Interview

Warum der Chefplaner fürs Ruhrgebiet nach Herne gezogen ist

Der Herner Stefan Kuczera an seinem Dienstsitz in der Zentrale des Regionalverbandes Ruhr in Essen.

Der Herner Stefan Kuczera an seinem Dienstsitz in der Zentrale des Regionalverbandes Ruhr in Essen.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Herne.  Der Herner Stefan Kuczera ist Chefplaner beim RVR. Was er über Planung, die Grünen, den Wohnstandort Herne, den ÖPNV und Kultur sagt.

Im Oktober 2018 ist der Herner Stefan Kuczera aus der Privatwirtschaft zum Regionalverband Ruhr (RVR) gewechselt und Abteilungsleiter geworden. Keine zwei Jahre später ist der Grüne in die RVR-Spitze aufgerückt und vom Ruhrparlament zum Beigeordneten Planung gewählt worden. WAZ-Redakteur Lars-Oliver Christoph hat den 38-Jährigen an seinem Dienstsitz in Essen besucht.

Über fünf Themen möchte ich mit Ihnen sprechen: Herne, die Grünen, Regionalplanung, RVR und Stefan Kuczera privat. Womit möchten Sie beginnen?

Stefan Kuczera: Das überlasse ich Ihnen gerne.

Okay, dann starten wir mit: Herne! Sie sind kein gebürtiger Herner. Wann und vor allem warum haben Sie sich für diese Stadt entschieden?

2015 bin ich mit meinem Lebenspartner nach Herne gezogen, da ich für meinen früheren Arbeitgeber – ein Unternehmen aus der Windenergiebranche – die Regionalniederlassung übernommen hatte. Zunächst war ich vor allem für Westfalen zuständig und musste sinnvollerweise an der Autobahn wohnen. Da sind wir vom Bürostandort Essen-Katernberg aus an der A42 Richtung Osten die Wohnstandorte durchgegangen. Und der erste, der uns richtig passend erschien, war Herne-Mitte.

Außenstehende oder Zugezogene haben ja im Gegensatz zu Einheimischen einen unverstellten Blick auf eine Stadt. Was fiel Ihnen sofort auf?

Herne ist für mich ein sehr attraktiver Wohnstandort in der Emscherzone. Das hat damit zu tun, dass Herne eine kleine, aber feine und gut erhaltene Innenstadt hat. Natürlich gibt es auch Probleme, aber das Niveau ist hoch und die Nahversorgung gut. Wir wohnen in der Fußgängerzone, wo abends die Bürgersteige hochgeklappt werden und es keinen Verkehrs- oder Partylärm gibt. So etwas ist nicht so häufig zu finden und war für uns genau das Richtige. Und die Anbindung ans Ruhrgebiet ist toll. Herne war eine Vernunftentscheidung, die wir zu keinem Moment bereut haben.

Und was gefällt Ihnen so gar nicht an Herne?

Es gibt nichts, was mir wirklich gar nicht gefällt. Herne hat aber sicherlich noch Potenzial nach oben, was zum Beispiel Themen wie Radwege oder Freizeitinfrastruktur angeht.

Kommen wir mal zu Ihrem Arbeitgeber. Sie sind auf Vorschlag der Grünen zum RVR-Planungsdezernenten gewählt worden. Nun zeichnet sich ab, dass das Ruhrparlament künftig von Rot-Schwarz statt wie bisher von Schwarz-Rot-Grün regiert wird. Und das große Thema „Regionalplan Ruhrgebiet“ ist schon vor Ihrem Dienstantritt nach heftigen Auseinandersetzungen zunächst zur Chefsache erklärt und bei RVR-Regionaldirektorin Karola Geiß-Netthöfel angesiedelt worden. Sind Sie ein Herrscher ohne Reich?

Die politische Konstellation spielt für mich als Wahlbeamter nicht die Rolle, die man vielleicht vermuten könnte. Ich agiere nicht wie ein Minister in einer Regierung, der eine politische Linie verfolgt. Sicherlich spielen grüne Themen eine wichtige Rolle. Bei einem Planungsverband wie dem RVR, der für eine ganze Region spricht, geht es aber vor allem um den Interessenausgleich.

Und die Sache mit dem Regionalplan?

Die Zuständigkeit liegt hier zunächst bei der Regionaldirektorin. Die Vereinbarung der bisherigen Koalitionäre – SPD, CDU und Grüne - sieht vor, dass die Regionalplanung nach der Verabschiedung des Regionalplans Ruhr wieder in meinem Verantwortungsbereich angesiedelt wird. Es ist aber nicht so, dass es mir ohne formelle Zuständigkeit für die Regionalplanung langweilig wird im Planungsbereich...

