Kirchenschließung

Wenn Gott ausziehen muss – Wehmut in der Gemeinde St. Peter

Im Sonntagsgottesdienst bereitet Pfarrer Marko Bralic seine Schäfchen in der Kirche St. Peter in Oberhausen-Alstaden auf die traurige Zukunft vor und versucht ihnen Mut zuzusprechen.

Im Sonntagsgottesdienst bereitet Pfarrer Marko Bralic seine Schäfchen in der Kirche St. Peter in Oberhausen-Alstaden auf die traurige Zukunft vor und versucht ihnen Mut zuzusprechen.

Foto: Christoph Wojtyczka

OBERHAUSEN.   Mit Trauer bereiten sich Gläubige in St. Peter in Alstaden auf die Schließung der Kirche vor. Ein Ort, der Lebensgeschichten mitgeschrieben hat.

„Das ist meine Heimat hier.“ Ulrich Schneider lässt den Blick durch die St. Peter-Kirche schweifen. Der ehrenamtliche Küster ist der Letzte, der am Sonntagmittag nach dem Gottesdienst das Gebäude verlässt. Er deutet Richtung Süden. „Ich bin drüben geboren. Auf der Alstadener Straße. Bin hier getauft worden, zur Kommunion gegangen, habe hier geheiratet . . .“ Der 68-Jährige nickt. Schluckt. Nein, es geht ihm nicht besonders. Bald wird er den Schlüssel abgeben müssen.

Blumige Namen für die Krise

Traurige Dinge tragen oft hübsch verklausulierte Namen. Pfarreientwicklungsprozess heißt die große Sparwelle des Bistums Essen. „PEP“ sagen alle. Das ist kurz und vermeintlich peppig. In der Pfarrei Herz Jesu, zu der St. Peter seit 2007 gehört, haben sie einen „Zukunftsausschuss“ gebildet. Vertreter aus dem Kirchenvorstand, dem Pfarrgemeinderat und dem Pastoralteam beraten, wo der Verbund künftig ganze 50 Prozent der Ausgaben einsparen soll. Oder kurz: Für welche der vier Kirchen eben keine Zukunft mehr besteht.

Pastor Marko Bralic aber ist kein Mann der beschönigenden Worte. In seiner Sonntagspredigt spricht er offen über die Situation der katholischen Kirche: „Unser Problem heutzutage ist nicht nur das Geld. Unser Problem – das sage ich ganz ehrlich – ist eine Glaubenskrise.“ Er spricht von Eltern, die ihre Kommunionkinder pflichtbewusst in die Messe schicken aber selbst lieber die Zeit im Café verbringen. – Nur einer von so vielen Indikatoren für den immer geringer werdenden Stellenwert, den der Glaube im Leben vieler Menschen besitzt.

Die einzige Lösung für Alstaden

Mitte Juni 2017: Seitdem liegt der „Info-Brief 2“ zum Pfarreientwicklungsprozess im Foyer der Kirche aus. Seitdem wissen alle Bescheid, dass es für St. Peter keine Hoffnung mehr gibt, wenn nicht ein Wunder geschieht. Für die Region Alstaden gibt es nur eine „mögliche konkrete Konstellation“, wie es im Brief heißt:

„[. . .] der Standort St. Peter wird für die Gemeindearbeit komplett aufgegeben.“

Gemeindemitglied Peter Alferding hat den Brief unterschrieben, im Namen des Zukunftsausschusses der Pfarrei. Dass St. Peter bei den Sparzwängen des Bistums auf der Kippe stehen würde, war hier allen direkt klar. Schon vor zehn Jahren war die kleine Kirche mit der größeren St. Antonius-Gemeinde zusammengelegt worden. Seitdem ist St. Peter nur noch eine Filialkirche, für die Marko Bralic als Pastor mit zuständig ist.

An Geld mangelt es schon lange, sagt Peter Alferding. Das Gemeindehaus haben engagierte Gläubige als Förderverein bereits aus eigener Tasche gezahlt. „Mit einer ganzen Kirche aber schaffen wir das nicht. . .“ In Alferdings Worten schwingt die Wehmut deutlich mit.

Ein Ort der Erinnerungen

„Wenn ich nicht beruflich unterwegs bin, bin ich jeden Sonntag hier“, sagt er. „Ich lebe ganz stark in dieser Kirche. Ich verbinde mit ihr viele sehr schöne Erfahrungen. Aber auch schmerzhafte – denn wenn wir Menschen beerdigt haben, dann ist das ja auch an diesem Ort gewesen . . .“

So viele Lebensgeschichten, so viele Erinnerungen sind mit der knapp 100 Jahre alten Basilika verbunden. In Kirchenjahren ist das noch kein Alter – für den Denkmalschutz reichte es auch nicht. Das macht das Gebäude so leicht veräußerbar. Für Gläubige wie Alferding, die seit Jahren das Gemeindeleben mitgestalten, wird die Kirchenschließung aber ein tiefer Einschnitt werden.

Manche protestieren und fragen: Wie kann der Bischof sich für Schließungen entscheiden? Warum trifft es uns? Warum nicht die anderen? Peter Alferding kann ihre Trauer nachvollziehen, aber er versucht rational zu bleiben. Seit gut 30 Jahren ist der 64-Jährige in diversen Gremien engagiert: Er ist im Vorstand des Gemeinderats von St. Peter, sitzt im Pfarrgemeinderat des Herz-Jesu-Verbunds. Er kennt alle Zahlen, hat alles durchgerechnet. 50 000 Euro kostet der Unterhalt der Kirche jährlich. „10 000 für Heizkosten, Strom und Dinge wie Kerzen. – Und dazu kommen 40 000 Euro, die wir zurücklegen müssen, falls mal etwas baufällig wird.“ Zu viel.

Geld soll nicht die Hauptrolle spielen

Ende des Jahres wird die Pfarrei ihren Beschluss dem Bistum vorlegen müssen. Je näher der Termin kommt, desto mehr versucht Pastor Bralic seine Schäfchen zu trösten. „Wir müssen uns in die Richtung orientieren, dass das Geld nicht die Hauptrolle im Leben spielt – auch nicht in der Kirche“, hat er ihnen eben in der Predigt noch ans Herz gelegt.

Küster Ulrich Schneider schließt die Kirchtür, steckt den Schlüssel ins Schloss. Wie so viele Male in den vergangenen Jahren. Einige Sonntage werden noch kommen. „Man muss sich den Begebenheiten beugen – und gut in die Zukunft schauen“, sagt er. Er dreht den Schlüssel. Mit einem leisen Klacken schließt sich der Riegel.

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