Abschiedsinterview

Roland: „Die Bürgernähe war mir immer besonders wichtig“

Bürgermeister Ulrich Roland war 16 Jahre im Amt. Bei der Kommunalwahl im September hat er nicht mehr kandidiert. Er scheidet am 31. Oktober aus.

Bürgermeister Ulrich Roland war 16 Jahre im Amt. Bei der Kommunalwahl im September hat er nicht mehr kandidiert. Er scheidet am 31. Oktober aus.

Foto: Lutz von Staegmann / FUNKE Foto Services

Gladbeck.  Die Amtszeit von Gladbecks Bürgermeister Ulrich Roland endet nach 16 Jahren. Im Interview blickt er auf seine Erfolge und Niederlagen zurück.

16 Jahre lang war Ulrich Roland (SPD) Bürgermeister der Stadt Gladbeck. Zweimal wurde er mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt – im September bei der Kommunalwahl trat der 67-Jährige aus Altersgründen nicht mehr an. In einer Woche, am 31. Oktober, scheidet er aus dem Amt – Zeit, zurückzublicken und im Gespräch mit der WAZ Bilanz zu ziehen.

Herr Roland, Sie sind nicht nur seit 2004 Gladbecks Bürgermeister, sondern insgesamt seit mehr als 48 Jahren bei der Stadtverwaltung tätig. Stellt sich jetzt, wenige Tage vor dem endgültigen Abschied, schon so etwas wie Wehmut ein?

Ja, das muss ich zugeben. Das ist etwas, wo Herz und Kopf nicht zusammen passen. Ich gehe mit einem lachenden, aber durchaus auch mit einem weinenden Auge. Die Zeit der Corona-Pandemie war eine gewisse Vorübung auf den Ruhestand. Abend- und Wochenendtermine fanden ab dem Frühjahr plötzlich nicht mehr statt. So gleite ich jetzt durch Corona in den Ruhestand, auf den man sich eigentlich gar nicht vorbereiten kann.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Amtstag?

Aber natürlich. Es war der 11. Oktober 2004, ein Montag. Und ich kam zu spät ins Rathaus, da wir am Abend zuvor etwas länger den Wahlsieg gefeiert hatten. Der erste Tag als Bürgermeister bot natürlich eine neue Tagesnervosität, eine neue Aufmerksamkeit und einen ganz anderen Druck, als ich es bis dahin als Amtsleiter gewohnt war. Es änderte sich alles kolossal. Bürgermeister ist man schließlich 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Ich konnte das Amt aber gut einschätzen, weil ich es vor meiner Wahl genau beobachtet hatte. Ich war immer der Meinung, wenn man es macht, dann richtig. Die Bürgernähe war mir immer sehr wichtig.

Hatten Sie erwartet, so lange an der Spitze der Stadt zu stehen?

Nein, überhaupt nicht. Niemand kann zu Beginn seiner Amtszeit wissen, wie lange ihm die Menschen ihr Vertrauen schenken, oder ob man selbst derart lange Freude am Amt hat. Sie müssen auch damit klar kommen, eine öffentliche Person zu sein, das war neu für mich. Aber das stand von Anfang an für mich fest: mit allen zu kommunizieren. In der Öffentlichkeit zu stehen, das hat sich allerdings im Laufe meiner Amtszeit leider total geändert. Sie haben in der digitalen Welt zunehmend mit Fake News zu kämpfen, mit Beleidigungen und verbalen Angriffen. Zunehmend wird das Fell aber dicker.

Welche Erwartungen an das Amt hatten Sie damals, sind sie erfüllt worden?

Ich war angetreten, nicht nur, um die Stadt nur zu verwalten, sondern sie auch zu gestalten. Ich wollte vor allem eine Nähe zu den Menschen aufbauen, das Rathaus mehr öffnen, das Miteinander in der Stadt stärken. Ich glaube, das ist gelungen. Ich glaube auch, dass wir in den vergangenen 16 Jahren die Stadt auf Kurs gehalten haben, das ist übrigens eine Daueraufgabe, da muss man dran bleiben.

Wo sehen Sie Ihre größten Erfolge?

