Rudelsingen

1000 singende Kehlen unter dem Tribünendach von RWO

Prächtige Stimmung beim ersten Rudelsingen im Niederrheinstadion am Samstagabend.

Prächtige Stimmung beim ersten Rudelsingen im Niederrheinstadion am Samstagabend.

Foto: Kerstin Bögeholz / FUNKE FotoServices

Oberhausen.  Viele Chöre haben heutzutage Nachwuchssorgen. Dabei zeigt das erste Rudelsingen im RWO-Stadion: Singen ist beliebt wie noch nie!

Wenn aus tausend Kehlen „Anita“ erklingt, ist das schon ein eindrucksvolles Klangerlebnis, erst recht unter dem hallenden Dach des Niederrheinstadions. Es ist Samstagabend. Auf einer kleinen Bühne vor der Haupttribüne haben David Rauterberg (Gitarre) und Matthias Schneider (Keyboard) Position bezogen. Die Ränge vor ihnen sind voll gefüllt. Ausverkauft ist das erste Rudelsingen im Niederrheinstadion. Die beiden Musiker stimmen den Top-Hit des vor wenigen Tagen verstorbenen Schlagerstars Costa Cordalis an.

Liedtext auf dem Bildschirm

Der Liedtext erscheint auf einem Bildschirm. Schneider haut in die Tasten. Und die Masse legt los, besingt die schwarzhaarige Strandbekanntschaft aus Mexiko, von der ihr Verehrer gar nicht mehr ablassen kann. So geht das zwei Stunden lang, mit zwei längeren Pausen. Derweil regnet es sich rund um das Stadion ein.

Zum Warmsingen sind zu Beginn aber erst einmal die Titelmelodien von Fernseh-Kinderserien angesagt. Das Publikum taucht in eigene Kindheitstage ab, besingt die Biene Maja, den tolpatschigen Paulchen Panther und natürlich Bergmädchen Heidi. Wenn von einem Lied zum nächsten übergeleitet wird, bricht das Publikum in Riesenjubel aus.

Obwohl alle Sitzplätze haben, verfolgen die meisten Rudelsänger das Programm im Stehen. Nur in den Pausen nimmt man Platz. „Es ist etwas anderes, als bei einem Konzert nur passiv zu sein. Singen macht schließlich glücklich“, sagt eine 34-jährige Essenerin, die mit zwei Freundinnen gekommen ist. Sie kennt das Rudelsingen vom Ebertbad, wo Rauterberg und Schneider es regelmäßig anbieten. Mit der Akustik unter dem Tribünendach ist die junge Frau nicht so zufrieden.

Wie Hymnen werden an diesem Abend „An Tagen wie diesen“, „Halleluja“ oder „You’ll never walk alone“ zelebriert.

Ausgreifende Armbewegungen

Rauterberg holt dann als Dirigent der Menge zu ausgreifenden Armbewegungen aus. Man hat noch einmal Gelegenheit, die Texte von damals zu erleben, vom Abba-Hit „Dancing Queen“ über eine 17-jährige, die mit ihren Bewegungen alle Blicke auf sich zieht, oder bei dem Schunkellied „Es gibt kein Bier auf Hawaii“. Was es doch für Gründe gibt, die Hochzeit immer wieder aufzuschieben.

Es sind überwiegend Frauen, die gekommen sind, aber nicht nur. Und es sind alle Altersgruppen von Erwachsenen vertreten, die mittlere am meisten. Das freut auch die Veranstalter von der Energieversorgung Oberhausen (EVO), die der Moderator kurz auf die Bühne bittet. Schließlich ist das Rudelsingen das Erwachsenen-Angebot am ersten Tag des EVO-Fußball-Familienfestes. Sie versprechen übrigens, das Rudelsingen im Stadion vor Weihnachten mit den entsprechenden Liedern zu wiederholen.

In den Pausen wird Nachschub an Getränken auf die Tribüne geholt. Müssten die Fans ihre Becher nicht festhalten, würden sie noch viel ausgelassener reagieren, vielleicht sogar tanzen. Die lustigen Teilnehmerinnen eines Junggesellinnenabschieds marschieren geschlossen in Richtung Toiletten. Mit seiner E-Zigarette stößt jemand Rauchschwaden aus.

Rudelsingen bedeutet Freiheit

„Das schöne am Rudelsingen ist halt, dass es keine regelmäßige Verpflichtung zum Singen gibt wie in einem Chor. Ich könnte das nach meinem anstrengenden Dienst auch gar nicht“, berichtet eine 58-jährige Sterkraderin, die ihren Namen nicht nennt. Ihre Freundin hat sie zu diesem Abend eingeladen. Die beiden Frauen amüsieren sich prächtig.

Beim Rudelsingen muss freilich auf musikalische Spezialitäten wie mehrstimmigen Gesang verzichtet werden.

Immerhin gelingt es David Rauterberg teilweise, das Publikum in zwei Blöcken zum Singen mit unterschiedlichen Lautstärken oder zum Wechsel der Lautstärke zu bewegen. Das verleiht dem Tausend-Stimmen-Auftritt besonderen Schwung. Nach Udo Jürgens’ „Ich war noch niemals in New York“ und der Sehnsucht vom ungezwungenen Leben geht es zu fremdsprachigen Liedern über. Gerade so richtig in Stimmung gekommen, kündigt David Rauterberg aber auch schon das letzte Lied an, ein russisches Volkslied. Wenn es nach vielen der Besucher gegangen wäre, hätten sie noch lange weitersingen können.

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