Kein Rühren in der Wunde

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Bei der Eröffnung der Ausstellung „700 Jahre Lüttinghof” ging es überwiegend friedlich zu. Regierungspräsident Paziorek forderte eine bessere Ausschilderung – OB Baranowski kündigte eine solche an

Er habe ursprünglich von einer „kleinen Ausstellung” reden wollen, sagte Peter Paziorek, der Regierungspräsident aus Münster mit bueraner Blut in den Adern. Doch wenn er sich das hier so anschaue, wolle er einfach von einer Ausstellung reden. Launig ging's zu bei der Eröffnung der Ausstellung anlässlich des 700-jährigen Bestehens der Wasserburg Lüttinghof.

Das Konfrontationspotenzial wurde an diesem Tag auch nicht voll ausgeschöpft. Paziorek (CDU) ließ es angesichts geballter SPD-Prominenz – neben OB Frank Baranowski auch des Bundestagsabgeordneten Joachim Poß und seiner Landtagskollegin Heike Gebhardt – bei einem verkehrstechnischen Hinweis bewenden: Die Stadt möge doch einmal für eine Ausschilderung des „idyllischen Kleinods” und eine Durchlichtung des Zufahrtsweges sorgen. Kein Rühren in der Wunde also, die Stadt habe mit eigenen Jubiläumsfeiern eine Chance vertan.

OB Baranowski verpackte städtische Selbstkritik in eher sanfte Worte. Den drei Planern der Ausstellung – Seminarleiter Ludger Linneborn, Architekt Martin Müller und „Hausmeister” Gerd Schneider – bescheinigte er: Die drei „haben uns allen doch den Spiegel vorgehalten”.

Und dann kündigte das Stadtoberhaupt an, dass auf Lüttinghof – nach einem Hinweisschild auf Polsumer Gebiet – jetzt an der großen Kreuzung Polsumer Straße/Eppmannsweg/Ulfkotter Straße ein Schild auf die Existenz dieser schönen Wasserburg (und ältesten Gebäudes von Gelsenkirchen) aufmerksam machen werde. Seine Anmerkung, das NRWStraßen als zuständige Behörde „um 8.48 Uhr” die Zustimmung übermittelt habe, löste heftigen Beifall aus. „Endlich nimmt man die Wasserburg doch zur Kenntnis”, wurde geraunt.

Zur Kenntnis nehmen sollte Gelsenkirchen auch das Lehrerseminar, das die Bezirksregierung in der Vorburg von Lüttinghof unterhält. So sind wohl Pazioreks weitere Worte zu verstehen.

Das Seminar sei „nicht unbedeutend für die Zukunft der Stadt und die gesamt Emscher-Lippe-Region”. Es locke Akademiker – 500 werden hier jährlich ausgebildet – in die Gegend, die dann vielfach hier auch ansässig werden. Kurz zuvor hatte der RP Urkunden an die Refrendare überreicht. Einige der angehenden Lehrer hatten dann auch ihren Weg in die Ausstellungseröffnung gefunden.

Als die WAZ vor einer Woche über die Vorbereitungen berichtete, war diese kleine Schau fast perfekt. Hinzugekommen sind in den letzten Tagen die Statuen, die früher den Burggarten zierten und eine Zeit beim Restaurator verbracht haben. Geschützt vor Witterung stehen jetzt Aktaion („Gott mit dem Hirschkopf”), Diana, Pan, Flora oder Dionysos in den Gängen der Vorburg.

Öffnungszeiten

Werktags ist die Ausstellung zur 700jährigen Geschichte der Wasserburg Lüttinghof von 10 bis 16 Uhr zu besichtigen. Am kommenden Samstag, 30. August, ist die Ausstellung ebenfalls von 10 bis 16 Uhr zu sehen.

Erbtochter Clara und der Verrat

Der Historiker Carl Heinrich Lueg sorgte mit dafür, dass die Eröffnung der Ausstellung „700 Jahre Lüttinghof” zum Erfolg geriet. Sehr humorvoll und gar nicht trocken umriss er die wechselvolle Geschichte der Wasserburg, nicht ohne auch einen Abstecher in die „Geschichten” zu unternehmen. Wie Lüttinghof während der Religionskriege den Protestanten in die Hände fiel – „Es geht auf einen Verrat zurück” –, könnte auch Stoff zu einem Roman a la Rosamunde Pilcher liefern.

