Porträt

Deutsch-Türkin schreibt über die schwierige Suche der Heimat

Dilşad Budak-Sarıoğluaus Velbert tourt mit der Leseperformance "Türkland" durch Deutschland

Dilşad Budak-Sarıoğluaus Velbert tourt mit der Leseperformance "Türkland" durch Deutschland

Foto: Navid Linnemann

Velbert.  Die ehemalige Velberterin Dilşad Budak-Sarıoğlu hat ein Buch geschrieben über das Leben zwischen zwei Kulturen.

Dilşad Budak-Sarıoğlu, geboren in Istanbul, aufgewachsen in Velbert, wurde schon in viele Schubladen gesteckt: Sie war Asylantenkind, Tochter von Gastarbeitern, Deutsch-Türkin, Frau mit Migrationshintergrund. Die Suche nach Heimat und die Frage, wo sie hingehört, hat sie viele Jahre zweifeln lassen. Ihre Gefühle beschreibt die 37-Jährige nun in dem autobiografischen Text „Türkland“, mit dem sie derzeit auf Lese-Tour durch Deutschland ist.

Aufgewachsen am Kostenberg

1980 kommt sie in Istanbul zur Welt. Ihr Vater war politisch aktiv, ein Linker. Erst flieht er vor dem Regime nach Paris in den Untergrund, anschließend die Mutter – die kleine Dilşad bleibt bei Verwandten zurück. Mit dem Pass eines anderen Kindes wird schließlich auch sie außer Landes gebracht. „Als Kind habe ich lange Zeit gedacht, dass ,Genosse’ ein anderes Wort für Verwandtschaft ist“, erinnert sie sich an die bewegte Vergangenheit. Doch die Eltern wollen aussteigen.

Es gibt Kontakte nach Velbert. So landet die Familie Mitte der 1980er Jahre in der Asyl-Unterkunft an der Poststraße, später in einer eigenen Wohnung am Kostenberg. Im Kindergarten lernt die älteste von nun vier Geschwistern Deutsch, hat später in der Grundschule gute Noten. Die Lehrerin will sie dennoch auf die Realschule schicken, traut ihr das Gymnasium nicht zu. Rückblickend sei vor allem die Grundschulzeit traumatisch gewesen, sagt sie.

Die Klassenkameraden machen Sprüche über Türken

Die Klassenkameraden machen ab und zu Sprüche über Türken, auch die Lehrer waren keine Hilfe. „Meine Mutter ließ sich aber nicht beirren und meldete mich auf dem Geschwister-Scholl-Gymnasium an.“ Dort findet sie schnell Freunde, wird Klassensprecherin, hat viele Hobbys. An der Musik- und Kunstschule wirkt sie an den Musicals mit. Dennoch merkt sie, dass sie weder zu den anderen türkischen noch zu den deutschen Kindern dazu gehört. „Wenn unser einer zugerufen hat: ,Verpiss dich, ihr gehört nicht dazu’, dann habe ich das geglaubt.“

Sämtliche türkischen Familien besuchen in den Sommerferien die Verwandtschaft, aber die Budaks dürfen erst nach der Generalamnestie 1993 wieder einreisen. „Die Sommerferien waren die einzige Zeit im Jahr, in denen wir bei den Deutschen dazu gehörten.“ Die Wochen gefielen ihr dennoch nicht – sie waren oft verregnet. Istanbul bleibt für die Familie lange Zeit ein Sehnsuchtsort. „Als meine Eltern dann wieder in die Türkei reisen konnten, waren sie enttäuscht. Das Land hatte sich nicht zum Vorteil verändert.“

Burnout nach dem Studium

Das Abi besteht die zielstrebige Frau ohne Probleme, studiert Jura. Sie engagiert sich bei den Jusos und bei der Türkischen Gemeinde Deutschland auf Bundesebene. „Wenn es um Integration geht, wird immer nur über uns gesprochen, aber selten mit uns.“ Sie eilt von Termin zu Termin, macht ihren Abschluss schneller als die Regelstudienzeit vorsieht, wechselt in den Bundestag, will dort ihr Referendariat machen. Doch dann: Burnout. Es folgen Krankenhausaufenthalte, Therapien. „Wenn man plötzlich frei ist, muss man auch damit umgehen können.“ Sie fragt sich, was sie wirklich will. Juristerei gehörte eigentlich nie dazu.

Bei einer Reise nach Istanbul lernt sie ihren Mann kennen

Bei einer Juso-Reise in die Türkei lernt sie ihren heutigen Mann Cengiz kennen, ausgerechnet im Parlament von Ankara. „Er hat direkt gesagt: Du wirst meine Frau! Ich habe ihn erstmal ausgelacht.“ Ihre Eltern und Freunde hielten die selbstbewusste Frau ohnehin für schwer vermittelbar. Doch Cengiz lässt nicht locker. Zwei Jahre führen sie eine Fernbeziehung, dann zieht Dilşad Budak-Sarıoğlu nach Istanbul. Sie zieht in eine eigene Wohnung. Weil sie immer noch nicht an eine gemeinsame Zukunft glaube mag, schleppt sie den Guten sogar zum Paartherapeuten. Der entlässt Cengiz Sarıoğlu allerdings nach kurzer Zeit wieder und arbeitet mit ihr alleine weiter. Schließlich läuten doch die Hochzeitsglocken.

Im Job in der Türkei gibt es Enttäuschungen

Im Job gibt’s in Istanbul aber auch Enttäuschungen. Sie arbeitet als Geschäftsführerin in einer Anwaltskanzlei, versteht sich gut mit den Kollegen und fühlt sich auf einmal ziemlich deutsch. „Ich musste mir eingestehen, dass mich dieses Land sehr geprägt hat“, erklärt die Frau mit dem deutschen Pass. Nach zwei Jahren schmeißt sie den Job, fängt an zu schreiben, macht eine Schauspielausbildung. Nach einigen Auftritten in der Türkei mit „Türkland“, tritt sie nun in Deutschland auf.

Die Antwort auf die Frage, was Heimat für sie ist, hat sie übrigens immer noch nicht gefunden. „Velbert ist kein Ort, den ich mir als Erwachsene ausgesucht hätte, aber hier habe ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht. Velbert gehört schon zum Bild von Heimat dazu.“ Zwischen Deutschland und der Türkei hat sie sich noch nicht entschieden. Aber es zerreißt sie nicht mehr. „Wenn man angekommen ist, hört man auf Fragen zu stellen.“

DREI FRAGEN AN DILSAD BUDAK-SARIOGLU

1 Wie ist das Leben in Istanbul?

Das hängt davon ab, ob man für die Regierung ist oder der Opposition angehört. Selbst Freunde trauen sich oft nicht mehr, mit jemandem über Politik zu sprechen.

2 Was halten Sie von den Erdogan-Wählern in Deutschland?

Bei Wahlen sollte das Wohnort-Prinzip gelten und nicht die Nationalität. Die Wähler in Deutschland müssen die Konsequenzen nicht tragen.

3 Was sagen Sie zu der Debatte um Özil?

Ich kann die Kritik von ihm nachvollziehen. Wir müssen mehr leisten, um dazu zu gehören. Wenn es gut läuft, sind wir Deutsch, wenn nicht, dann sind wir die Türken.

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