Heimat-Besuch

Die Hernerin Dagmar Witt wanderte nach Brasilien aus

Brasilien, die große Liebe. Seit über 30 Jahren lebt Dagmar Witt, gebürtig aus Herne, dort.

Brasilien, die große Liebe. Seit über 30 Jahren lebt Dagmar Witt, gebürtig aus Herne, dort.

Foto: Olaf Ziegler

Herne.   Dagmar Witt wurde in Herne geboren, doch vor 30 Jahren wanderte sie nach Brasilien aus. Beim Heimatbesuch erzählte sie aus ihrem bewegten Leben.

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„Manchmal habe ich Angst“, sagt Dagmar Witt (56), angesprochen auf die politische Lage in Brasilien. Und sie muss es wissen: Seit 30 Jahren lebt sie in Brasilien. „Die Leute wissen nicht mehr, woran sie glauben sollen.“ Desillusion und Unsicherheit habe sich im Gastgeberland der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und der olympischen Sommerspiele 2016 breit gemacht. Unsicherheit – ein Gefühl, das Witt auch in ihrem Leben oft begegnet war. Daraus entstand jedoch keine Angst, sondern immer wieder neue Abenteuer.

Vor rund 30 Jahren, im Jahr 1985, begann die Liebe zwischen der gebürtigen Hernerin und dem südamerikanischen Land. Ein Freund, der bei einem Entwicklungsdienst arbeitete, lud sie nach Brasilien ein. „Direkt als ich aus dem Flugzeug stieg, wusste ich: Hier bin ich zuhause“, sagt sie heute. Ein halbes Jahr blieb sie dort, danach ging sie nach Berlin, zum Studium. Sie wählte das Fach Amerikanistik aus, mit dem Schwerpunkt Brasilien. Beendet hat sie ihr Studium nicht, denn nur drei Jahre später kam ein Anruf aus São Paulo, der Elf-Millionen-Stadt im Südosten des Landes. Eine französische Firma bot ihr an, den Vertrieb zu leiten. Witt: „Ich wusste sofort: Jetzt oder nie! Besser geht‘s nicht.“ Sie liebe vor allem die brasilianische Mentalität, die warm und offen sei. Der Grundstein für ein Leben in Brasilien war gelegt. Daran änderte auch eine stürmische Zeit nichts: Die Wirtschaftskrise schlug zu. Die Firma schloss, sie musste sich arbeitslos melden. Ein Jahr lebte sie vom gesparten Geld. Das Sozialsystem Brasilien unterstütze nur drei Monaten lang mit einem Bruchteil des Gehalts, erinnerte sich Witt. Ein deutsches Sprichwort lautet „Auf Regen folgt Sonnenschein“, und wenn Brasilien etwas hat, dann Sonnenschein. Witt wurde wenig später Anzeigenverkäuferin, nach drei Monaten bekam sie die Leitung übertragen. Später arbeitete sie noch in der Unternehmensberatung, in der Kosmetikbranche, half Start-Ups und leitete ein italienisches Restaurant. Ein bewegtes Leben, das nun zu ihrem Traumjob führte, so zumindest der Eindruck, wenn sie euphorisch über ihre Schülerinnen und Schüler spricht. Sie ist Deutschlehrerin in Juiz de Fora, einer Stadt nahe Rio de Janeiro mit rund 800 000 Einwohnern. Sie arbeitet sowohl privat mit den Schülern, als auch an der Waldorfschule. Ihre erste Reaktion war jedoch: „Ich habe doch gar keine Geduld für das Deutschlehren.“

Inzwischen liebe sie die Unabhängigkeit und Flexibilität des Jobs. Ihre Schüler seien vor allem Studenten und die Bewohner der ehemals deutschen Kolonie im Ort.

Krise erschüttert Brasilien

Brasilien ist heutzutage in einer wirtschaftlichen und moralischen Krise. Die Korruption des politischen System durchdringt das Land, das Vertrauen in die Politiker ist sehr niedrig. „Es ist eine instabile Situation“, sagte sie. Wem solle man denn noch glauben? Sie spüre die Angst im Land. „Früher hatte man Hoffnung in die Linke, aber auch das kann man heutzutage nicht mehr haben“, sagt ihr Lebensgefährte Hiram Azevedo (54), der als Fotograf arbeitet. Die ehemalige Präsidentin Dilma Rousseff wurde vor ein paar Monaten in einem kontroversen Prozess ihres Amtes enthoben. Der neue Präsident Temer ist sehr unbeliebt im Land. „Da stelle ich mir schon die Frage: Bleibe ich im Land?“, so Witt. Aber sie sei eine optimistische Person, und am Ende werde alles gut. „Es gibt keinen Kandidaten, den man vertrauen kann“, wirft Azevedo ein. Witt nickt. In den nächsten Jahre wolle sie mehr auf ihr Wohlsein achten, kürzer treten. „Der einzige Plan ist es, dass wir zusammen zu bleiben“, so Azevedo.

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