Clara, die Tochter des (katholischen) Burgherrn Reiner von Raesfeld, hatte sich in den Kommandeur der Burgtruppen, Bernd Hauer, verliebt. Da sie aber Erbtochter, also „für andere Alliancen verplant” (Lueg) war, forderte von Raesfeld vom Wachtmeister, die Beziehung aufzugeben. Der fühlte sich gedemütigt, schlug sich auf die Seite der Feinde und verriet ihnen eine Furt in der Gräfte, durch die man zur Burg gelangen konnte. Am 11. August 1590 wurde die Burg erobert, von Raesfeld nach Doettinchem verschleppt, wo er in Haft verstarb. Als Clara 1593 einen Freiherrn heiraten wollte, erschien Hauer vor der Vestischen Ritterschaft und behauptete – erfolglos –, sie sei seine eheliche Frau.

Rede von OB Frank Baranowski zur Ausstellungseröffnung

(von der Stadt Gelsenkirchen übermittelter Text)

"Ich glaube an die heilige katholische Kirche und an die Unfehlbarkeit des Papstes." Ganz selbstbewusst brachte ein Müller diesen Satz über dem Eingang seiner Mühle an. Das war in den strittigen Tagen des Vatikanischen Konzils 1870 und trug sich nur wenige Meter von hier zu. Vielleicht sind Ihnen ja die beiden Mühlsteine aufgefallen, als Sie den Weg über die Westbrücke genommen haben.Die so genannte Unfehlbarkeitsmühle gibt es an dieser Stelle leider heute nicht mehr. Sie ist im Krieg zerstört worden. Anders als die Burg Lüttinghof selbst. Gott sei Dank, denn die Wasserburg wurde erstmals am 28. August 1308 erwähnt, in einer Lehensurkunde des Kölner Erzbischofs Heinrich II.. Haus Lüttinghof ist demnach das älteste Gebäude der Stadt. Vor Schloss Horst (1552-1578) und Haus Leythe (18. Jahrhundert).

In der Lehensurkunde, die die Familie von Flerke am 28. August 1308 vom Kölner Erzbischof Heinrich II erhielt, wird das "Castrum Luttekenhove" erstmals schriftlich erwähnt. Vermutlich kam das Haus zu seinem Namen, weil man es als kleinen Hof aufführte. Als Lütkenhof, aus dem später der Lüttinghof wurde. Auch die Schreibweise mit doppeltem F findet man übrigens noch häufig in den historischen Aufzeichnungen. Die Familie von Flerke benannte sich fortan nach ihrem Wohnsitz: von Lüttinghof. Das war 1308 und so können wir stolz in diesem Jahr das 700-jährige Bestehen feiern.

Ein Jubiläum, das nur möglich ist, weil viele zum Erhalt des Hauses beigetragen haben. Die Stadt Gelsenkirchen hat Anfang der 1980er Jahre alles in ihrer Macht stehende getan, um die Substanz der mittlerweile arg zerfallenen Burg zu erhalten. Alte morsche Balken wurden ausgetauscht, neue Betondecken eingezogen. Der Keller wurde abgestützt und Mauern zur Absicherung der Wände gesetzt. Im Jahr 1986 übernahm der Landschaftsverband Westfalen-Lippe die Burg und restaurierte sie. Eine zentrale Restaurierungswerkstatt entstand auf den Fundamenten der ehemaligen Vorburg. Hier, wo wir nun stehen, befinden sich heute das Studienseminar und Büroräume für freiberuflich Tätige.

