Interview

„Wir Energieversorger sind eigentlich Steuereintreiber“

Hartmut Gieske, kaufmännischer Vorstand der Energieversorgung Oberhausen (EVO), an seinem Schreibtisch in der Zentrale der EVO an der Danziger Straße.

Hartmut Gieske, kaufmännischer Vorstand der Energieversorgung Oberhausen (EVO), an seinem Schreibtisch in der Zentrale der EVO an der Danziger Straße.

Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Hartmut Gieske, langjähriger Chef der Oberhausener Energieversorgung redet Klartext über die Folgen des Klimawandels für die Bürger.

Herr Gieske, seit gut einem Jahr diskutiert die breite Öffentlichkeit über die Folgen des Klimawandels. Wie sehr müssen wir unser Wohlstandsleben einschränken, um die Welt vor dem Hitze-Kollaps zu bewahren?

Gieske: Deutschland kann zwar nicht alleine die klimapolitischen Herausforderungen lösen, aber gleichwohl müssen wir umdenken: Wir können auf Dauer unsere Wohlstandsgesellschaft so nicht weiterführen, wir werden ein Stück weit mehr zugunsten von Entwicklungsländern abgeben müssen. Für falsch halte ich es aber, wie wir in Deutschland auf aktuelle Themen reagieren – immer mit Panik, immer mit 130 Prozent, immer weit übers Ziel hinaus. Derzeit dreht sich bei uns alles um Umweltschutz, als wenn dies das einzige wichtige Thema in der Welt ist. Das ist eine sehr ungute Entwicklung.

Die Politik plant, klima-schädliches Verhalten mit hohem Ausstoß an Kohlendioxid mit höheren Preisen zu bestrafen. Was halten Sie von der Bepreisung des CO2-Ausstoßes?

Mit Bestrafung kann man nicht viel erreichen, sondern wir müssen stärker mit Anreizen arbeiten, um Erfolge beim Klimaschutz zu erzielen. Denn wir müssen aufpassen, dass wir die Gas- und Strompreise nicht so weit durch Steuern und Abgaben verteuern, dass sich normale Familien keine warme Wohnung oder keinen elektrischen Backofen mehr leisten können. Der Anteil von Steuern und Abgaben an Strom und Gas ist stetig gestiegen und beträgt heute schon 60 Prozent des Preises. Wir sind eigentlich keine Gas- und Stromversorger mehr, sondern Steuereintreiber. Die Politiker beschließen diese Steuererhöhungen und wenn sich dadurch die Strompreise erhöhen, werden wir Stadtwerke absurderweise von den gleichen Politikern beschimpft.

Kann man denn anders als durch eine Verteuerung des Kohlendioxid-Ausstoßes erreichen, dass die Menschen ihr Verhalten ändern?

Ja, nach meiner Überzeugung ist das möglich. Zum einen zeigt der Trend, auf Plastiktüten für den Einkauf ganz zu verzichten, dass die breite Bevölkerung durch eigene Einsicht ihr Verhalten ändert, ohne dass die große Keule herausgeholt werden muss. Zum anderen muss der Bund durch Anreize, wie etwa einer stärkeren Förderung für den Austausch alter Ölheizungen oder für die Dämmung von Häusern, dafür sorgen, dass klimafreundlicher geheizt wird. Wir Stadtwerke können aber auch dazu einen Finanzierungsbeitrag leisten – z.B. über Contracting-Lösungen gerade auch für Privathaushalte. Das meint konkret: Wir gehen etwa mit einer Investition in eine moderne Heizungsanlage in Vorleistung und der Kunde zahlt uns dafür einen monatlichen Fixbetrag – inklusive Wartungsleistungen.

Droht durch die Bepreisung von Kohlendioxid also nicht nur Strom, sondern auch eine warme Wohnung Luxus zu werden?

Ich habe schon vor einigen Jahren vor einer Entwicklung gewarnt, die Energie zum Luxusgut werden lässt. Dieser Trend darf sich gerade in Städten wie Oberhausen nicht fortsetzen, wo viele Bürger nicht mit allzu großer Kaufkraft gesegnet sind. Diese haben auch ein Anrecht auf Strom und Wärme. Bei einer Bepreisungs-Politik würde man diese Bevölkerungsgruppen einfach fallen lassen – und das darf nicht geschehen.

