Geschichte

Unrechtsprechung

Foto: WAZ FotoPool

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„Unmöglich ist nie was“ — selbst die Wiederkehr einer Unrechtsprechung wie zu Zeiten des Nationalsozialismus. nicht. So jedenfalls lautet die Einschätzung von Andrea Kaminski, der Direktorin des Amtsgerichts. Dort eröffnete sie gestern eine Ausstellung zum Thema „Justiz im Nationalsozialismus“.

<p>Juden, Schwule, Behinderte — wen die Nazis nicht zur sogenannten „Volksgemeinschaft“ zählten, der wurde gnadenlos verfolgt. Volksgerichtshof, Sondergerichte, aber auch die ‘ordentliche Justiz’ vom Amtsgericht bis zum Reichsgericht diente allzu oft als verlängerter Arm des Regimes. Wie weit er reichte und wie hart er zuschlug, dokumentiert die Ausstellung.

Wir zeigen einen Querschnitt der Justiz in den Jahren 1933 bis 1945“, fasst Dr. Maik Wogersien, Leiter der Recklinghäuser Dokumentations- und Forschungsstelle „Justiz und Nationalsozialismus“, zusammen. Einzelschicksale wie das von Dr. Theodor Heymann werden anhand von fotografierten Originaldokumenten nachgezeichnet: Die Gestapo befand, er sei ein „typischer jüdischer Rechtsverdreher“. Die Folge war ‘nur’ ein Berufsverbot. 1939 gelang es ihm, nach Brasilien auszuwandern.

„Juristen haben sich sehr schnell in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt“, beklagt Wogersien. Und versucht sich an einer Erklärung: „Demokratische Traditionen gab es in Deutschland nicht.“ Richter und Anwälte, an die Monarchie gewöhnt, hätten in Hitler eine starke neue Führungspersönlichkeit gesehen.

Doch es gab Juristen, die nicht „auf dem rechten Auge blind“ waren, sondern beide Augen offenhielten — auch wenn Wogersien zugibt, die Justiz betrachte die Zeit des Nationalsozialismus „eher aus einer Tätersicht“. Auch an jene, die sich nicht in die Roben der Mittäter kleideten, erinnert die Ausstellung. Wogersien: „Da gab’s durchaus Richter, die versucht haben, Nischen zu finden, um nationalsozialistisches Recht nicht anwenden zu müssen.“

Einer von ihnen war Martin Gauger. „Die Wuppertaler hatten einen einzigen Staatsanwalt, der sich geweigert hat, den Eid auf Hitler zu leisten“, weiß Amtsgerichtsdirektorin Kaminski. Gauger war, soweit heute bekannt, der einzige Jurist im Dritten Reich, der den am 20. August 1934 abzulegenden Amtseid auf Hitler verweigerte. Am 7. September verlor er daraufhin seinen Posten, immerhin aber nicht sein Leben. Das nahm ihm das Regime sieben Jahre später, nachdem er den Wehrdienst verweigert hatte und nach Holland geflohen war.

Nicht nur Einzelschicksale, auch der Justizapparat als Ganzes ist im Visier der Ausstellung. „Das Aufarbeiten — wie kommt es? — finde ich sehr wichtig, damit es nicht mehr passiert“, betont Kaminski. Und das ende nicht mit dem Zweiten Weltkrieg. Sie erinnert daran, dass 1954 all jene Beamte wieder eingestellt werden mussten, die nicht als Hauptverantwortliche galten. Diese „personelle Kontinuität“ habe die deutsche Justiz inzwischen zwar „überwunden“. Zu verdanken sei das einer intensiven Aufarbeitung — und der Pensionierung.

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