Ein wenig glückliches Ende nahm die Burgkapelle, die es hier seit dem 14. Jahrhundert gegeben hat. Der verputzte Backsteinbau befand sich innerhalb des geschlossenen Systems der Burganlage und war in der Grundfläche knapp 14 mal 9 Meter groß. Leider wurde die Kapelle 1974 von den damaligen Besitzern wegen Baufälligkeit abgerissen. Heute zeugen noch Bilder, die auch zur aktuellen Ausstellung gehören, vom Glanz dieser kleinen Kirche. Vom Moos bereits ein wenig überdeckt, finden Sie draußen aber noch die Grundrisse der Burgkapelle, die mit Steinplatten rekonstruiert wurden. So wurde einmal mehr dafür gesorgt, dass die Wasserburg Lüttinghof und ihre Geschichte nicht in Vergessenheit geraten konnte.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,dass wir heute den 700. Geburtstag von Haus Lüttinghof in die Öffentlichkeit tragen, haben wir auch den Nutzern dieses Gebäudes zu verdanken. Drei Männer haben aus eigenem Antrieb heraus die Ausstellung organisiert, die wir heute eröffnen. Ludger Linneborn, Leiter des hiesigen Seminars für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen, arbeitet tagtäglich hier. Und auch der Architekt Martin Müller hat hier sein Büro. Übrigens: Vor über 20 Jahren schon hat er sich mit der Burg Lüttinghof beschäftigt. Sie war das Thema seiner Diplomarbeit. Last but not least gehört Gerd Schneider vom Bund Gelsenkirchener Künstler zu den Initiatoren der Ausstellung.

Völlig frei von der Absicht, anderen Akteuren im Geburtstagsjahr ein Versäumnis zu unterstellen, weil keine Jubiläums-Feierlichkeiten geplant wurden, haben die drei uns allen doch den Spiegel vorgehalten.

Das älteste Gebäude der Stadt Gelsenkirchen liegt geografisch und damit leider oftmals auch auf der täglichen Agenda etwas abseits vom Geschehen. Was der Aufenthaltsqualität dieses Kleinods sicherlich gut tut, hat das historische Gebäude Haus Lüttinghof nicht verdient. Deshalb bedanke ich mich ausdrücklich bei den drei Organisatoren dieser Ausstellung, dass sie mit ihrer Arbeit die vergangenen 700 Jahre für das Publikum aufbereitet haben. Damit wecken Sie das Interesse der Bürgerinnen und Bürger, die sonst vielleicht den Geburtstag ihrer Burg nicht so bewusst hätten wahrnehmen können.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,wer Definitionen von Unfehlbarkeit nachschlägt, liest "Irrtumslosigkeit, Fehlerlosigkeit, Perfektion im Tun. Eine Person oder Institution wäre dann unfehlbar, wenn sie frei von Fehleinschätzungen, irrtümlichen Entscheidungen und fehlerhaften Handlungen wäre. Nach menschlichem Ermessen ist dies nicht möglich." Ende des Zitats.

Wir alle sind weit davon entfernt, unfehlbar zu sein. Wie um das zu unterstreichen, liefert uns der stolze Müller der Unfehlbarkeitsmühle noch einen weiteren Türspruch, der uns folgendermaßen überliefert wird: "Gottes Mühlen mahlen langsam, aber desto sicherer." Auch deswegen sind wir heute hier.

Ausführungen von Carl Heinrich Lueg anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "700 Jahre Lüttinghof"

Die Wasserburg Lüttinghof in Gelsenkirchen

Vor Einzug des Bergbaus gab es auf dem Gebiet der heutigen Stadt Gelsenkirchen nicht weniger als 17 Burgen bzw. befestigte Häuser; 9 nördlich der Emscher - in den ehemals eigenständigen Kommunen Buer und Horst - und 8 südlich der Emscher. Sie hatten alle ein beträchtliches Alter; die meisten waren vor oder um 1300 entstanden. Die Anzahl und das Alter dieser Anlagen widerlegen das verbreitete Vorurteil, dass Gelsenkirchen eine geschichtslose Stadt sei.Von den genannten Anlagen haben sich allerdings gerade noch 5 erhalten, 4 nördlich und nur eine einzige südlich der Emscher. Zu den gut erhaltenen und erst vor wenigen Jahrzehnten aufwendig restaurierten Burgen zählt Lüttinghof.

Haus L. ist eine für das norddeutsche Tiefland typische Wasserburg. In Ermangelung von Felsen und ähnlichen Gegebenheiten, die eine natürliche Voraussetzung für Schutz bieten, war man hier auf die Schaffung künstlicher Schutz- und Wehranlagen angewiesen. Man staute Quellen oder Bachläufe auf, leitete das Wasser in ein System von mehr oder weniger breiten Gräften und ließ Inseln entstehen, auf denen man die zu schützenden Gebäude errichtete.Lüttinghof liegt auf drei Inseln. Die erste, die man vom Festland aus über eine Brücke (Zugbrücke) erreicht, bildet die sog. Vorburg, auf der früher die Wirtschaftgebäude der hauseigenen Landwirtschaft und die Burgkapelle standen. - Von der Vorburg aus geht es über eine weitere Brücke zur nächsten Insel mit der sog. Hauptburg, dem Wohnhaus des Burgherrn. Auf der dritten und größten Insel liegt der sog. Bungart, ursprünglich ein Obstgarten, der später als Park genutzt wurde.