In ungedämmten Mietwohnungen mit alter Ölheizung leben ja oft Bürger mit niedrigem Einkommen. Die würden ja dann die größten Lasten für den Klimaschutz tragen.

Genau dies wären die Folgen durch eine Bepreisung von Kohlendioxid – und das wäre sozial nicht verträglich. Deshalb müssen wir nicht über Steuern, sondern über Förderprogramme, Vermieter bewegen, ihre Häuser zu modernisieren.

Energie-Unternehmen gehören angesichts des hohen Bedarfs unserer Gesellschaft an Strom und Wärme zu den besonders starken CO2-Erzeugern. Hat Ihre Branche, vor allem die im Ruhrgebiet, zu spät und zögerlich auf erneuerbare Energien gesetzt?

Diesen generellen Vorwurf kann ich nicht gelten lassen. Wir als EVO haben sehr früh mit Wasserstrom aus der Schweiz reine Ökoprodukte in Oberhausen angeboten. Aber das Produkt wurde hier bisher nicht angenommen, weil dieser Strom natürlich teurer ist. Über Umweltschutz sprechen alle, aber wenn jeder einzelne dann dazu einen Beitrag leisten soll, wird es sehr, sehr dünn.

Trotz aller Klimadiskussionen: Betroffene Bürger sind immer öfter auch gegen Windkraftanlagen, Pumpspeicherwerke oder Strommasten für die Leitungen, die Strom von der Nordsee in den Süden bringen. Was kann die Politik tun?

Reden können alle, Bürger und Politiker, sehr gut, aber wenn es darum geht, Entscheidungen nach einer klaren Strategie zu treffen, diese auf einer Zeitschiene umzusetzen und dann auch die Verantwortung dafür zu übernehmen, dann sieht es eher schlecht aus. Jeder muss zum Klimaschutz beitragen. Wenn ich die Autos auf den Straßen betrachte, sind sie allerdings nicht kleiner, sondern größer geworden.

Ihr Unternehmen hat in den vergangenen zehn Jahren deutlich an Marktanteilen verloren, der Umsatz sank um über elf Prozent auf unter 200 Millionen Euro. Wirtschaften Sie nicht gut genug?

Nein, unsere Truppe wirtschaftet sehr gut, das ist auch belegbar. Wir machen zwar weniger Umsatz, aber die Zahl unserer Beschäftigten ist noch stärker gesunken, wir sind also effizienter geworden. Fakt ist: In fünf Jahren wird kein Stadtwerk alleine mit dem Vertrieb von Strom und Gas noch eine Daseinsberechtigung haben. Denn irgendeiner der 190 Gas- und über 270 Strom-Wettbewerber in Oberhausen bietet immer unter Einstandspreis sein Produkt an. Durch diesen Marktdruck verlieren wir Marge für unsere Gewinne und auch noch Kunden.

Wie stellen Sie sich darauf ein?

In unserer Mittelfristplanung haben wir mit einer Halbierung unserer Marge für Privat- und Gewerbekunden kalkuliert. Zugleich befürchten wir, dass unsere Netzkosten künftig durch den notwendigen starken Ausbau von Stromtrassen von Norden zum Süden deutlich steigen. Hinzu kommen die Lohnerhöhungen und die durch Auflagen der Bundesnetzagentur exorbitant steigenden IT-Kosten. Das bedeutet im Klartext: Ohne neue Produkte und Dienstleistungen, die wir in relativ kurzer Zeit erfolgreich im Markt etablieren müssen, werden wir wirtschaftlich und finanziell unter Druck geraten.

Ihre Anteilseigner Stadt und Innogy sitzen Ihnen ja im Nacken, damit Sie die gewünschte Gewinnausschüttung von elf Millionen Euro im Jahr erreichen. Wie wollen Sie das schaffen?

Zum Glück sitzen uns unsere Anteilseigner nicht im Nacken, sondern sie unterstützen uns bei der Umgestaltung unseres Unternehmens. Durch die gleich hohen Anteile von je 50 Prozent ist keiner der beiden dominant, sie haben Vertrauen in die EVO und lassen uns deshalb arbeiten. Aber die elf Millionen Euro müssen wir liefern. Das haben wir bisher immer geschafft und wir sind optimistisch, dies mit unseren neuen Geschäftsfeldern weiter hinzubekommen – vom Verleih der Elekro-Roller, dem neuen Lora-Funknetz-Angebot und dem Heizkosten-Service für Eigentümer aus einer Hand.

