Dezember ‘71: Grubenunglück auf Ewald

Als der Bergbau Trauer trug

Kleine-Büning

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Foto: WAZ Fotopool

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Herten.Eisen, Stahl und jede Menge Kohle. Bis weit in die 1960er Jahre hinein war die Montanindustrie vor allem im Ruhrgebiet der Motor, der unaufhörlich Dampf machte, das Wirtschaftswunder befeuerte und auf Kurs hielt.

Zehntausende, Abertausende, die damals Stahl kochten oder tief drunten im Bergwerk das schwarze Gold schürften – und dabei alles gaben, was sie hatten: Blut, Schweiß und Tränen. Vor Augen nur das eine Ziel: Man wollte frei sein und wieder leben, nachdem die Zeiten Jahrzehnte zuvor noch ungleich düsterer gewesen waren als der dunkelste Schacht, der tiefste Schlund.

Der Glanz der Kohle, er strahlte weit über das Revier hinaus, schwarze Tage aber hat es gleichwohl immer auch gegeben. Tage, an denen das Ruhrgebiet den Atem anhielt und nicht nur der Bergbau Trauer trug. Tage, wie dieser 14. Dezember 1971, der durch ein Unglück auf Zeche Ewald traurige Berühmtheit erlangte.

Gebirgsschlag! Sieben Tote, drei Verletzte! Walter Philipp erinnert sich auch 40 Jahre später noch fast ganz genau. Das schwerste Grubenunglück in der so ruhmreichen Geschichte der einst so modern-mondänen Zeche Ewald – als hätte es sich in seine Erinnerungen eingebrannt.

Der heute fast 77-Jährige, Wittener, aber seit ewig und drei Tagen in Herten zu Hause, war Bergmann durch und durch und ist es noch. „Ein Zufall, aber ich war damals als einer der Ersten an der Unglücksstelle“, hat er diesen traurigen Montag vor 40 Jahren auf den Punkt parat.

Philipp, der Anfang der 50er Jahre als Bergjungmann auf der Zeche Bruchstraße in Bochum-Langendreer erstmals Kohlenstaub atmete, lernte von der Pike auf. Schlepper, Hauer, Schießmeister, bevor ihm Kollegen rieten zu wechseln, weil „kleine Klitschen“ wie die in Langendreer schon damals auf der Kippe standen. Jobs im Bergbau gab’s noch und nöcher, und so landete er in Herten, wurde Lehrsteiger und arbeitete sich hoch bis zum Fahrsteiger, verantwortlich für Rauben und Transport.

Der 14. Dezember ‘71: „Ein Montag, es muss so gegen halb Zwölf gewesen sein.“ Philipp wollte gegen Zwölf ausfahren, ein Routineanruf bei der Grubenwarte aber brachte diese unvorstellbare Nachricht. Irgendwo im Südfeld, in einer Strecke, wo das Flöz B phasenweise 2,20 Meter mächtig war, hatte es einen Knall gegeben, „der selbst über Tage noch deutlich zu spüren war“.

Die Flözstrecke war als Aufhauen aufgefahren worden, wie der Bergmann sagt, man war also dabei, auf 4,50 Metern Breite und 62 Metern Länge vor Kohle einen Streb vorzubereiten, als, wie später die Untersuchungen ergaben, ein Gebirgsschlag mit unerhörter Wucht hereinbrach.

Über einen Blindschacht gelangte Philipp binnen Minuten an den Unglücksort, wo sich ihm und dem herbeigeeilten Grubenwehr-Oberführer Adolf Tenhaaf ein Bild der Verwüstung bot, des Grauens. Nach wenigen Metern wurden Hans Steinberg und Heinz Schnitt gefunden – tot. Jede Hilfe kam auch für den verschütteten Hans-Josef Kunz zu spät, für Gleisbauarbeiter Alfons Gottlieb. Und tags darauf konnten die Rettungstrupps auch Leonhard Baron, Günter Friedrich und Egon Rangosch nur noch tot bergen.

Andere hatten Glück. Die Hauer Franz Kolecki, Hermann Kuhlmann und Helmut Segadlo, die über 30 Stunden in einem Hohlraum verharrten und schließlich doch gefunden und gerettet wurden.

Sechs der sieben Toten waren verheiratet, hinterließen 14 Kinder. Halb Deutschland nahm Anteil, spendete Trost und Geld, etwa bei der beliebten TV-Sendung „Dalli-Dalli“.

Die, die noch leben, erinnern sich gut. Männer wie Walter Philipp. „Eigentlich ist heute ja ein Tag wie jeder andere. Obwohl . . .?“

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