Das Wohngebäude bestand ursprünglich aus einem Wohnturm auf rechteckigem Grundriss. Ihm wurde später ein etwas größerer Baukörper rechtwinklig angebaut. - Der Wohnturm geht in seinem Kern in die Zeit um 1300 zurück. Er war anfangs nicht viel mehr als ein schmuckloser Steinquader mit Schießscharten. Die heutigen Fenster und der Eingang mit der vorgebauten Estrade sind viel später ein- bzw. angefügt worden. - Der größere Baukörper ist im 16. Jahrhundert entstanden, als man auch auf benachbarten Burgen, z.B. in Herten, in Horst und auf dem Haus Berge in Buer, Erweiterungen vornahm bzw. die vorhandenen Wehranlagen durch schlossähnliche Bauten ersetzte. Das angefügte Gebäude hier auf Haus L. wurde auch Oberhaus genannt. In ihm befanden sich der Rittersaal (120 m2) und andere repräsentative, mit prunkvollen Kaminen ausgestattete Räume. Der Kamin im Speisesaal trägt die oft zitierte und beherzigenswerte Inschrift:. 4. Uff dieser stuffen sall man spreckenErbar wordt un van nemantz gebreckenAls Begründer des Hauses L. gilt Theodericus (Dietrich) v. Vler(i)ke. Er erhielt vermutlich um 1280 vom Landesherrn des Vests Recklinghausen, dem Erzbischof von Köln, die Erlaubnis, sich hier eine Burg zu bauen und eine neue Stammeslinie zu begründen. 1308 - dies Datum ist urkundlich belegt - trug Dietrich zusammen mit seinen beiden Söhnen Dietrich und Bernard seinen Besitz dem Erzbischof v. Köln zu Lehen auf. Damit tat er etwas, was der Landadel in jener Zeit öfter getan hat: Er übereignete seine Burg samt Zubehör seinem Landesherrn, um sie von diesem als erbliches Lehen (feudum) zurück übertragen zu bekommen. Er machte sich auf diese Weise zum Vasallen eines mächtigen Fürsten und genoss die damit verbundenen Vorteile; vor allem Schutz, aber auch Ämter und Privilegien; u. a. erwarben sich die Herren v. Lüttinghof das einträgliche Erbholzrichteramt über die Scholver Mark.

Dietrich nannte sein Haus Lütkenhof, wobei strittig ist, wie man diesen Namen deuten soll. Nahe liegt die Vermutung, dass mit lüttgen das nd. Wort für klein gemeint ist, wobei man sich allerdings fragt, warum Dietrich seinem Haus - und der von ihm begründeten Stammeslinie - eine so bescheidene Bezeichnung gegeben haben sollte. Andere bringen lüttgen mit dem Namen Liutger, dem Begründer der Abtei Werden und 1. Bischof von Münster in Verbindung. Tatsächlich hatte die Werdener Abtei hier in unserer Gegend umfangreichen Grundbesitz. Dietrich könnte also seine Burg auf ehemals Werdener Grund und Boden errichtet und sie nach dem Begründer der Abtei benannt haben. Nun, eigentlich ist dieser Streit bereits 1308 entschieden worden; denn in der besagten Urkunde jenes Jahres wird die Burg lateinisch als parva curia (kleiner Hof) bezeichnet.

Es haben im Laufe der Jahrhunderte etliche Adelsgeschlechter auf Haus L. gelebt. Es würde das mir gesetzte Zeitlimit sprengen, wenn ich näher darauf einginge. Man muss auch zugeben, dass Haus L. nicht die große Bedeutung hatte wie benachbarte Häuser, etwa Westerholt, Herten, Berge oder Horst. Man ersieht es schon aus der Zahl der eigenbehörigen Höfe und Kotten, die ihm zu Abgaben und Diensten verpflichtet waren; sie belief sich auf 20. Das ist wenig im Vergleich etwa zum benachbarten Hause Westerholt, zu dessen Grundherrschaft über 80 Höfe und Kotten gehörten.

