Auch wenn es sich nicht immer so anfühlen mag, für die Natur im Ennepe-Ruhr Kreis beginnt im Februar meist schon so etwas wie Frühling. Nämlich dann, wenn die ganz unerschrockenen Frühblüher unter den Pflanzen, wie Schneeglöckchen und Winterlinge, ihre Blüten öffnen. Vorfrühling nennen das die Biologen, die ein Auge auf die jährlich wiederkehrenden Entwicklungen von Pflanzen und Tieren in der Natur haben.

Spannend ist das, weil dieselben Pflanzen nicht jedes Jahr zur gleichen Zeit blühen. Der Beginn des Vorfrühlings, des Frühlings und acht weiterer Jahreszeiten ist nicht im Kalender festgelegt, sondern wird durch Verhalten bestimmter Pflanzen- und Tierarten angezeigt.

Wissenschaftliche Untersuchungen

Bei milden Temperaturen in den ersten Monaten des Jahres wird die Natur viel früher aktiv. Daher ist die Phänologie in den vergangenen Jahren besonders interessant für Klimaforscher geworden. Und tatsächlich haben viele wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass verschiedene Pflanzenarten in den vergangenen fünfzig Jahren immer früher zu blühen beginnen.

Insgesamt hat sich die Zeitspanne zwischen Vorfrühling und Spätherbst in Deutschland um rund zwei Wochen verlängert. Prima, werden Sie vielleicht denken. Dann grünt und blüht es länger, die Pflanzen haben mehr Zeit, um zu wachsen. Das stimmt durchaus. Aber für die Pflanzen und für die von ihnen abhängigen Tiere kann das trotzdem von Nachteil sein. Nämlich dann, wenn durch das frühe Blühen der Pflanzen ein ganzes Gefüge mit unzähligen Verflechtungen durcheinander gerät. Denn nicht alle Organismen in der Natur können gleich schnell auf Veränderungen reagieren. Und so können manche, zuvor über lange Zeiträume aufeinander abgestimmte Systeme, aus dem Takt geraten.

Bestäubung durch den Wind

Wenn für die Bestäubung wichtige Insekten noch nicht geschlüpft sind. Jeder, der einen Garten mit Obstbäumen hat, weiß, was es für die Ernte bedeutet, wenn zur Zeit der Obstblüte keine Bestäuber fliegen. Handelt es sich um Wildfrüchte, die nicht bestäubt werden, fehlt es später den Tieren an Nahrung.

Einige typische Vorfrühlings-Blüher, wie die Hasel und die Schwarzerle, sind allerdings nicht auf Insekten zur Bestäubung angewiesen. Sie lassen ihre Pollen „vom Winde verwehen“. Sehr zum Leidwesen der Allergiker. Für sie verkürzt sich mit der Vorverlegung des Vorfrühlings die pollenfreie Zeit.

Männliche und weibliche Blütenteile

Der Wind als Blütenbestäuber – man kann sich kaum vorstellen, dass das funktioniert. Aber windbestäubte Pflanzen wachsen oft zu mehreren beieinander, haben sehr viele Blüten und produzieren sehr viel Pollen. So stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass doch einige Pollenkörner an genau der richtigen Stelle landen. Diese Stelle ist die sogenannte Blütennarbe im weiblichen Teil einer Blüte. Von hier aus kann das Pollenkorn die Blüte befruchten. Erst dann entwickelt sich aus der Blüte eine Frucht.

Bei vielen windbestäubten Arten befinden sich männliche und weibliche Blütenteile nicht gemeinsam in einer Blüte, sondern in unterschiedlichen Blüten. So auch bei der Hasel. Die auffälligen länglichen Kätzchen der Hasel, die wohl jeder kennt und die schon überall an den Sträuchern hängen, bestehen aus den männlichen Blüten mit den Pollenkörnern. Die weiblichen Hasel-Blüten dagegen sind sehr unscheinbar. Sie sehen aus wie Blattknospen, aus denen kurze rote Fäden herausragen.

Haselnuss-Ernte beginnt im Spätsommer

Auffallende Blüten sind für den Wind als Bestäuber auch nicht notwendig. Er muss nicht, wie Insekten, von weit her angelockt werden. Bei der Blütenbestäubung durch den Wind geht es darum, den heranwehenden Pollenkörnern einen möglichst freien Landeplatz auf der Blütennarbe zu bieten. Und die roten Fäden sind genau das: die Blütennarben, die unverdeckt dem Wind ausgesetzt sind. Erst wenn darauf ein Pollenkorn landet, wird eine Nuss daraus. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Die Haselnuss-Ernte beginnt nämlich erst im Spätsommer.