Über die Erfahrungen eines Philosophen als Seelsorger hat sich Wilhelm Schmid am Freitagabend im Literaturhaus mit Gerd Herholz vom Literaturbüro Ruhr unterhalten.

Vom Katheder zu den Kathetern führte ihn sein Weg, als er die Einladung des Spitals Affoltern am Albis bei Zürich annahm, dort als philosophischer Seelsorger tätig zu sein. Die überwältigende Resonanz dieser von 1998 bis 2007 dauernden Tätigkeit nahm Wilhelm Schmid zum Anlass, über die Bedeutung des Begriffes „Seelsorge“ zu reflektieren und sie zur geistlichen Seelsorge wie auch zur Psychotherapie abzugrenzen. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war dabei die Frage nach dem Sinn von Schmerzen und Problemen. Sie bringen uns zum Nachdenken über unser Leben, meint Schmid, während Ärzte und Patienten sie vor allem als Störfaktor wahrnehmen.

Probleme selbstständig lösen

Bei der philosophischen Seelsorge geht es aber nicht darum, die Fragen der Menschen zu beantworten, sondern durch Gespräche ihre Gedanken so zu wecken, dass sie selbst Antworten zur Lösung ihrer Probleme finden.

Das widerspricht zwar der jahrhundertelangen christlichen Definition der Seelsorge, Menschen zu führen, geht aber auf den Kern des Begriffes der Seelsorge in der von Sokrates und Platon geprägten griechischen Philosophie zurück: Der Seelsorger soll den Menschen dazu bringen, seine Probleme selbstständig lösen zu können.

Philosoph: Man muss zuhören

Aber „alle haben Fragen, doch keiner hört zu“, hat Schmid festgestellt, ganz lapidar. „Das ist ein krasses Missverhältnis.“ Man müsse zuhören, fordert der Philosoph. Ganz undogmatisch hört sich das an, wie eine logische Konsequenz. Und man muss akzeptieren, dass das Leben – dessen Inhalte jeder Mensch für sich verschieden definiert – aus Gegensätzen besteht und sollte Krankheit deshalb nicht als regelwidrigen Zustand ablehnen, sondern als Denkanstoß begreifen, der kreative Energie freisetzen kann.

Undogmatisch, ungezwungen und natürlich brachte Schmid seinen Zuhörern diese Gedanken nahe, die regen Diskussionen zeigten, wie sehr er die Menschen damit berührt.