Quo Vadis, Recklinghausen? Der Streit um den richtigen Weg

Eine Sünde reicht

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Wer die Fakten kennt, kann dem geplanten Monstrum von Einkaufszentrum am Löhrhof nur die Zähne zeigen. Einen solchen Riesen verträgt die Stadt nicht. Und: Karstadt darf nicht geopfert werden. Der Kommentar zur Themenwoche.

Recklinghausen. Die Arcaden sind in der geplanten Form zu groß. Viel zu groß. Bürgermeister Wolfgang Pantförder (CDU) und seine konturlosen Koalitionäre von FDP und WIR versündigen sich an der Altstadt, mit ihrem Ja zum Vorhaben des Investors Management für Immobilien AG (mfi) für das Löhrhof-Center. Bezahlen, in Euro und Cent, werden dies Einzelhändler in den Nebenlagen – schlimmstenfalls mit Pleiten ihrer Läden.

Jahre später werden wir Steuerzahler zur Kasse gebeten werden, wenn heruntergekommene Immobilien in den Quartieren am Rande der Altstadt nur mit Fördermitteln des Landes aufzupeppen sind. Die Vorlagen könnte man schon heute schreiben: Stadtumbau Holzmarkt. Oder so. Bezahlen, im ideellen Sinne, werden dies alle Bürger dieser Stadt, die die Bausünde der 70er Jahre, das Löhrhof-Center, eintauschen gegen eine Bausünde der aktuellen Zeitrechnung. Die geplante Knochen-Mall wird die historische Innenstadt wie eine Stadtmauer vom Wall trennen. Die Arcaden werden in erster Linie eine „Wagenburg” der Moderne sein: hinfahren, einkaufen, wegfahren.

Diese Prognose ist kein Hirngespinst. Vielmehr sind es Industrie- und Handelskammer (IHK) und zwei renommierte Gutachter, die auf die Folgen und die bevorstehenden Verwerfungen hinweisen. Könnte man das CIMA-Gutachten (Multi Development /Karstadt) noch als Konkurrenzprodukt abqualifizieren, so müsste spätestens das Studium der GMA-Expertise die Alarmglocken läuten lassen. Gutachterin Birgitt Wachs hat es Donnerstag im Rathaus gesagt: In Nebenlagen, Steinstraße, Heilige-Geist-, Große-Geldstraße, ist mit städtebaulichen Veränderungen zu rechnen. „Dort werden sich Ein-Euro-Läden und Dienstleister wie Fahrschulen oder Versicherer niederlassen.” Diese Trading-Down-Tendenz lässt sich in anderen Städten bundesweit mühelos nachvollziehen.

In einem zweiten Schritt schließen dann die Billigläden, Immobilien verlieren an Wert und die Eigentümer investieren keinen Cent mehr.

Das Aus für Karstadt

Die Arroganz der Allianz (CDU, FDP, WIR) in dieser Sache ist zynisch. Wohlwissend, dass sich rund um Karstadt ein zweites Projekt entwickelt, spielte das Quartier am Markt am Donnerstag keine Rolle. Wer die Gutachten gelesen hat, weiß aber, dass die Recklinghausen Arcaden höchstwahrscheinlich das Aus für Karstadt bedeuten. Eine 1-a-Lage bleibt eine 1-a-Lage, heißt es dazu im Rathaus. Den 150 Mitarbeitern des Warenhauses am Altstadtmarkt wird das wenig helfen, wenn sie den Weg zum Arbeitsamt antreten müssen. Auf dem Weg zur Wahlurne werden sie 2009 daran denken. Die SPD hat das Potenzial, das in dieser Geschichte steckt, indes noch gar nicht erkannt.

Bürgermeister Pantförder und seine Mitstreiter lassen in der Diskussion wichtige Fakten einfach außen vor. Städtebauliche Aspekte, den demographischen Wandel, die Altersstruktur in dieser Region und die Tatsache, dass der Umsatz im Einzelhandel seit gut einem Jahrzehnt stagniert. In Nordrhein-Westfalen sind in den vergangenen zwei Jahren mehr als 500 000 Quadratmeter Verkaufsflächen in Einkaufszentren eröffnet worden oder sind in Planung. Wer um Himmels Willen soll all diese Konsumtempel bespielen? Am Limbecker Platz in Essen ist die erste Euphorie bereits verflogen.

Porzellan zerschlagen

Das klare Ja der Stadtväter für die Arcaden (und damit das Nein zum Quartier am Markt) scheint indes längst nicht mehr nur eine Sache des Verstandes zu sein. Der Investor für die Karstadt-Immobilien (Multi Development) hat bei seinem ersten Auftritt im Rathaus mit markigen Worten viel Porzellan zerschlagen.

Die Zukunft Recklinghausens darf aber nicht von Sympathien abhängen oder von einer eleganten Lösung, um die Stadthäuser „E” und „F” loszuwerden. Überhaupt wird man den Eindruck nicht los, dass sich Pantförder und Co. zurzeit mehr den Kopf von mfi zerbrechen, als an die Wünsche der Bürger zu denken. Diese favorisieren, jede Wette, in der Mehrheit eine Entwicklung rund um Karstadt.

Ein Wohnquartier bauen

Die beste Lösung für Recklinghausen wäre vermutlich ein (wieder einmal) runderneuertes Löhrhof-Center und ein Quartier am Markt. Zusätzliche Verkaufsflächen auf dem Löhrhof II sind völlig überflüssig. Wie wäre es mit einem schönen Wohnquartier für Alt und Jung? Vermarkten ließe sich so etwas auch.

Entschieden ist der Wettstreit der Investoren mit der Offenlegung des Bebauungsplanes 300 nicht. Sportlich gesehen, befinden wir uns vielleicht an der Zehn-Kilometer-Marke eines Marathon-Laufes. Der „Mann mit dem Hammer” kommt erst noch.

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