Die gelungene Kommunikation in der Stadtgesellschaft, das zeigt sich durch die vielfältigen Kontakte im Rathaus, aber auch bei den großen Festen in der Stadt. Sichtbar wird’s auch im Stadtbild – wir haben eine neue Stadt gebaut: Innenstadt, Nordpark, Rathauspark, Kunstrasenplätze, Heisenberg-Gymnasium, Schwechater Straße 38, Möbelparadies, Mottbruchhalde und vieles mehr. Überall sieht man positive Veränderungen. Auch der städtischen Wohnungsgesellschaft GWG haben wir ihre Handlungsfähigkeit zurückgegeben. Aber auch die Entwicklung der Stadtfinanzen kann sich sehen lassen – erstmals seit 1993 hatten wir 2017 dank des Stärkungspaktes einen ausgeglichenen Haushalt. Wir brauchen aber Hilfe von außen, um die gravierenden Altschulden und die finanziellen Herausforderungen der Corona-Krise bewältigen zu können.

Was war die größte Herausforderung in Ihrer Amtszeit?

Das war das Thema Integration. Wie forme ich aus Menschen, die aus über 110 Ländern dieser Welt stammen, eine einheitliche Stadtgesellschaft? Der Stammgesellschaft wurde viel abverlangt in den zurückliegenden Jahren, sie war auch bereit, viel zu geben. Aber wie stelle ich Anforderungen an die, die neu zu uns kommen oder gekommen sind? Es bleibt der Wunsch nach einem friedlichen Miteinander.

Was war die größte Enttäuschung, was ist nicht gelungen?

Der abgelehnte Ratsbürgerentscheid zum Ausbau der A52 im Jahre 2012. Wir glaubten, dass das ausgehandelte Modell eine hohe Zustimmungs- und Tragfähigkeit hatte. Dies war allerdings nicht der Fall. Es gelang nicht, die Menschen von den Vorteilen des Konzeptes zu überzeugen. Wir haben die Zustimmung in allen Stadtteilen verloren. Es gelang im Übrigen auch nicht zu vermitteln, dass ein Ratsbürgerentscheid ein Verfallsdatum hatte, und ohne eine neue Entscheidung des Rates, die 2015 folgte, ein Autobahn-Ausbau in offener Bauweise drohen würde.

Was hat die Corona-Krise Ihnen in den vergangenen Monaten Ihrer Amtszeit abverlangt?

Das ist ein dunkles Kapitel, das mich zum Schluss meiner Amtszeit traf – und zwar mit Wucht. Darauf hätte ich verzichten können. Die Krise stellt uns täglich vor neue Herausforderungen, und es gibt kein Handbuch dazu, wir mussten kreativ damit umgehen. Die Mitarbeiter des KOD – das sind die wichtigsten Leute in diesen Tagen. Die Kontaktnachverfolgung ist eine Riesenaufgabe, die öffentliche Hand scheint bald vor einer Überforderung zu stehen. Die Gesellschaft insgesamt muss unbedingt aktiv mitmachen.

Welchen Rat geben Sie Ihrer Nachfolgerin Bettina Weist mit auf den Weg?

Jeder hat seinen eigenen Stil. Ein Rat wäre, dass die Kommunalfinanzen eine Baustelle sind, die man sehr ernst nehmen sollte. Wir kommen aus einer Sparphase und trotzdem muss das gesellschaftliche Leben gestaltet werden. Wichtig ist auch die Gemeinschaft. Es lohnt sich, die Stadt mitzuleben und bei den Menschen zu sein. Das ist die Belohnung für den Job.

Was haben Sie sich für Ihren Ruhestand vorgenommen?

Ich lasse die Dinge erst einmal auf mich zukommen. Ich werde mit meiner Familie viel Zeit verbringen – mit meiner Frau, meinen zwei Söhnen und meinen drei Enkeln. Das kam zuletzt oft zu kurz. Zudem bin ich ein leidenschaftlicher Fotograf, habe früher meine Filme noch selbst entwickelt. Und ich freue mich auf lange Fahrradtouren. Ich werde weiter ein politischer Mensch bleiben, auch wenn ich mich nicht mehr aktiv einbringen werde. Vermissen werde ich aber die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen.

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