Ausstellung

„Pest“-Schau in Herne beleuchtet Seuche von allen Seiten

Das nachgebildete Grab mit zwei Skeletten aus Aschheim bei Münster: Die dort 600 n. Chr. Beerdigten starben nachweislich an der Pest. Im Hintergrund die „Totentanz“-Installation von Claudia Pomowski.

Das nachgebildete Grab mit zwei Skeletten aus Aschheim bei Münster: Die dort 600 n. Chr. Beerdigten starben nachweislich an der Pest. Im Hintergrund die „Totentanz“-Installation von Claudia Pomowski.

Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Millionen von Menschen fielen der Pest zum Opfer. Das Archäologiemuseum geht mit einer Sonderausstellung der Seuche und den Folgen auf den Grund.

Herne. Es ist eines dieser Themen, die ein leichtes Schaudern auslösen. Die Pest, eine Katastrophe, die im 14. Jahrhundert mindestens ein Drittel der europäischen Bevölkerung auslöschte, aber auch vorher und nachher erhebliche Opfer gefordert hat. Das LWL-Museum für Archäologie widmet der bis heute nicht ausgerotteten Krankheit seine aktuelle Sonderausstellung. Es sei die bisher „größte kulturhistorische Ausstellung“ zum Thema, sagt Museumsleiterin Doreen Mölders. Sie erwartet in den nächsten acht Monaten 50.000 Besucher in Herne. Am Freitag, 20. September, wird „Pest!“ eröffnet.

Thema Pest anschaulich aufbereitet

Um es vorweg zu nehmen: Die von Stefan Leenen kuratierte Ausstellung nähert sich der Pest so fundiert wie anschaulich von allen Seiten, ohne die Sensationslust der Besucher zu kitzeln. Zwei intensive Jahre lang hat der wissenschaftliche Mitarbeiter des Hauses die Schau vorbereitet. 300 Exponate illustrieren die Geschichte der Pest. Neben archäologischen Funden sind das Objekte aus Kunst- und Kulturgeschichte. Natürlich ist auch der Pest-Erreger dabei, das kleinste Ausstellungsstück. Das abgetötete Bakterium Yersinia pestis ist aus dem Münchener Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr ausgeliehen. Entdeckt wurde es 1894 von Alexandre Yersin in einer Bambushütte in Hongkong, als die Pest in einer letzten großen Welle die Kontinente erreichte.

DNA-Analysen können Erreger aus der Jungsteinzeit nachweisen

Zu dieser Zeit hatte der Erreger immer wieder gewütet. Wie die Gesellschaft, aber auch Religion, Wirtschaft und die Kunst damit in verschiedenen Zeiten umgingen, zeichnet die Ausstellung nach. Die ältesten Exponate stammen aus der Jungsteinzeit: Werkzeuge aus einem Grab bei Augsburg, dessen Tote nachweislich an der Pest starben. Mit DNA-Analysen lässt sich das Bakterium heute bis in die Jungsteinzeit nachweisen, bestätigt der Archäogenetiker Marcel Keller vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, den die Herner für die Ausstellung und einen Katalogbeitrag zur Rate gezogen hatten. Ein nachgebildeten Grab mit zwei Skeletten erzählt davon, wie in Aschheim bei Münster in einem Gräberfeld von 600 n. Chr. das Bakterium in einem Unterkiefer gefunden wurde.

Nach einer ersten Pandemie im 6. bis 8. Jahrhundert war es vor allem die Pest im Mittelalter, die das Bild dieser Seuche geprägt hat. Weit entfernt von den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen des Entdeckers Yersin erklärten sich die Menschen damals die Katastrophe auf ihre Weise. So wurde u.a. ein „Rattenkönig“ als böses Omen verantwortlich gemacht: mehrere an den Schwänzen zusammengewachsene Tiere, wie sie ein Flugblatt und ein Alkoholpräparat aus dem Zoologischen Museum der Uni Göttingen von 1907 zeigt.

Jüdische Bevölkerung verfolgt

Auch Randgruppen wurden beschuldigt, vor allem die jüdische Bevölkerung, der Brunnenvergiftung zur Vernichtung von Christen vorgeworfen wurde. Massenpogrome waren die Folge. Dass dahinter auch wirtschaftliche Interessen standen, dokumentieren die Schatzfunde aus dem 14. Jahrhundert: Schmuck und Münzen, die von ihren jüdischen Besitzern versteckt worden waren. Jüdische Friedhöfe wurden geplündert und die Steine neu verbaut. Davon spricht das Fragment eines jüdischen Grabmals aus Münster von 1313.

Die Medizin tappte im Dunklen und behalf sich mit Aderlass und Urinschau, was Objekte und Bücher zum damaligen Wissensstand belegen. Als Gegenmittel probierte man Blattgold für die Reichen aus, für die Armen gab es Wacholderbeeren. Was half, war eher die Quarantäne oder die Selbstisolation wie im englischen Eyam.

„Dr. Schnabel“ mit der Pestmaske als Mythos entlarvt

Mit dem Mythos des Pestdoktors räumt die Ausstellung dagegen auf: Der Mann mit der Schnabelmaske ist zwar auf Bildern weit verbreitet, aber zumindest in Deutschland gab es ihn nicht. Die Religion antwortete mit Pestprozessionen, Geißlerzügen und Heiligen auf die Herausforderung. Aus Angst wählten viele die Flucht, auch davon wird erzählt, u.a. mit Luthers Schrift „ob man vor dem Sterben fliehen muge“.

Den Bezug zur Gegenwart stellt am Ende des Rundgangs das technische Equipment der Feuerwehr Essen her, das im Falle einer Infektion zum Einsatz käme. Und ein Rasenmäher: Mit ihm überfuhr eine Frau in Kalifornien 1995 ein infiziertes Grauhörnchen - und steckte sich dabei an.

Viel Stoff, zugegeben, aber spannend und auch in mehreren Portionen zu genießen. Ob die Textvermittlung via Booklet funktioniert, ist abzuwarten: Das Museum hat sich entschieden, auf Texte an den Objekten zu verzichten und stattdessen Nummern anzubringen, zu denen alles Wissenswerte in einem ausleihbaren Heft steht.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben