Ein Stück Erler Geschichte

Foto: Nils Aders/HG

Das Eckhaus an der Wilhelmstraße ist über 100 Jahre alt und diente schon als Kino, Gastwirtschaft und Kommandantur für die französischen Besatzer. 1995 wurde es renoviert.

Es fällt auf, das Haus mit der Nummer 44 an der Erler Wilhelmstraße. Eingerahmt von verklinkerten Neubauten aus den 90er-Jahren sticht das dreigeschossige Gebäude mit seinen detailliert gearbeiteten Ornamenten, den altertümlichen Sprossenfenstern und dem weißen Anstrich aus der Nachbarschaft heraus. „Es ist eines der ältesten wenn nicht sogar das älteste Haus in Erle”, schätzt Eigentümer Gerhard Samuel Philipzik. „Ich wüsste zumindest nichts, was früher gebaut wurde.”

Philipziks Recherchen zu Folge wurde das Eckhaus 1889 von Wirt Ernst Jacob errichtet. „Der Schacht 2 der Zeche Graf Bismarck förderte damals am Ende des Berger-Markenwegs, der heutigen Wilhelmstraße”, so Philipzik. Und Jacob wollte sich als Gastwirt sein Stück vom Kuchen abschneiden und den Bergleuten auf dem Heimweg ein kühles Helles servieren. Und das klappte bis zum Tod Jacobs im Jahr 1896 auch recht gut.

Schon der Nachfogler Jacobs, Wirt Adelhofen, errichtete mit der Übernahme des Geschäfts einen langezogenen Anbau entlang der Weststraße, um dort einen Veranstaltungssaal einzurichten. Außerdem gehen die schmuckvollen Ornamente an dem ursprünglichen Wirtshaus auf Adelhofen zurück, dem der Backsteinbau damals offensichtlich zu schlicht erschien: korinthische Halbsäulen, gegliederte Fensterballustraden oder muschelförmige Baldachine über den Fenstern des ersten Stockwerks.

Das Gebäude an der Wilhelmstraße blieb trotz wechselnder Besitzer immer Gaststätte – zunächst unter Führung der Familie Stork später unter Hans Werner Talareck. „Gerade letzterer war ausgesprochen bekannt in Erle”, berichtet Gerhard Samuel Philipzik. „Noch heute kann man die Leute hier nach Talareck fragen und sie wissen direkt Bescheid.”

Bewegte Zeiten erlebte das Gebäude vor allem nach dem Ersten Weltkrieg. 1923 requirierten die Franzosen das Haus und richteten dort ihre Kommandantur ein, um die Reparationszahlungen zu überwachen. „Die sind nach dem Prinzip vorgegangen: Ein Kohlelore für uns, eine Kohlelore für euch”, so Philipzik.

Rund ein Vierteljahrhundert später hielt dann der Kinoboom auch in Erle Einzug. Als zweites Kino richtete zum Ende der 40er-Jahre Unternehmer Stalter im Saal der Gaststätte die „Camera-Lichtspiele”, das damals zweite Kino im Stadtteil, ein. Später sollte Stalter auch das „Wigger-Theater” an der Cranger Straße ins Leben rufen.

Parallel zum Kinobetrieb fand die neugegründete Reisevereinigung der damals 34 Erler Brieftauben-Vereine eine Heimat im Gasthaus. „Damals fand hier auch das Einsetzen der Tauben statt”, erinnert sich Philipzik. „An den Wochenende kamen die großen Laster auf den Hof gerollt und haben von hier aus die Tauben zu den Auflasspunkten gebracht.”

1995 übernahm dann Gerhard Samuel Philipzik das Haus, an dem mittlerweile der Zahn der Zeit ganz schön genagt hatte, renovierte es und richtete sechs Wohnungen im ehemaligen Gastraum ein. „Eigentlich wäre es billiger gewesen, komplett alles und nicht nur den großen Saal abzureißen, anstatt zu renovieren. Aber das Haus ist so schön und ein Teil Erler Geschichte.”

Alt - aber modern

Während der Renovierungsarbeiten, hat Gerhard Samuel Philipzik versucht, den ursprünglichen Charakter des Gebäudes zu erhalten, dabei aber keines Wegs auf moderne Technik zu verzichten. So ließ der damalige Bauunternehmer unter anderem das Balkongitter im Erdgeschoss aus Bayern kommen. „Ich fand, das passte gut zum Stil des Hauses”, so Philipzik.

Es sind vor allem die Details, die den Charme des Gebäudes ausmachen. So scheint die Wandfarbe auf den ersten Blick weiß, schimmert aber bei genauerem Hinsehen leicht rötlich. „Das passt einfach besser zu den Nachbarhäusern als reines, knalliges Weiß”, so Philipzik. Stolz ist der Eigentümer auch auf die Gestaltung der Holztreppe im Inneren des Hauses, mit dem Omega-Profil des Geländers. „Das war gar nciht so einfach zu bekommen. Die meisten Schreiner kannten das nämlich gar nicht mehr.”

Und auch, wenn an der Wilhelmstraße vieles alt aus sieht, modern ist es trotzdem. „Die Fenster sind im klassischen Sprossenstil gehalten”, berichtet Philipzik. „Das Glas selbst ist aber dafür top modern – zwar doppelt so teuer wie normales Fensterglas, dafür aber auch auf dem neuesten Stand was etwa Wärmedämmung angeht.”

Auch auf dem neuesten Stand der Technik seien beispielsweise die Leitungen und Amaturen – modernes im historischen Gewand eben.

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