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Kindesmissbrauch – Gladbecker klärt auf Deutschlandtour auf

Markus Diegmann (50) packt sein Wohnmobil, mit dem er in Kürze zur „Tour 41“ startet, um die Öffentlichkeit zu informieren und Unterschriften gegen eine Verjährung der Straftat des Kindesmissbrauches

Markus Diegmann (50) packt sein Wohnmobil, mit dem er in Kürze zur „Tour 41“ startet, um die Öffentlichkeit zu informieren und Unterschriften gegen eine Verjährung der Straftat des Kindesmissbrauches

Foto: Lutz von Staegmann

Gladbeck.  Markus Diegmann kämpft dafür, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern nicht verjährt. Gladbecker war früher selbst Opfer von pädophilen Männern

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„Tour 41“, das klingt zunächst nach nichts Besonderem, sondern wie die tägliche Routinefahrt einer Spedition. Die„Tour 41“ von Markus Diegmann ist aber alles andere als Routine. Sie ist eine Tour der Emotionen, eine Tour der Aufklärung mit einem Ruf nach Gerechtigkeit, der hoffentlich gehört wird. Der Gladbecker kämpft dafür, „dass die Verjährungsfrist von sexuellem Missbrauch an Kindern rechtlich aufgehoben wird“.

Worum es Markus Diegmann bei seiner geplanten Fahrt im Wohnmobil kreuz und quer durch die Bundesrepublik geht, kann von weitem schon beim Betrachter seines auffälligen Gefährtes erahnt werden. Denn das komplette Heck des Tour-Caravans ist mit dem berührenden Schwarzweißbild eines weinenden Kleinkindes beklebt. Zudem mit dem gut sichtbaren Motto „Tour 41“, das beim Annähern in erschreckender Weise mit dem Infosatz erklärt wird: „Jeden Tag werden 41 Kinder missbraucht“.

Mit sechs Jahren zum ersten Mal missbraucht

„Mindestens, laut Statistik – und wie viele müssen es dann erst insgesamt in Deutschland sein, denen es so ergangen ist wie mir“, stellt Markus Diegmann als ernüchternde Frage. Denn der kleine, weinende Junge, das ist Diegmann im Grunde auch selbst. Der gebürtige Wipperfürther berichtet im Gespräch mit sichtlichen Mühen und innerlich aufgewühlt davon, wie er als Sechsjähriger zum ersten Mal vom Mieter seiner Eltern missbraucht wurde und später ebenso von einem Arbeitskollegen seines Vaters. Ein Foto aus Kindertagen zeigt ihn als zarten Jungen mit halblangem hellblonden Haar, der zum Opfer der pädophilen Männer wurde. „Ich habe neun Jahre die Hölle durchlebt“, sagt der heute 50-Jährige.

Seine Mutter, die als Krankenschwester im Schichtdienst oft nicht zu Hause gewesen sei, habe nichts bemerkt. Sein Vater habe keinerlei vertrauensvolles Verhältnis zu seinen Kindern und eine „lockere Hand“, wie Diegmann sagt, gehabt. Als er sich nach den schrecklichen Vergewaltigungen wieder in die Hosen machte, habe es so nur Prügel gesetzt „und ich musste mich dann auch vor dem Besuch meines Vaters ausziehen und die schmutzige Wäsche in einem Wasserbottich unter Schlägen auswaschen“.

Erlebnisse in der Seele vergraben

Ein weiteres Trauma, das dazu beitrug, dass die schrecklichen Erlebnisse tief in der Seele von Markus Diegmann vergraben, und über Jahrzehnte nicht angerührt wurden. Eine Art verschüttete Zeitbombe, die im Untergrund tickte, die ohne „Explosion“ aber ermöglichte, dass die so eingekapselte Psyche nicht die rasante Berufskarriere des zunächst in Bottrop lebenden Mannes aufhielt.

Diegmann wurde für ein Unternehmen in den USA tätig. Er vertrieb, installierte und schulte weltweit die Mitarbeiter der Kunden an spezieller Computersoftware. Mit einem Spitzenverdienst von 7000 Euro netto pro Monat. Mit seinen Erfahrungen gründete der Experte schließlich in Deutschland seine eigene Firma, war weltweit für Toyota tätig und beschäftigte bis zu zehn Mitarbeiter mit einem Jahresumsatz von einer Million Euro.

Erinnerungen spülten an die Oberfläche

„Im Prinzip war ich irgendwie aber auch immer auf der Flucht. Meine Bauchmuskulatur ist als missbrauchtes Kind bis heute ständig angespannt“, so der 50-Jährige. Anfang 2013 kam dann der Zusammenbruch. Die vergrabene Bombe explodierte, die verkapselten Erinnerungen spülten an die Oberfläche und Diegmann wurde völlig aus seiner bisherigen Lebensbahn geworfen. Therapien folgten und der chronisch-komplex-posttraumatisierte Gladbecker gilt heute als schwerbehindert.

Die noch lebenden Täter aus Kindertagen kann Diegmann nicht mehr haftbar machen: „In Deutschland verjährt sexueller Missbrauch von Kindern nach 30 Jahren.“ Ein für ihn unfassbarer und unhaltbarer Zustand, den er mit seiner Tour 41 ändern möchte .

Klare Forderung: Keine Verjährungsfrist ! 

Mit seinen acht Geschwistern hat Markus Diegmann den Verein Tour 41 gegründet. Gute Freunde unterstützen ihn finanziell bei seiner Aufklärungstour. Bei der Fahrt kreuz und quer durch Deutschland will Diegmann auf zentralen Plätzen in Städten haltmachen, um über die schrecklichen Fakten des Kindessmissbrauches in Deutschland zu informieren.

Zudem sammelt der Gladbecker Unterschriften, mit dem Ziel, die Verjährungsfrist von 30 Jahren für die Straftat des Kindesmissbrauches aufzuheben. Denn wie bei ihm kämen oft die im Kindesalter erlittenen und in der Psyche verborgenen Taten erst nach Jahrzehnten wieder ans Tageslicht. Dann, wenn die strafbaren Geschehnisse verjährt sind und die Täter nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können.

Diegmann will seine Aufklärungstour so lange fortsetzen, bis eine Millionen Unterschriften zusammen sind. Die will er dann zur Bundesregierung nach Berlin bringen, damit die Verjährungsfrist aufgehoben wird. Infos: tour41.net

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