Kultur-Szene

Berliner Autorin rechnet mit dem Neoliberalismus ab

Schriftstellerin Katja Kullmann (re.) am Freitagabend im Literaturhaus an der Marktstraße mit Gastgeberin Marlies Dorsch-Schweizer.

Schriftstellerin Katja Kullmann (re.) am Freitagabend im Literaturhaus an der Marktstraße mit Gastgeberin Marlies Dorsch-Schweizer.

Foto: Jörg Schimmel

Oberhausen.   Sie war Bestseller-Autorin. Aber dann rutschte Katja Kullmann in Hartz IV ab. Im Literaturhaus Oberhausen las sie aus ihrem Buch „Echtleben“

Über die Einladung ins Literaturhaus hat sie sich gefreut. Denn „Echtleben“, ihr Essay, ihre Abhandlung über die prekäre Existenz der sogenannten Kreativen im neoliberalen Zeitalter, er ist schon sieben Jahre alt. Freitagabend waren dennoch rund 50 Zuhörer gekommen, um aus dem Mund von Katja Kullmann mehr über ihr gesellschaftskritisches Buch zu erfahren.

Damals gab es zwar schon die Hartz-IV-Reformen und die verheerende Bankenkrise. Aber Deutschland hatte noch nicht die AfD hervorgebracht und einen Rechtsruck vollzogen. „Echtleben“ beruht auf einer Selbstbeschreibung.

Kullmann, Jahrgang 1970 und erste Akademikerin aus ei­ner hessischen Kaufmanns-Familie, wuchs wie selbstverständlich mit dem neoliberalen Weltbild der Zeit nach der Wiedervereinigung auf. Wenn man als Frau nur seinen eigenen Weg gehen konnte, emanzipiert eben, so ihr Credo, dann galt es als modern und unbedenklich, eben nicht mehr lebenslang in ei­nem festen Beschäftigungsverhältnis zu stehen, sondern allenfalls zeitweise, nicht mehr nur an einem Ort zu wohnen, sondern freiberuflich tätig zu sein, sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen, für jene Kreativität eben, die sie als Schriftstellerin und Journalistin benötigte und andere halt als Architekten, Coaches, Filmemacher, Grafiker, Musiker oder Schauspieler.

Und so kündigte sie eines Tages ihren Job als Redakteurin und wurde Schriftstellerin. 2002 landete sie mit dem feministischen Buch „Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein“ prompt einen Bestseller. Über 100 000-mal wurde es verkauft. Das verschaffte ihr die Möglichkeit, fortan bei Aufträgen wählerischer zu sein, an einem weiteren Buch zu arbeiten und in die Berliner Kreativen-Szene hineinzutauchen.

„Brasilianisierung“ Deutschlands

Eines Tages, im Jahr 2010, waren die Rücklagen aber aufgezehrt. Zwei größere Aufträge platzten, Jahresrechnungen waren fällig. Kat­ja Kullmann musste zum Jobcenter gehen, wurde sogenannte Aufstockerin. Das freilich hielt sie geheim, wahrte mühsam ihre Haltung. Und es blieb auch nur ein In­termezzo, denn sie fand bald bei einem Frauenmagazin in Hamburg sogar eine leitende Stellung.

Nur dass sie hier ihr altes Leben einholte, aber auf der anderen Seite des Schreibtischs: Denn nun sollte sie es sein, die Dumping-Honorare für freie Mitarbeiter durchsetzen musste, um Vorgaben ihrer Vorgesetzten zu erfüllen. Kullmann gab die Stelle auf, machte sich wieder selbstständig und verfasste „Echtleben“, ihre Abrechnung mit dem Neoliberalismus.

Am Freitagabend sprach die Soziologin von einer „Brasilianisierung Deutschlands“, analysierte, dass sich die Wirtschafts-Eliten im Lande überwiegend noch immer aus den eigenen Reihen rekrutieren würden („Eine Elite-Ausbildung kostet die Eltern 800 000 Eu­ro“) und dass der Rechtspopulismus in diesen Kreisen seine Wurzeln habe. Dort sei die Mär vom Hängematten-Staat entstanden, sei der Sozialstaat weggelästert worden.

Aber die angebliche Alternative, dass der Tüchtige schon zu Wohlstand komme, habe sich als Lebenslüge erwiesen. Nicht nur ih­re eigene Rentenvorausberechnung ist trostlos. „Ich nehme es zur Kenntnis. Was soll ich machen?“ Es gebe eben nicht nur bei den Paketboten oder den Pizza-Taxifahrern keine durchlaufenden Erwerbsbiografien mehr, kaum noch Versorger-Ehen, stattdessen vielfach unbezahlte Pflegearbeit, gerade bei Frauen, Prekarisierung auf breiter Front eben.

Katja Kullmann ist zur Zeit mal wieder fest angestellt, bei der Tageszeitung „taz“. Aber sie weiß, dass es nicht für die Ewigkeit ist. Zuhörer an der Marktstraße vermissten sie am Freitag in jenem blauen Kleid aus dem Second-Hand-Laden, für acht Euro, das sie 2011 bei der Vorstellung von „Echtleben“ trug. Und sie wünschten sich einen Ein-Euro-Eintritt (statt der zehn Euro) in die Lesung – für Ärmere.

>>> Info: Am 23. März geht es weiter

„Echtleben. Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben“, erschien 2011 im Verlag Eichborn in Köln und ist über den Buchhandel zu haben.

Im Literaturhaus an der Marktstraße 146 geht es am Freitag, 23. März, 19 Uhr, mit einer Autorenlesung von Jürgen Lodemann „Siegfried und Krimhild - die Nibelungen“ weiter.

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