Velbert Gesichter

Velberterin Roza Junga übersetzt in Gerichtsprozessen

Dolmetscherin Roza Junga in ihrem Arbeitszimmer. Hier bereitet sie sich intensiv auf ihre Aufträge vor, lernt Fachbegriffe in anderen Sprachen.

Dolmetscherin Roza Junga in ihrem Arbeitszimmer. Hier bereitet sie sich intensiv auf ihre Aufträge vor, lernt Fachbegriffe in anderen Sprachen.

Foto: Alexandra Roth

Velbert-Mitte.   Über Polen und Nigeria kam Roza Junga nach Velbert. Sie arbeitet als Dolmetscherin und ist oft bei Gericht im Einsatz. Ein Blick in ihren Alltag.

Im großen Gerichtssaal können Besucher sie oft nur von hinten sehen. Die Dolmetscherin Roza Junga sitzt neben der Zeugin direkt gegenüber von der Richterbank. Sie hat sich der jungen Frau zugewandt. Ihre Stimme ist deutlich im ganzen Saal zu hören. Denn sie übersetzt zum Beispiel das, was eine Zeugin im Strafprozess wegen Voodoo und Menschenhandel im Landgericht Bochum zu sagen hat. Von Englisch auf Deutsch und von Deutsch auf Englisch.

Kaum Zeit zum Überlegen

Viel Zeit zum Überlegen hat sie nicht. Souverän spricht sie die Aussagen der Zeugin in einer ähnlichen Betonung nach. Allerdings lauter, damit der ganze Saal sie verstehen kann. Bei Aufzählungen fragt sie nach, ob alles dabei ist. „Ich weiß vorher nicht, was der andere sagen will. Deshalb ist man die ganze Zeit unter Spannung“, erzählt Roza Junga, „schriftlich kann man einen Text mehrfach korrigieren. Mündlich geht das nicht.“

Auf dem Weg zur Arbeit beginnt der Job schon

Bereits auf dem Weg zur Arbeit beginnt für die Dolmetscherin Roza Junga ihr Job. Im Auto spricht sie während der Fahrt Hörbücher auf der Sprache nach, die sie im Gericht übersetzen wird. „Das ist für mich am Morgen das beste Aufwärmen für die Stimme und den Kopf.“ Vorher kehrt sie nochmal einen Moment in sich. Mit Richtern und Anwälten versucht sie vorher nicht zu sprechen. Im Gericht sitzt sie dann entweder direkt neben den Angeklagten oder auch neben Zeugen, die kein Deutsch sprechen.

Nach dem ersten Auftrag an sich gezweifelt

So Souverän war der Auftritt von Roza Junga nicht von Beginn an. „Ich dachte nach meinem ersten Auftrag: Nie wieder! Ich wusste nicht, was ,auf Bewährung’ übersetzt heißt“, erzählt sie, „beim nächsten Auftrag war es viel besser.“ Roza Junga ist nun seit 15 Jahren als Dolmetscherin tätig. Um sich vorzubereiten, arbeitet sie die Anklageschriften durch und lernt Begriffe und Synonyme, die sie vorher nicht kannte.

„Die Voraussetzung ist die Vorbereitung, da die Fälle so individuelle sind.“ Ein Sprachdiplom reicht ihrer Meinung nach nicht aus, denn man müsse immer weiter lernen. Beim Lesen auf anderen Sprachen markiert sie sich Begriffe, die sie nicht versteht und lernt sie. „Andere Leute haben Geschirr im Schrank, bei mir sind es Bücher“, sagt sie lachend.

Neben der Sprache muss sie auch die Tonlage und die Körpersprache beachten. „Inwiefern darf ich jemanden imitieren, ohne das es albern klingt. Das sind Fragen, die ich mir stellen muss.“ Auch Emotionen spielen eine Rolle: „Man muss versuchen Emotionen zu transportieren, aber am besten zwei Takte weniger intensiv“, erläutert die Dolmetscherin.

Über Polen nach Nigeria, dann nach Deutschland

Bis sie sich dazu entschlossen hatte, in Deutschland als Dolmetscherin zu arbeiten, hat sie einen langen Weg zurückgelegt. „Ich wurde in Polen geboren. Mein Vater hatte dort ein Stipendium. Meine Mutter fand es in Polen zu kalt und ging mit ihm nach Nigeria“, erzählt Junga. In Nigeria wuchs sie dann in einer der größten Städte – Ibadan – mit Joruba und Englisch auf. „Mit meiner Mutter habe ich weiterhin polnisch gesprochen und habe für sie übersetzt“, ergänzt sie. Als sie zurück nach Polen ging wusste sie nicht, was sie auf einem Dorf soll. Schließlich ging sie als Au-Pair nach Deutschland und brachte ihrem Gastbruder Englisch bei, lernte selber Deutsch mit einer Zeitung, Zeichentricksendungen, Nachrichten und in Gesprächen. Sie holte ihr Abitur nach. Um den richtigen Beruf zu finden, schrieb sie all ihre Fähigkeiten auf einen Zettel. „Dann meldete ich mich bei einer Dolmetscheragentur an.“

<<< ALS DOLMETSCHER BEI GERICHT

Die Berufsbezeichnung eines Dolmetschers ist nicht geschützt. Allgemein Beeidigte sind Dolmetscher und Übersetzer, die bei einem Landgericht oder Oberlandesgericht einen allgemeinen Eid abgelegt haben. Sie sind zur Verschwiegenheit verpflichtet.

Simultan Übersetzten bedeutet, dass Redebeiträge fast in Echtzeit übersetzt werden. Dies erfordert höchste Aufmerksamkeit und Konzentration. Bei längeren Veranstaltungen ohne Pausen wechseln sich in der Regel mehrere Dolmetscher ab.

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