Bekannt geworden ist Haus L. durch Ereignisse während der Religionskriege des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Der damalige Burgherr, Reiner v. Raesfeld, vertrat zu jener Zeit als Statthalter hier in der vestischen Exklave des Erzstifts Köln seinen Landes- und Lehnsherrn, den EB von Köln, und ihm fiel die schwierige Aufgabe zu, das Vest gegen den abtrünnigen und seines Amtes enthobenen Kurfürsten Gebhardt v. Truchsess und dessen Streitkräfte (Holländer) zu verteidigen. Reiner wurde hier auf seiner Burg von den Truchsessianern eingeschlossen und längere Zeit belagert. Dass es den Belagerern schließlich gelang, die Burg zu erstürmen, geht auf einen Verrat zurück.

Wie sich die Vorgänge im einzelnen abgespielt haben, ist mir nur aus Sekundärliteratur bekannt. Ich kann es mir aber nicht verkneifen, sie in der gebotenen Kürze zu skizzieren; sie könnten Stoff zu einem Roman à la Rosamunde Pilcher liefern: Die Soldaten, die Reiner v. Raesfeld auf seiner Burg zusammengezogen hatte, standen unter dem Kommando des Wachtmeisters Bernd Hauer. Hauer verliebte sich in die Tochter des Burgherrn, und Clara - so hieß das Mädchen - scheint ihm nicht abgeneigt gewesen zu sein. Reiner allerdings war, als er die Affäre aufdeckte, alles andere als begeistert; denn Clara war seine Erbtochter und als solche für andere Alliancen verplant. Er befahl seinem Offizier, die Beziehung aufzugeben. Nun, man weiß, wie solche Geschichten weiter-zugehen und aus-zugehen pflegen. Hauer fühlte sich gedemütigt und sann auf Rache. Er verließ Haus L. und schlug sich auf die Seite der Feinde. Und nicht genug damit. Er verriet ihnen eine Furt in der Gräfte, durch die man sich Zugang zur Burg verschaffen konnte.

Tatsächlich wurde L. am 11. August 1590 - das ist verbrieft - von den Geusen erobert. Sie verschleppten den Burgherrn nach Doettinchem, wo er nach längerer Internierung verstarb. Was mit Clara geschah, erfahren wir zunächst nicht. Als sie aber - und dies ist ebenfalls urkundlich nachweisbar - 1593 den Freiherrn Huyn v. Amstelradt heiraten wollte, erschien Hauer vor der Vestischen Ritterschaft und gab zu Protokoll, Clara sei seine eheliche Frau, denn ein lutherischer Prädikant habe sie heimlich getraut. Hauers Intervention blieb allerdings erfolglos. Wie gesagt, die Herrschaften auf Haus L. haben häufig gewechselt. Die Amstelraths z.B. haben es nur eine einzige Generation lang besessen. Sie verkauften L. an die Nesselrodes zu Herten, um ihre Schulden bezahlen zu können.

Mit 8000 Reichstalern hatte nämlich der unglückliche Huyn von Amstelrath Haus L. von den Geusen freikaufen müssen; das hatte ihn finanziell erschöpft. Die Nesselrodes haben einiges investiert, um die Anlage in einen ordentlichen Zustand zu bringen. Aber residiert haben sie hier nur zeitweise, denn es standen ihnen weitaus attraktivere Wohnsitze zur Verfügung. So geriet Haus L. in Verfall und auch in Verruf. Leute im benachbarten Polsum wollten beobachtet haben, dass - wie es in einer Chronik heißt - in Küche und Keller des Hauses allerlei Weiber mit Kindern hausten. Wer diese Frauen waren und was es mit den Kindern auf sich hatte, wurde nicht gesagt - der Phantasie waren also keine Grenzen gesetzt.

Durch Erbgang ging schließlich Haus L. auf die Familie von Twickel über. Deren Wappen ist über dem Aufgang zum Wohnhaus angebracht. Es zeigt einen Hahl - das ist der sägeförmige Haken, an dem man den Kessel über dem Herdfeuer aufhängt.1976 verkauften die Twickels die Burganlage an die Stadt Gelsenkirchen, und diese veräußerte sie etwa 10 Jahre später an den Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Zwischen 1988 und 91 wurde die gesamte Anlage sehr aufwendig restauriert. Auf der Vorburg entstanden ganz neue Gebäude, in der der Landschaftsverband Westfalen-Lippe zunächst eine Zentrale Restaurierungswerkstatt für Exponate westfälischer Museen, später - bis heute - Studienseminare für Lehramtsanwärter/innen der verschiedenen Schulformen und Schulstufen einrichtete.

