Gedenken

Warum die Duisburger Sinti ein Denkmal von der Stadt fordern

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Baracken an der Wrangelstraße in Duisburg-Kaßlerfeld, in denen sowohl Sinti-Familien als auch Familien aus der Mehrheitsgesellschaft lebten, Januar 1937. Das Foto ist im Besitz des Stadtarchivs Duisburg und stammt aus dem Nachlass von Hermann Hill.

Baracken an der Wrangelstraße in Duisburg-Kaßlerfeld, in denen sowohl Sinti-Familien als auch Familien aus der Mehrheitsgesellschaft lebten, Januar 1937. Das Foto ist im Besitz des Stadtarchivs Duisburg und stammt aus dem Nachlass von Hermann Hill.

Foto: Stadtarchiv Duisburg / Stadtarchiv

Duisburg.  Mit einem Denkmal soll an jene Duisburger Sinti gedacht werden, die Opfer des Holocaust wurden. Warum ein Verein diese Forderung erhebt.

Die Duisburger Sinti-Familien fordern in einem offenen Brief an die Stadt eine „angemessene Aufarbeitung der Gewaltverbrechen im Zweiten Weltkrieg sowie der Aufarbeitung der Verfolgung der Sinti nach 1945“.

Der Duisburger Sinti Verein als Interessensvertretung für rund 150 Familien wünscht ein Denkmal, um der Opfer des Holocaust aus ihrer Community zu gedenken. „Wir brauchen so ein Denkmal, damit so eine Zeit nicht noch mal kommt“, sagt Siegfried Mettbach.

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Schicksal der Duisburger Sinti wurde im Rahmen einer Ausstellung recherchiert

Das Zentrum für Erinnerungskultur der Stadt hat 2020 im Rahmen der Ausstellung „Rassendiagnose Zigeuner“ eine Broschüre herausgegeben, in der der Völkermord an den europäischen Sinti und Roma als „vergessener Holocaust“ bezeichnet und in der exemplarisch einigen Familienschicksalen nachgespürt wird.

Damals lebten die Sinti auf Wohnwagenplätzen und in Baracken in Kaßlerfeld, teilweise auch in Mietwohnungen in der Altstadt und in Neudorf. Sie wurden einerseits stigmatisiert, waren Ziel polizeilicher Maßnahmen, waren durch ihre Berufe und einige Heiraten aber auch eng verflochten mit der Mehrheitsgesellschaft, haben die Autoren um Dr. Andreas Pilger und Robin Richterich recherchiert.

Kriminalpolizei sorgte für die Deportation von Duisburger Sinti

Die Duisburger Kriminalpolizei hat während des Zweiten Weltkriegs 143 Menschen deportieren lassen, sie galten als „Zigeuner“, für die es sogar ein eigenes Kommissariat gab. Nach Recherchen des Zentrums für Erinnerungskultur starben viele von ihnen im Vernichtungslager Auschwitz. Ein besonders „eifriger“ Kriminalobersekretär brachte demnach sogar ein zwei- und ein fünfjähriges Kind persönlich mit dem Zug nach Auschwitz, die Mütter der beiden hatte er zuvor bereits deportieren lassen.

Mario Reinhardt vom Verein sagt, dass die beiden Kinder zu seiner Verwandtschaft gehören. „Für uns als Opfer des Holocaust sind die Ermordungen erst 75 Jahre her.“ Aus Täterperspektive seien es indes „schon 75 Jahre“. Allerhöchste Zeit jedenfalls, der Verstorbenen würdevoll zu gedenken.

Die Broschüre gibt es in einer Webversion auf der Internetseite der Stadt mitsamt einer Graphic Novel, die eine Familiengeschichte auf diese Weise erzählt.

>> DER WEG ZU EINEM DENKMAL

  • Um ein Denkmal zu errichten, muss zunächst ein Antrag gestellt werden. Das kann eine Partei tun, aber auch eine Einzelperson, informiert die Pressestelle der Stadt Duisburg.
  • Dieser Antrag geht dann durch die Gremien des Rates der Stadt und wird am Ende im Rat beschlossen. Der Prozess dauert je nach Diskussionsbedarf ein Jahr oder auch länger.
  • Seit einem Jahr gibt es zum Beispiel einen Arbeitskreis, der sich um ein Denkmal für die Verstorbenen des Brandanschlags von 1984 kümmern soll. Vertreter des Kulturausschusses, des Integrationsbeirats und Familienangehörige sind darin vertreten.

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