Klimawandel profitieren und sich immer weiter nach Norden ausbreiten, kämpfen viele einstige „Allerweltsvögel“ ums nackte Überleben.
Diese dramatische Dynamik ist das zentrale Ergebnis des Berichts „Vögel in Deutschland – Bestandssituation 2025“, der im Oktober 2025 vom Bundesamt für Naturschutz (BfN), der Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten (LAG VSW) und dem Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) veröffentlicht wurde. Hintergrund des Reports ist die EU-Vogelschutzrichtlinie, die die Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, alle sechs Jahre Daten zum Zustand der Vogelwelt zu erheben.
Der Vogelreport 2025: Woher kommen die Daten?
Über 50.000 ehrenamtliche Vogelbeobachterinnen und -beobachter haben über zehn Millionen Sichtungen über Plattformen wie ornitho.de beigesteuert. Rund 7000 von ihnen erheben die Daten nach streng wissenschaftlichen Standards. Für Angaben aus den Vogelschutzgebieten und über schwer erfassbare Arten verlässt sich der Bericht auf Einschätzungen von Experten.
Die deutsche Artenliste enthält aktuell 304 Brutvogelarten, darunter 244 etablierte einheimische Brutvogelarten, 25 unregelmäßig brütende Arten, 18 ausgestorbene Arten und 17 etablierte Neozoen (also eingeschleppte oder eingewanderte Tierarten). Amsel, Buchfink und Kohlmeise sind weiterhin die häufigsten Brutvogelarten Deutschlands.
Klimagewinner: Neue Nachbarn aus dem Süden
Was der Bericht vorrangig zeigt: Der Klimawandel hat unbestreitbar einige Gewinner hervorgebracht. Es sind vor allem wärmeliebende Arten aus dem Mittelmeerraum, die ihre Brutareale immer weiter nach Norden ausdehnen und sich in Deutschland zunehmend zu Hause fühlen. Das prominenteste Beispiel ist der Bienenfresser. Mit seinem leuchtend bunten Gefieder ist er ein echter Hingucker und gehört zu den Arten mit den stärksten Bestandszuwächsen im Untersuchungszeitraum von 1998 bis 2022.
Aber er ist nicht allein. Auch Wiedehopf, Purpurreiher, Zaunammer und Mittelmeermöwe profitieren von milderen Wintern und wärmeren Sommern. Einige Arten haben sich sogar ganz neu als Brutvögel bei uns etabliert, darunter die kleine Zwergohreule und der Seidensänger. „Erstmals können wir bei einer Reihe von Vogelarten Bestandstrends beobachten, die sich mit Auswirkungen des Klimawandels in Zusammenhang bringen lassen“, kommentiert Tobias Erik Reiners, Vorstandsvorsitzender des DDA.
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Klimaverlierer: Das leise Sterben auf den Feldern
Aber wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer – und die Liste ist lang. Während des Berichtszeitraumes und danach sind sechs Vogelarten in Deutschland ausgestorben, zuletzt die Zwergmöwe (2025). Weitere Arten sind akut vom Aussterben bedroht.„Während wärmeliebende Arten zunehmend profitieren, nehmen die Bestände vieler häufiger Arten, die gemäßigte Temperaturen bevorzugen, tendenziell ab“, so Reiners.
„Der Bestandsbericht der Vögel in Deutschland gibt großen Anlass zur Sorge“, mahnt auch der Naturschutzbund (NABU). Besonders dramatisch ist demnach die Situation für die Vögel, die sich auf Feldern wohlfühlen. Die Intensivierung der Landwirtschaft mit riesigen Monokulturen, dem Einsatz von Pestiziden und der Trockenlegung von Feuchtwiesen habe Lebensgrundlagen vieler Vogelarten zerstört. Ihnen fehlen Insekten als Nahrung, Wildkräuter als Deckung und geeignete Plätze zum Brüten.
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Gleich sieben Arten des landwirtschaftlich genutzten Offenlandes gehören zu den 20 größten Verlierern der letzten Jahrzehnte. Der Kiebitz hat seit 1980 einen Bestandsrückgang von schockierenden 93 Prozent erlitten. Ähnlich düster sieht es für das Rebhuhn aus, dessen Bestand um 66 Prozent einbrach. Weitere Sorgenkinder sind die Bekassine (- 66 Prozent), Uferschnepfe (- 59 Prozent), das Braunkehlchen (- 59 Prozent) und der Wachtelkönig (- 61 Prozent).
Einige Vogelarten sind bereits ausgestorben
Die Ornithologin Anne Evers von der NABU-Station im Katinger Watt (Schleswig-Holstein) bringt die Tragödie auf den Punkt: „Es bestürzt mich, diesen Rückgang mitansehen zu müssen. Als ich 2007 meine Arbeit für die Vogelwelt aufnahm, war das Zwitschern noch lauter. Das Braunkehlchen etwa ist kaum noch zu hören.“
Einige Arten sind bereits für immer aus Deutschland verschwunden. Im aktuellen Berichtszeitraum wurden Rotkopfwürger, Ohrentaucher und Raubseeschwalbe als ausgestorben eingestuft. Zuletzt folgten außerdem der Seggenrohrsänger (2023) und die Zwergmöwe (2025). Damit ist die Liste der bei uns ausgestorbenen Brutvögel auf 20 Arten angewachsen.
NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger fordert deswegen: Die EU muss ihre zur Verfügung stehenden Mittel konsequent dazu nutzen, Umweltleistungen von Landwirten zu honorieren. „Die aktuellen Vorschläge der Europäischen Kommission gehen jedoch in die entgegengesetzte Richtung und stellen die Legitimation der Zahlungen vor dem Hintergrund knapper Kassen immer mehr in Frage“.
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Artenschutz wirkt
Es gibt aber glücklicherweise auch Erfolgsgeschichten aus dem Naturschutz. Gezielte Artenhilfsprogramme, das Verbot von Umweltgiften wie DDT und die Ausweisung von Schutzgebieten haben laut Report dazu geführt, dass sich die Bestände einiger „Flaggschiffarten“ erholt haben.
So sind Seeadler, Kranich, Uhu und die majestätische Großtrappe wieder häufiger in Deutschland anzutreffen. Die Erfolge beweisen, dass konsequenter Schutz wirkt und als Vorbild für weitere Maßnahmen dienen kann, so der Report. Selbst im Wald gebe es Veränderungen: Der zunehmende Totholzanteil in vielen Wäldern bietet Arten wie dem Bunt-, Schwarz- und Mittelspecht bessere Lebensbedingungen.

Ein zentrales Instrument zum Schutz bedrohter Arten sind die europäischen Vogelschutzgebiete. Der Bericht zeigt, dass diese Gebiete wirken – wenn sie richtig gemanagt werden. Wo es umfassende Pläne gibt, haben bedrohte Arten wie Schreiadler oder Mittelspecht demnach eine reelle Überlebenschance. Im Zeitraum von 2010 bis 2022 zeigten rund 40 Prozent der „Triggerarten“ – also der Arten, die besonderen Schutz benötigen – eine positive Bestandsentwicklung.
Vogelschutzgebiete: Viel Luft nach oben
Die Kehrseite der Medaille: Für weniger als die Hälfte der deutschen Vogelschutzgebiete lagen 2022 überhaupt vollständige Managementpläne vor. Hier besteht laut Bericht „dringender Handlungsbedarf“. Denn rund 30 Prozent der Bestandsarten zeigen einen negativen Trend. Das biete Anlass zur Sorge, zumal sich die Zahl an Arten mit stabilen Beständen verringert hat. Die genauen Gründe für diese Dynamiken sind jedoch noch nicht hinreichend erforscht. Es liegt aber nahe, dass die Schutzbemühungen bei Weitem nicht ausreichen, um den Rückgang vieler Arten zu stoppen.
Deutschlands Verantwortung geht mittlerweile zudem über die heimischen Brutvögel hinaus. Durch den Klimawandel hat die Bedeutung des Landes als Rast- und Überwinterungsgebiet für Millionen von Wasservögeln zugenommen. 70 Prozent der Wasservogelarten zeigen über die letzten zwölf Jahre im Winter Zunahmen. Es gilt also, die für Trauerente, Kranich oder Zwergschwan überlebenswichtigen Küsten- und Binnengewässer zu schützen.
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„Der Bericht macht deutlich: Wenn in den ausgewiesenen Schutzgebieten ein umfassendes Management erfolgt, haben bedrohte Vogelarten wie Schreiadler und Mittelspecht eine Chance, dauerhaft zu überleben. Die positive Bestandsentwicklung bei vielen Arten unterstreicht, wie wirkungsvoll konsequentes Management sein kann – in Schutzgebieten und darüber hinaus“, kommentiert Sabine Riewenherm, Präsidentin des BfN.

Heimische Vogelarten schützen: Was können wir tun?
Die zunehmende Dynamik – mehr Gewinner, mehr Verlierer, aber immer weniger stabile Arten – zeige, dass unsere Ökosysteme unter enormem Stress stehen, so der Vogelreport. Die Krise unserer heimischen Vogelwelt sei Teil der globalen Biodiversitätskrise: Laut Weltbiodiversitätsrat sind weltweit rund eine Million der etwa acht Millionen Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht.
Naturschutzverbände sehen jedoch auch einen klaren Weg nach vorn. Die zentrale Forderung ist die konsequente und schnelle Umsetzung des EU-Gesetzes zur Wiederherstellung der Natur, das 2024 verabschiedet wurde. Das Gesetz verpflichtet alle EU-Mitgliedsstaaten, bis 2030 mindestens 20 Prozent ihrer geschädigten Land- und Meeresflächen wiederherzustellen. Für Deutschland bedeutet das vor allem die Wiedervernässung von Mooren und Feuchtwiesen
Solche Maßnahmen schaffen nicht nur Lebensraum, sondern helfen auch uns Menschen: Sie speichern Wasser, mildern Dürren und Hochwasser ab und wirken als natürliche Klimaanlagen. „Deutschland muss nun zeigen, dass es seine Verpflichtung ernst nimmt und zerstörte Lebensräume konsequent wiederherstellt“, fordert Krüger.
Verantwortung liegt bei Politik und Landwirtschaft
Ein weiterer entscheidender Hebel sei die Agrarpolitik. Landwirtinnen und Landwirte müssen gezielt belohnt werden, wenn sie Leistungen für die Natur erbringen, findet der NABU – etwa durch das Anlegen von Blühstreifen, Hecken oder den Verzicht auf Pestizide. Ein „Weiter so“ in der Agrarpolitik jedenfalls sei keine Option.
Der Bericht macht deutlich: Wir wissen, was zu tun ist. Die Erfolge im Artenschutz zeigen, dass Anstrengungen Früchte tragen können. Jetzt liege es an der Politik, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit das Zwitschern in Deutschland nicht weiter verstummt, sondern wieder vielfältiger wird.
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