Neues Buch

Neu-Gladbeckerin Simone Wiechern lebte 17 Jahre als Beduinin

  Sie liebt das Rote Meer und die Wüste – Simone Wiechern auf einem gut 20 Jahre altem Foto mit ihrem Sohn Salama.

  Sie liebt das Rote Meer und die Wüste – Simone Wiechern auf einem gut 20 Jahre altem Foto mit ihrem Sohn Salama.

Foto: Wiechern

Gladbeck.  Simone Wiechern schrieb ein Buch über ihre Zeit auf dem Sinai. Die 49-Jährige lebte in einem Beduinenlager und war mit einem Araber verheiratet.

Eigentlich wollte sich Simone Wiechern nur ein Semester lang eine Auszeit nehmen, als sie im November 1994 auf den Sinai flog. Doch aus dem langen Ägypten-Urlaub bei den Beduinen am Roten Meer wurden am Ende 17 Jahre. Die damalige Studentin hatte Land, Leute und Leben am Rande der Wüste so schätzen und lieben gelernt, dass sie ihren Alltag in Berlin vollkommen über den Haufen warf und einfach im Land ihrer Träume blieb.

Mit 1800 Mark war sie im Beduinenland angekommen, und vom letzten Geld kaufte sie sich ein paar Wochen später ein Kamel. Eine Investition in die Zukunft, eine Lebensgrundlage, erinnert sich Simone Wiechers, die fortan Kameltouren für Touristengruppen durchführte. „Ich erlebte ein großes Gefühl der Freiheit, ein Gefühl der Unabhängigkeit“, so Simone Wiechers, die heute in Gladbeck lebt und die ihre Erinnerungen in einem Buch zusammengefasst hat, das jetzt erschienen ist. „Fliegende Teppiche – Mein Leben als Beduinin“ ist eine Selbstreflexion auf 412 Seiten, der Versuch, sich alles von der Seele zu schreiben – denn sie erlebte auf dem Sinai viele gute Zeiten, war verheiratet, bekam Kinder, erlebte aber auch harte Zeiten.

Die Studentin verliebte sich auf Anhieb in Land und Leute

Wiechern, die im Januar 50 Jahre alt wird, stammt ursprünglich aus Bad Soden in Hessen, machte eine Ausbildung zur Bauzeichnerin in Düsseldorf, holte das Abi nach und studierte schließlich in Berlin. 1990 kam sie mit drei Kommilitonen zum ersten Mal auf den Sinai – als Touristin. Sofort verguckte sie sich ins Land, kam mehrfach zu weiteren Urlauben wieder. „Mich packte eine richtige Sehnsucht.“ Die Mentalität der Menschen sei klasse, ihre Gastfreundschaft, ihre Naturverbundenheit. „Ich glaube, sie sind mit ihrem bescheidenen Leben glücklicher als viele Deutsche.“

Eines der ersten Erlebnisse ist ihr bis heute lebhaft in Erinnerung: Nach ihrer Ankunft in Nuweiba, einem Touristenort am Roten Meer, wurde sie spontan von einem sieben Jahre alten Mädchen an die Hand genommen, das sie zu sich nach Hause führte. „Ich war neugierig, ging mit, die Familie lud mich zum Tee ein – wir verstanden uns auf Anhieb.“ Es war für sie ein einschneidendes Erlebnis.

1994 schloss sie sich in Dahab einem Beduinencamp an

1994 schließlich, als sie sich entschloss, auf Dauer auf dem Sinai zu bleiben, schloss sie sich in Dahab einem Beduinencamp an. Dort lernte sie Samir kennen, den sie 1995 heiratete und mit dem sie drei Kinder bekommen sollte. Sie lebte mit seiner Familie, fühlte sich dort akzeptiert und verstanden. „Es fing alles so märchenhaft an und ich hatte ganz glückliche Jahre.“

Mit Samir machte sie ein neues Camp in Ras Abu Galum, einem einsamen Küstenort, auf. Sie führten Touristen per Kamel in die Wüste, zu Oasen. „Wir lebten in einem offenen Beduinenzelt, die Stille und die Weite der Wüste – ich liebte das.“ Man brauche nicht viele Dinge, um glücklich zu sein, so Simone Wiechern, die fortan als Beduinin lebte und fühlte.

Nach einem Attentat 1997 in Luxor blieben die Touristen aus, ihre Existenzgrundlage ging verloren. In der Folge kam ihr Mann mit Heroinhändlern in Kontakt, wurde selbst drogenabhängig. 2001 trennte sie sich von ihm, schlug sich allein mit ihren Kindern durch, bewirtete etwa Reisende mit Touristendinnern.

Während der Revolution in Ägypten 2011 reiste sie aus

Ausreisen konnte sie nicht, da sie ihre Kinder nicht hätte mitnehmen dürfen. Das gelang erst 2011 während der ägyptischen Revolution. Simone Wiechern zog mit ihrem Nachwuchs nach Bad Soden, bevor sie im April diesen Jahres zur Neuorientierung – wie sie sagt – ins Ruhrgebiet und nach Gladbeck kam, wo sie in Rentfort lebt.

Sie denkt immer noch viel an den Sinai, hat auch weiterhin Kontakte. „Ich habe unermesslich viel erlebt, ganz besondere Menschen getroffen und dabei immer dazugelernt. Ich würde die Entscheidung, dorthin zu gehen, immer wieder treffen und auf den fliegenden Teppich aufspringen, wenn er verlockend mit den Fransen winkt“, sagt sie in Anspielung auf ihren Buchtitel.

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