Wirtschaftspolitik

Unternehmer: Bundesregierung versagt bei Digitalisierung

Beim Unternehmertag in Duisburg-Buchholz sprachen Marcus Korthäuer (im Bild), Vorstandsvorsitzender der Verbandsgruppe, und Gründer Christian Spancken über die Chancen der Digitalisierung. Foto: Zoltan Leskovar

Beim Unternehmertag in Duisburg-Buchholz sprachen Marcus Korthäuer (im Bild), Vorstandsvorsitzender der Verbandsgruppe, und Gründer Christian Spancken über die Chancen der Digitalisierung. Foto: Zoltan Leskovar

Duisburg.  Der Unternehmerverband wirft der Bundesregierung Konzept- und Mutlosigkeit bei der Digitalisierung vor. Aber auch Firmen selbst tun sich schwer.

Christian Spancken war als einziger der etwa 230 geladenen Gäste der Unternehmerverbandsgruppe in Jeans, Turnschuhen und T-Shirt nach Buchholz gekommen. Und dann duzte der 32-Jährige am Donnerstagabend die Rock oder Anzug tragenden Zuhörer im Haus der Unternehmer ungefragt, um sie zum Fremdgehen anzustiften: „Der Mittelstand hat hervorragend gearbeitet. Ihr könnt stolz auf euch sein. Aber jetzt wünsche ich mir, dass ihr alle mal mutiger seid und etwas Neues, Aufregendes ausprobiert: eine digitale Affäre.“

Spancken: „Digital denken statt Umsatz verschenken“

Spancken ist als Online-Stratege und Firmengründer ein gefragter Redner, Berater und Autor. Seine Unangepasstheit ist Programm. Sein jüngstes Buch „Digital denken statt Umsatz verschenken“ erläutert Online-Strategien für den Mittelstand: „Denn jede Branche“, prophezeit Spancken, „wird digitalisiert – egal wie konservativ sie ist.“

Die Sommerausgabe des Unternehmertages an der Düsseldorfer Landstraße hatten der Vorstandsvorsitzende der Verbandsgruppe, Marcus Korthäuer, und Hauptgeschäftsführer Wolfgang Schmitz also der digitalen Transformation gewidmet, weil in vielen nach wie vor große Unsicherheit herrsche, sagte Korthäuer in seiner Begrüßungsansprache. „Die unaufhaltsamen Veränderungen werden vielfach nicht als Chance, sondern als Bedrohung wahrgenommen.“

Jedes vierte Unternehmen verfolge keine Strategie zu Bewältigung des digitalen Wandels, zitierte er eine Bitkom-Studie. Erfolgreich aber bleibe nur, wer Neues riskiere „statt die Erfolge der Vergangenheit zu verwalten“.

Korthäuer: Kanzleramt koordiniert Digitalisierung nicht

Der Geschäftsführer der Espera-Werke in Duissern knöpfte sich aber auch die politischen Entscheidungsträger vor. Bei der Digitalisierung fehle es an Koordination aus dem Kanzleramt, so Korthäuer: „Statt an einem gesamtheitlichen Zukunftsbild für den Wirtschaftsstandort Deutschland zu arbeiten“, widmeten sich die Parteien „einer monothematischen Politik“, etwa im jüngsten Europawahlkampf: „Ja, beim Klimaschutz müssen wir schnellstmöglich handeln. Das darf aber nicht dazu führen, dass Wirtschaftspolitik plötzlich unwichtig wird und Unternehmen zu alleinigen Sündenböcken.“

Der Unternehmer wünscht sich „endlich Top-Entscheider, die wieder auf das Gesamtbild schauen und Ideologie und Hysterie links liegen lassen.“ Die Wirtschaft leide zudem unter „Kirchturmdenken in der Politik: Jeder wurschtelt für sich: Ministerien, Behörden, Länder“.

Ebenso problematisch sei der „fehlende Wille“ der Bundesregierung zu Reformen. Sie stelle etwa für ihre Offensive in Künstliche Intelligenz bis 2025 drei Milliarden Euro zur Verfügung – „die Hafenstadt Tianjin in China investiert im selben Zeitraum 14 Milliarden Euro in das gleiche Thema.“

Geld für Netze fehle auch wegen 5G-Versteigerung

Als Wiederholung eines Fehlers bezeichnete Korthäuer die Versteigerung der 5G-Lizenzen. Die gezahlten Milliarden fehlten den Netzbetreibern künftig wie nach der Versteigerung der UMTS-Lizenzen für Investitionen in die Netze: „Allein mit dem Geld für die Frequenzen hätten Anbieter wie Vodafone mehr als 32.000 neue Mobilfunkmasten errichten können.“ Die Regierung wolle „partout nicht aus Fehlern lernen – zum Nachteil für die Wirtschaft und die Bürger.“

Der Duisburger Unternehmer erntete für einige Attacken sogar Applaus im Unternehmerhaus. Mehr Lacher als viele Comedians löste im Publikum Christian Spancken während seiner bild- und faktenreichen Analyse der Digitalisierungsverweigerung im Mittelstand aus. Manchem Chef in den Reihen wird er einen Spiegel vorgehalten haben.

Online-Terminvergabe und intelligente Straßenlaternen in Duisburg

Martin Murrack indes musste er nicht überzeugen. Duisburgs Stadtdirektor und Stadtkämmerer treibt als Dezernent die Digitalisierung in der Stadtverwaltung voran. Seit März etwa ist die Termin-Vergabe für die sieben Bürgerservice-Stationen online über das Bürgerportal möglich: „Das hat so schnell so gut geklappt, dass wir den Service bald auf Straßenverkehrsamt und Ausländerbehörde ausweiten wollen.“

Als nächstes will das „Digitalisierungsdezernat“ intelligente Straßenlaternen am Immanuel-Kant-Park testen: Diese sollen nicht nur Passanten erfassen, für die sie dann aufleuchten, sondern auch Umweltdaten und Parklücken.

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