Es regnet in Strömen, ein kalter Wind peitscht über den Willi-Pohlmann-Platz in Herne-Mitte. Umso höher rechnet es Oberbürgermeister Frank Dudda den rund 200 Menschen an, dass sie am Montagmittag den Weg zum Shoah-Mahnmal am Kulturzentrum gefunden haben, um der Opfer der Nationalsozialisten zu gedenken.

Einen Tag nach dem offiziellen Holocaust-Gedenktag in Deutschland führt Herne die traditionelle Veranstaltung durch. Auf einen Programmteil im Kuz verzichtet die Stadt diesmal, weil 2018 anlässlich des 80. Jahrestags der Pogromnacht am 9. November eine größere Veranstaltung in der Realschule Crange stattgefunden hat.

Anfeindungen und Angriffe

OB Frank Dudda ((2.v.re.) hielt die Rede bei der Gedenkveranstaltung aam Shoah-Mahnmal. Mit im Bild (von links): Reiner Rimkus (Ev. Kirchenkreis), Henryk Banski (Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen) und Christian Ribbe (Musikschule).   
OB Frank Dudda ((2.v.re.) hielt die Rede bei der Gedenkveranstaltung aam Shoah-Mahnmal. Mit im Bild (von links): Reiner Rimkus (Ev. Kirchenkreis), Henryk Banski (Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen) und Christian Ribbe (Musikschule).  © Gerd Siegmund

Auf den wachsenden Antisemitismus und das Erstarken rechtspopulistischer Parteien in Europa weist der OB hin. „Statistisch gesehen haben die Straftaten gegen jüdische Menschen und Einrichtungen zwar nicht zugenommen, aber Fakt ist: Die Anfeindungen und Angriffe werden immer gewalttätiger.“

Das gelte nicht nur für die sozialen Medien, sondern: „Die Gewalt passiert auf offener Straße.“ Es könne nicht angehen, dass jüdische Menschen sich nicht mehr sicher fühlten und Erinnerungsorte wie das Shoah-Mahnmal eines besonderen Schutzes bedürften. Duddas eindringlicher Appell: „Wir müssen uns dafür einsetzen, dass sich rechtsextremistisches, fremdenfeindliches Gedankengut nicht weiter verbreitet.“

Erinnerung an jüdische Familien

Der „besondere Schutz“ für das seit 2014 nach vier Anschlägen verhüllte und nur für Gedenkveranstaltungen geöffnete Shoah-Mahnmal werde bis Juni stehen, kündigt der OB an. Zurzeit fänden in Süddeutschland letzte Arbeiten an der Spezialkonstruktion statt. Und auch zwei neue Erinnerungsorte werde es schon bald in Herne geben: In diesem Jahr stelle die Stadt Tafeln für die von den Nazis getöteten Familien Frank und Wertheim in Sodingen beziehungsweise Eickel auf. Mit dem Schicksal dieser Familien haben sich Schüler 2017 und 2018 intensiv beschäftigt.

Über das Aussterben von Zeitzeugen schlug Frank Dudda in seiner Rede einen Bogen über steigenden Besucherzahlen in NS-Gedenkstätten bis hin zu einem finalen Bekenntnis: „Das Shoah-Mahnmal erinnert uns daran, dass wir nie wieder zulassen dürfen, dass Menschen aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft, einer geistigen oder körperlichen Einschränkung, ihrer sexuellen Orientierung oder politischen Überzeugung verfolgt und ermordet werden.“ Friedliche und freiheitliche Werte müssten im tagtäglichen Einsatz bewahrt werden. Am Ende ist Schweigen: Mit einer Gedenkminute klingt die Veranstaltung aus.

>> INFO: Jüdische und christliche Gebete

Wie in jedem Jahr wurden bei der Gedenkveranstaltung jüdische und christliche Gebete gesprochen.

Diesen Part übernahmen Aaron Naor (Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen), Superintendent Reiner Rimkus (Evangelischer Kirchenkreis), Dechant Norbert Walter (Katholisches Dekanat Emschertal). Auch Henryk Banski (Jüdische Gemeinde) ergriff das Wort. Für die musikalische Umrahmung sorgte Christian Ribbe, Leiter der Musikschule.

Unter den Teilnehmern waren unter anderem Alt-Oberbürgermeister Horst Schiereck, mehrere Schulklassen sowie der Künstler Winfried Venne (Wuppertal), der das Mahnmal mit Gabriele Graffunder realisiert hatte.