Müssen sich die Oberhausener auf steigende Strom- und Gaspreise von EVO in diesem Winter einstellen?

Der Winter beginnt ja schon in wenigen Wochen, bis dahin planen wir nicht, die Preise zu erhöhen. Allerdings werden wir uns zum Ende des Jahres alle Komponenten anschauen, dann stehen auch die neuen Steuer- und Abgabensätze fest. Aber tendenziell werden die Energiekosten für die Kunden anziehen, wenn sich energiepolitisch nichts ändert – womöglich sogar stärker als die allgemeine Preissteigerungsrate. Jeder muss sich darauf einstellen, dass er künftig einen höheren Anteil seines Einkommens für Wärme und Strom ausgeben muss.

Die EVO ist als Sponsor für viele Sportvereine, aber auch für Kulturinitiativen in Oberhausen sehr wichtig. Steht solches Sponsoring in der Höhe auf der Kippe?

Solange wir für die Anteilseigner aus unserem operativen Geschäft elf Millionen Euro an Gewinnausschüttung erwirtschaften können, sehen wir keine Veranlassung, unsere Sponsoring-Aktivitäten von bis zu zwei Millionen Euro im Jahr zu reduzieren. Denn die EVO ist nach unserer Überzeugung mitverantwortlich für die Lebendigkeit des Stadtlebens bei uns in Oberhausen. Wir unterstützen insbesondere Kinder und Jugendliche – das EVO-Familienfest, der EVO-Kidsday, aber auch mit dem Ebertbad die hervorragende Kultur in der Stadt.

Ist der Anteil an Sponsoring, den Rot-Weiß Oberhausen von der EVO erhält, in den vergangenen Jahren stetig gestiegen?

In den letzten Jahren ist der Anteil nicht gestiegen. Aber wir haben mehr an RWO gegeben, als der Verein nach dem Doppel-Abstieg in einer starken finanziellen Krise gewesen ist. Auf Dauer benötigt RWO allerdings mehr Sponsoren als bisher, da der Verein derzeit zu abhängig ist von der EVO – und das ist für niemanden gut.

Sie haben sich vor zehn Jahren massiv dafür eingesetzt, dass mehrere Stadtwerke im Ruhrgebiet die Steag kaufen, die Sie für lukrativ hielten. Jetzt wollen die meisten Städte ihre Beteiligung am liebsten schnell loswerden. Was ist da schief gelaufen?

Für eine Beurteilung ist es wichtig, die Zeitachse genau anzuschauen. Als sich die Stadtwerke im Ruhrgebiet entschlossen haben, die Steag komplett zu kaufen, hat Deutschland gerade den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen – als Folge von Fukushima. Wir sind davon ausgegangen, dass es durch den Ausfall einer Grundversorgungsenergie wie der Kernkraft zu einer Renaissance der Kohle kommt. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass wir neben der Kernenergie auch noch aus der Kohle aussteigen, um dann – wie jetzt geschehen – die fehlenden Strommengen aus Polen und Frankreich, erzeugt durch Atomenergie und Kohle, einzukaufen. Wenn der Kohleausstieg vollständig greift, werden wir diesen Zukauf an Strom aus dem Ausland noch verstärken müssen. Es spricht ja keiner darüber, wie dieser Ausfall an Kohlekapazitäten kompensiert werden soll ….

…darüber wird doch geredet: Der Ausfall dieser Stromerzeugung soll über Solar- und Windenergie ausgeglichen werden.

Ja, wer’s glaubt wird selig – auf einmal scheint die Sonne ja auch nachts und stetig weht der Wind mit idealer Stärke 6 bis 7. Wir können in Deutschland zwar einen geordneten Wechsel in einem längerfristigen Zeitraum hinbekommen, doch allen muss klar sein: Das wird das Weltklima nicht beeinflussen, denn zur gleichen Zeit entsteht mit jedem abgeschalteten Kohlekraftwerk bei uns ein neues Kohlekraftwerk im Ausland. Das Schlimme ist: Durch das Aus für Neubauten von Kraftwerken in Deutschland verlieren wir hier Arbeitsplätze und ingenieurtechnisches Fachwissen, während wir zugleich die Grundlast an Elektrizität im Ausland einkaufen müssen – das ist volkswirtschaftlich doch unsinnig.

Ist also deshalb der auch von der Stadt Oberhausen gewünschte Verkauf der Steag sinnvoll?