Wie ich schon sagte, stand auf der Vorburg eine - seit dem 14. Jahrhundert bezeugte - Kapelle, die dem Hl. Antonius (dem Swinetöns) geweiht war. Bedient wurde sie durch einen Vikar, zu dessen Unterhalt ein kleiner Kotten gestiftet worden war. Der Kotten bekam im hiesigen Volksmund den schönen Namen Storksnest - wohl deshalb, weil in der Deele, und zwar über dem Herdfeuer, ein großes Bild hing, auf dem hiesige Höfe mit überdimensionalen Storchennestern dargestellt waren. Ich erwähne die Vikarie vor allem deshalb, weil sie etwas mit Schule zu tun und somit eine Beziehung zum heutigen Verwendungszweck der Vorburg hatte. Einer meiner Lehrer erzählte immer wieder, dass Schüler aus den umliegenden Dörfern und Bauerschaften, die sich auf den Besuch des Dorstener bzw. Recklinghauser Gymnasiums vorbereiteten, bei den Vikaren im Storksnest logierten. Auch er selbst gehörte zu ihnen.

Um die Schulzeit auf 6 Jahre zu verkürzen und Schulgeld zu sparen, hatten seine Eltern ihn hierhin geschickt; denn der Vikar erteilte den Schülern vörn Appel unnen Ei Unterricht, vor allem in Latein, so dass sie die ersten zwei Klassenstufen des Gymnasiums überspringen und gleich in die Quarta einsteigen konnten. Jeden Tag von 9 bis 12 Uhr - geschlagene drei Stunden - sei nichts als Latein gepaukt worden. Er machte kein Hehl daraus, dass ihm die Paukerei zum Halse heraushing. Trotzdem hatte er Zeit seines Lebens eine ganz enge Beziehung zu Haus Lüttinghof; denn es verging kaum ein Wandertag, an dem er nicht mit uns hierhin radelte und uns von seinen trostlosen und doch so schönen Kindertagen erzählte.

Soviel … zu diesem Haus und seiner bewegten Geschichte.Ich wünsche allen, die in diesem Haus und seiner zauberhaften Umgebung tätig sind und sein werden - den Referendarinnen und Referendaren, aber auch deren Ausbildern - dass der genius loci dieses Hauses sie auf ähnliche Weise berührt wie meinen besagten Lehrer, so dass sie am Ende - nach aller Paukerei, nach allen Beschwerungen durch Lehrproben und Examina - nicht ungern an Haus L. zurückdenken.

Zum Standort

Da die meisten von Ihnen nicht in Gelsenkirchen zu Hause sind, darf ich vorweg ganz kurz den Standort von Hs. L. beschreiben.

Hs. L. liegt im äußersten Norden der Stadt Gelsenkirchen; keine 300 m von hier entfernt beginnt die Gemarkung der Gemeinde Polsum, eines Vorortes der Stadt Marl.

Das heutige Gelsenkirchen ist 1928 aus der Zusammenlegung dreier Kommunen - der beiden Städte Gelsenkirchen und Buer sowie der Amtsgemeinde Horst - entstanden und umfasst seitdem eine Fläche von gut 100 km2. Die Emscher teilt die Stadt in einen nördlichen und südlichen Teil; nördlich liegen Buer und Horst, südlich Alt-Gelsenkirchen. Der nördliche Teil ist flächenmäßig der größere, aber deutlich dünner besiedelt als der südliche.

Die Emscher war Jahrhunderte lang ein Grenzfluss; er schied das Vest Recklinghausen, eine Exklave des Erzstifts Köln, von der Grafschaft Mark. Diese Grenze - die auch eine Konfessionsgrenze war - macht sich noch heute mehr oder weniger bemerkbar; man sagt jedenfalls, dass es vor allem die alteingesessenen Bueraner immer noch Überwindung koste, die Emscher in Richtung Süden zu überqueren.

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