Da möchte ich mal einhaken: Regionalplanung dürfte für die meisten Herner Bürger ein Buch mit sieben Siegeln sein. Wie erklären Sie in einfachen Worten, was der Chefplaner des RVR den ganzen Tag macht?

Als Planungsdezernent kümmere ich mich darum, dass vernünftige Produkte erstellt werden. Gute Produkte, die ich zukünftig verantworte und die etwas mit Herne zu tun haben, finden sich zum Beispiel in der Regionalentwicklung. Wir erstellen Freizeit- und Tourismuskonzepte, wir planen und bauen überörtliche Radwege. Den Bau des Radschnellwegs Ruhr - RS1 - hat der RVR angestoßen. Bei der Entwicklung eines regionalen Radwegekonzepts für die Metropole Ruhr spielt der Verband eine maßgebliche Rolle. Und viele Hernerinnen und Herner dürften schon auf der Erzbahntrasse unterwegs gewesen sein, eines der besonders erfolgreichen Radwege-Projekte des RVR von Nord nach Süd. Insofern spielen wir eine zwar häufig unsichtbare, aber segensreiche Rolle – so im Übrigen auch beim Revierpark Gysenberg, den wir vor 50 Jahren mit aus der Taufe gehoben haben und bei dem wir das Außengelände jetzt aufwändig modernisieren. Und wir beim RVR sind auch Flächeneigentümer in Herne.

Wo zum Beispiel?

Dem RVR gehören beispielsweise Freiflächen im Umfeld der Akademie Mont-Cenis oder bei Teutoburgia. Das gilt auch für einen Wald im Langeloh und für große Waldflächen rund um Constantin.

Zurück zum Zankapfel Regionalplan. Warum ist dieser für das Ruhrgebiet so wichtig?

Stadtentwicklung ist in Deutschland Sache der Kommunen, aber es gibt einige übergreifende Spielregeln, die im Regionalplan aufgrund von Landesvorschriften festgelegt werden. Im Regionalplan werden künftige Wohn-, Gewerbe- und Verkehrsflächen sowie der Freiraum festgelegt. Das ist auch für Herne relevant, obwohl die Stadt so gut wie „fertig gebaut“ ist. Es geht in Herne anders als an den äußeren Rändern des Ruhrgebiets nicht mehr um die Frage, ob man Freiräume für die Siedlungsentwicklung umwidmet.

Wagen Sie eine Prognose, wann der RVR der Politik einen Regionalplan zur Abstimmung vorlegen kann?

Nein, eine zeitliche Prognose kann man seriöser Weise nicht abgeben.

Kommen wir zu den Grünen. Seit wann sind Sie Mitglied?

Ich bin im Landtagswahlkampf 2017 eingetreten.

Aus welchem Grund?

Ich hatte schon länger mit den Grünen sympathisiert. Bis 2015 war ich Mitglied der SPD; die Ziele haben mich dort zuletzt nicht mehr überzeugt. Sigmar Gabriel hat sich als Wirtschaftsminister redlich darum bemüht, Arbeitsplätze in der Windenergiebranche abzuschaffen. Es gibt bei der SPD zwar viele Anhänger der erneuerbaren Energien, aber der Partei waren die von der IGBCE gewerkschaftlich unterstützten Kohlearbeitsplätze immer näher. Die SPD unterlag zu lange dem Irrglauben, dass man diese Arbeitsplätze bewahren kann, indem man den Ausbau der Erneuerbaren bremst.

Die Herner Grünen hätten Sie gerne stärker in die politische Verantwortung genommen, was aber durch Ihren Job beim RVR rechtlich nicht möglich ist. Bedauern Sie das?

In der Herner Grünen-Fraktion habe ich gerne mitgewirkt und bin von daher etwas traurig, dass das nicht mehr möglich ist. Nach wie vor leite ich aber gemeinsam mit der Parteivorsitzenden Claudia Krischer den Offenen Arbeitskreis Wirtschaft. Das ist mir ein Herzensanliegen. Hier kommen Themen – Grüne und Wirtschaft – zusammen, die keine natürliche Nähe haben. Das sind oft jene Momente, in denen Politik besonders Spaß macht, weil man auch mal aus seiner Komfortzone herausgeht und Dinge aus Sicht von Menschen sieht, die einem politisch vielleicht nicht so nahe stehen.

Was halten Sie als Grüner von der Fortsetzung der rot-schwarzen Koalition im Herner Rat?

Die Entscheidung der SPD hat mich nicht überrascht. Ich habe das Signal der Wählerinnen und Wähler so verstanden, dass Frank Dudda eindeutig Oberbürgermeister bleiben soll. Ich habe aber weniger klar das Signal gesehen, dass die Hernerinnen und Herner sich eine Fortsetzung von Rot-Schwarz wünschen.

Ein großes Thema im Herner Kommunalwahlkampf war die Entwicklung der Zechenbrache General Blumenthal. Was sagen Sie zur Weichenstellung der Stadt für eine Internationale Technologiewelt?

Es ist planungsrechtlich unstreitig, dass das Blumenthal-Gelände eine gewerblich-industrielle Widmung hat und insofern für eine bauliche Nutzung vorgesehen ist. Ich kann nachvollziehen, dass die Menschen im westlichen Stadtgebiet sich nach einer Ausweitung der Freiraumqualitäten sehnen - so lese ich die Bemühungen der Bürgerinitiative Stadtwald. Es wird bei der Beplanung und Bebauung wichtig sein darauf zu achten, dass Freiraumqualitäten des Geländes erhalten bleiben.

Stefan Kuczera privat – was können Sie, was wollen Sie der Öffentlichkeit von sich mitteilen?

Ich bin in Dortmund geboren und in Wuppertal aufgewachsen. Studiert habe ich in Dortmund Raumplanung und mein städtebauliches Referendariat in Köln gemacht. Anschließend habe ich einige Jahre in Mainz gelebt und Windenergieprojekte im Saarland und in Rheinland-Pfalz entwickelt.

Gibt es Hobbys?

Ja, ich interessiere mich leidenschaftlich für Musik, Theater und Musiktheater. Also darstellende Kunst.

Welches Haus besuchen Sie am liebsten?

In der vergangenen Spielzeit wäre ich Dutzende Male im Konzerthaus Dortmund gewesen, wenn nicht das letzte Drittel wegen der Pandemie ausgefallen wäre. Ich bin Abonnent im Schauspielhaus Bochum und auch häufig bei der Ruhr Triennale und den Ruhrfestspielen zu Gast. Für Musiktheater fahre ich auch mal weiter herum und bin regelmäßig in den Häusern der Region.

Welches ist das schönste Theater im Ruhrgebiet?

Besonders wohl fühle ich mich im Konzerthaus Dortmund, weil es mir sehr vertraut ist. Das schönste Theater im Ruhrgebiet ist für mich aber das Musiktheater in Gelsenkirchen.

Das waren meine fünf Themen. Sie können aber einen Joker ziehen: Worüber würden Sie gerne noch sprechen?

Zur Frage „Was tut der RVR für Herne?“ möchte ich ergänzen, dass wir uns ebenfalls dafür engagieren, dass der ÖPNV im Ruhrgebiet eine Spur besser wird. Das wird im Planungsbereich unter meiner Führung ein ganz besonders Thema sein.

Inwiefern?

Wir werden gemeinsam mit dem VRR, also dem Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, aber auch mit den örtlichen Nahverkehrsunternehmen daran arbeiten, die überörtlichen Verbindungen im Ruhrgebiet zu verbessern. Und zwar nicht nur im Bereich Schienenpersonennahverkehr, sondern auch eine Ebene darunter bei den Bussen und Metrobussen. Die Oberbürgermeister und Landräte haben dem RVR einen Arbeitsauftrag zur Verbesserung des Nahverkehrs erteilt.

Was streben Sie konkret an?

Das ist zum einen eine Harmonisierung der Zeitschiene bei der Erarbeitung der Nahverkehrspläne. Darüber hinaus werden wir uns ganz genau die Schwachstellen in den überörtlichen Busnetzen anschauen. Wir wollen dazu beitragen, dass die Menschen im Ruhrgebiet besser von A nach B kommen. Das ist aber ein dickes Brett, weil es viele kommunale Beharrungskräfte geben wird.

Wäre es nicht vielmehr notwendig, das Brett komplett auszutauschen? Anders gefragt: Müssen Sie nicht damit rechnen, an der Flickschusterei und den Beharrungskräften zu scheitern und dass die Gründung einer zentralen Verkehrsgesellschaft fürs Ruhrgebiet nur ein schöner Traum bleiben wird?

Wir können diese Herausforderung nicht ablehnen, nur weil wir sie für groß halten. Mobilität spielt für die Zukunftsfähigkeit des Ruhrgebiets eine entscheidende Rolle, daher sollten wir so schnell wie möglich diese Aufgabe anpacken. Und das kann der Regionalverband Ruhr aus meiner Sicht so gut wie niemand anderes in der Region. Ich teile Ihre Einschätzung, dass eine gemeinsame regionale Nahverkehrsgesellschaft kurzfristig nicht umsetzbar sein wird. Wir können aber Strategien entwickeln, wie wir den Weg dahin gestalten.

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