Lokalgeschichte

NS-Richter straften Rheinhauser Kommunisten hart ab

Der Leidensweg fast aller Angeklagten: Auf Verhöre, Folter und Misshandlung in den Polizeigefängnissen Hamborn und Essen folgte die Untersuchungshaft im Gerichtsgefängnis Essen, der Prozess im Essener Gerichtsgebäude, schließlich die Haft im  Zuchthaus Lüttringhausen bei Remscheid (Bild oben).

Der Leidensweg fast aller Angeklagten: Auf Verhöre, Folter und Misshandlung in den Polizeigefängnissen Hamborn und Essen folgte die Untersuchungshaft im Gerichtsgefängnis Essen, der Prozess im Essener Gerichtsgebäude, schließlich die Haft im Zuchthaus Lüttringhausen bei Remscheid (Bild oben).

Foto: Foto/Repro:Lahrmann

Duisburg-Rheinhausen.   Im „Jahny-Prozess“ 1936 gegen 80 Kommunisten aus Rheinhausen und dem Altkreis Moers verhängte Gericht Zuchthausstrafen und Aberkennung der Ehre. Verurteilte kamen ins Gefängnis Lüttringhausen, einige ins KZ

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Im „Jahny-Prozess“ gegen 80 kommunistische Widerstandkämpfer aus Rheinhausen und dem Altkreis Moers verhängte das Oberlandesgericht Hamm (OLG) am 17. Januar 1936 wegen „Hochverrat“ drastische Haftstrafen. Die höchste Strafe der 29 Angeklagten aus Rheinhausen - sechs Jahre, sechs Monate Zuchthaus - erhielt der Bergmann, KPD-Funktionär und politische Leiter Karl Friedrich Lahrmann (Wohnort Hochemmerich, Schwarzenberger Straße 87c). Diese Forschungsergebnisse machte erstmals Lokalhistoriker Karl-Heinz Lahrmann, Enkel von Lahrmann, bei seinem Vortrag in der Lutherkirche Oestrum publik.

Auch die anderen Mitglieder der Rheinhauser „Untergrund-KPD“ trafen die Urteile hart: Kurt Krause (Hochemmerich, Schwarzenberger Straße 87c ) erhielt sechs Jahre, die Hochemmericher Paul Radke (Schwarzenberger Straße 85 c), Fritz Suhle (Werthauser Straße 54) und Karl Brüning (Schwarzenberger Straße 87d) mussten jeweils fünf Jahren ins Zuchthaus. Die Richter schickten die Friemersheimer Rudolf Jarabek (Rumeln) und Philipp Munkes (Herkenweg 110) je vier Jahre und sechs Monate, Otto Weiker (Gravelottestraße 31), Josef Breske (Steinstraße 15), Walter Reinke (Metzer Straße 4), Paul Genat (Metzer Straße 3) und den Hochemmericher Paul Tursas (Deichstraße 89) vier Jahre ins Zuchthaus. Weitere 14 Angeklagte aus Rheinhausen belegte das OLG Hamm mit Haft zwischen zwei bis drei Jahren und sechs Monaten.

Zusätzlich verhängte das Gericht in all diesen Fällen mehrere Jahre „Ehrverlust“. Es gab lediglich drei Freisprüche. Der Tatbestand lautete auf „Hochverrat“. Alle Angeklagten hatten von 1933 bis zu ihrer Verhaftung vom 24. bis 27. Mai 1935 illegale, getarnte kommunistische Flugschriften, Handzettel oder Broschüren in den fünf kommunistischen Zellen Rheinhausens verteilt oder gekauft.

Nach Zuchthaus folgte oft das KZ

Nach den Urteilen, denen bereits jeweils mehr als sieben Monate Untersuchungshaft im Essener Straf- und Gerichtsgefängnis voranging, wurden die meisten Angeklagten in das Zuchthaus Lüttringhausen, die heutige Justizvollzugsanstalt Remscheid, verbracht. Dort saßen die Verurteilten ihre Haftstrafen ab, viele wurden brutal misshandelt. Karl Friedrich Lahrmann, zeitweise von Lüttringhausen in das Zuchthaus Celle verlegt, wurde bereits 1941 entlassen und konnte zu seiner Familie nach Rheinhausen zurückkehren.

Doch das Gros der anderen verurteilten Männer des kommunistischen Widerstands in Rheinhausen musste bis zum Kriegsende Anfang Mai 1945 die Haftstrafen absitzen. Acht Männer wurden verschleppt, von Remscheid in die Grenzland-Konzentrationslager Börgermoor und Aschendorfer Moor bei Papenburg, das KZ Sachsenhausen sowie das Arbeitslager Dedenhausen, Außenlager des KZ Buchenwald. Sechs der acht Männer mussten im Emsland-Moor schwerste körperliche Arbeit verrichten. Drei Männer blieben die gesamte Haftzeit im Essener Gefängnis. Das Schicksal von acht Rheinhausern ist ungeklärt.

Der Vorsitzende Richter wurde später nie belangt

Der Moerser Lokalhistoriker und Buchautor Bernhard Schmidt: „Auch die sozialdemokratische Widerstandsgruppe der Brotfahrer der Germania-Brotfabrik in Hamborn wurde 1935 verhaftet. Die 167 Angeklagten im Prozess 1936 hatten illegale Schriften der Exil-SPD konspirativ an Kunden in Duisburg und am Niederrhein verteilt oder gekauft. Das OLG Hamm verurteilte sie zu geringeren Zuchthausstrafen als die Kommunisten.“

Ernst Hermsen, der Vorsitzende Richter des für politische Prozesse zuständigen dritten Senats des OLG Hamm, war laut Karl-Heinz Lahrmann „ein eifriger Diener des NS-Regimes“. Hermsen wurde für seine Urteile nach Kriegsende nie belangt, sogar als Jurist in den Staatsdienst wieder eingestellt. Insgesamt wurden rund 800 NS-Richter in den Justizdienst der Bundesrepublik übernommen, ergaben historische Forschungen.

Was Karl- Heinz Lahrmann ebenfalls herausfand: Alle 80 Angeklagten im „Jahny-Prozess“ kamen vom Niederrhein: 33 aus Moers, 29 aus Rheinhausen, 15 aus Kamp-Lintfort, die übrigen drei aus Rumeln, Hamborn und Gerdt. Fast alle Angeklagten stammten aus dem Arbeitermilieu, 42, gut die Hälfte, aus dem Bergbau, viele aus dem Krupp-Hüttenwerk und Maschinenbau in Rheinhausen. Viele waren bei ihrer Verhaftung arbeitslos, wenige vorbestraft. Sehr viele hatten den Ersten Weltkrieg beim Militär erlebt, mancher erhielt Kriegsauszeichnungen. Viele Angeklagte, unter ihnen auch sehr junge Menschen, waren krank, behindert oder Invalide und bezogen mit 40 bis 70 Reichsmark pro Monat eine sehr geringe Rente.“

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