Wir hatten uns ja damals aus drei Gründen mit sechs Prozent beteiligt: Als reine Finanzbeteiligung, um Geld mit der Steag zu verdienen, was in den vergangenen Jahren ja nicht mehr möglich war. Zweitens wegen der Fernwärme-Nutzung der Steag-Kraftwerke, was nun – wie schon gesagt – wirtschaftlich immer schwieriger darzustellen ist. Und drittens wollten wir dazu beitragen, dass die Steag die Abhängigkeit von der Kohle hin zu erneuerbaren Energien bewältigt. Doch ökologische Projekte in Deutschland findet man gar nicht mehr – wir haben ja bereits neu gebaute Offshore-Windanlagen, die mangels Leitungen noch gar nichts ans Netz angeschlossen werden können. Auch da muss die Steag sich ins Ausland orientieren, wo die Ruhrgebietsstädte kaum Einfluss haben. Alle drei Gründe für den Kauf sind weggefallen – und deshalb ist es richtig zu überlegen, wie wir mit unseren Steag-Anteilen umgehen. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Aktuell haben wir zunächst erfolgreich die Anschlussfinanzierung sichergestellt. Damit ist ein wesentliches Etappenziel erreicht und wir können gemeinsam schauen, wie es mit der Steag weitergehen soll.

Was empfehlen Sie den Städten denn?

Wir müssen frisches Geld in die Steag für die notwendigen Investitionen geben. Indirekt haben dies die Städte bei Anschlussfinanzierung der Bankdarlehen getan. Künftig kann man die Anteile komplett an einen kapitalkräftigen Bieter verkaufen, man kann aber auch von Projekt zu Projekt mit anderen Geldgebern zusammenarbeiten. Wir werden unsere Anteile an einen Käufer jedenfalls nicht unter Wert abgeben.

Die Fernwärmeschiene Rhein-Ruhr, die die EVO mitbauen will, sollte für 200 Millionen Euro Fernwärmenetze miteinander verbinden und umweltfreundlich industrielle Abwärme von Kraftwerken und Müllofen an Privathaushalte liefern. Warum kommt das Projekt nicht voran?

Zunächst einmal lag es an dem umfangreichen Verfahren zur Genehmigung, die wir nun wohl auch erhalten werden. Abgeschlossen ist das Genehmigungsverfahren jedoch weiterhin nicht. Doch in der Zwischenzeit haben sich die energiepolitischen Rahmenbedingungen für das Projekt gravierend verändert. Wir prüfen jetzt, ob die Fernwärmeleitung wirtschaftlich noch sinnvoll ist. Das Projekt ist zwar eine gute Idee, doch wir bezweifeln, ob es sich unter den veränderten Bedingungen langfristig auf einen Zeitraum von 30 bis 40 Jahren rechnet.

Liegt das daran, dass eingeplante Zulieferungen für die Fernwärme, wie etwa die Abwärme von Kohlekraftwerken und Fabriken, in den nächsten Jahren abgeschaltet werden?

Ja, das ist ein Grund. Aber ich schaue auch auf die notwendigen hohen Investitionssummen, um die Fernwärmeschiene zu ertüchtigen – danach würden wir noch nicht einmal eine schwarze Null erreichen. Wir müssen uns deshalb nach Alternativen umschauen und werden daher auch in unsere eigene Erzeugung investieren, um die Versorgungssicherheit für die Oberhausener zu gewährleisten.

Fernwärme gilt als besonders umweltfreundlich. Wäre Fernwärme dann künftig unter den neuen Bedingungen für Privathaushalte zur Erzeugung von Warmwasser und Heizungswärme zu teuer?

In Oberhausen wird die Fernwärme durch viele Erzeuger auf engem Raum geliefert – durch die GMVA, durch Oxea, durch unser Biomasse-Heizkraftwerk in Sterkrade, durch effiziente Eigenerzeugung. Eine bessere Konstellation gibt es in ganz Deutschland kaum noch einmal. Das gilt für die gesamte Fernwärmeschiene Rhein-Ruhr aber nicht. Wenn jetzt bestimmte Kohlekraftwerke auch noch abgeschaltet werden, deren Wärme durch andere Energieformen wie Gasturbinen ersetzt werden muss, sinkt die Wirtschaftlichkeit der Fernwärme.

Das Interview führte Redakteur Peter Szymaniak

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