Geplatzte Fusion

Thyssenkrupp: Duisburger Stahlwerker sind „richtig sauer“

Mit der geplatzten Fusion bleibt Duisburg Hauptsitz von Thyssenkrupp Steel.

Mit der geplatzten Fusion bleibt Duisburg Hauptsitz von Thyssenkrupp Steel.

Foto: Rolf Vennenbernd

Duisburg.  Nach der geplatzten Fusion von Tata und Thyssenkrupp ist die Sorge um Arbeitsplätze in Duisburg wieder groß. Betriebsrat kündigt Widerstand an.

Die Nachricht von der geplatzten Stahl-Fusion mit Tata und der Zurücknahme der Aufspaltungspläne in zwei Teile ließ die Belegschaft von Thyssenkrupp am Freitagmittag ratlos und verunsichert zurück. „Damit hätte ich nicht gerechnet“, sagte Christian Herbst. Der 35-Jährige ist Vertrauensmann und arbeitet als Kranfahrer und Anlagensteuerer im Warmbandwerk 1 in Bruckhausen.

Er mache sich große Sorgen, sagte Herbst: „Weil den Plan B unserer Konzernleitung kennt ja noch keiner.“ Das Schlimmste sei, dass nun die Verunsicherung im Kollegenkreis wieder da sei. Dass Tausende Stellen im Konzern abgebaut werden, sei eine schlimme Nachricht.

„Ich wusste das noch gar nicht“, gibt Hakan Yelkenci zu, als er kurz vor Schichtbeginn in Richtung von Tor 1 am Rande der Kaiser-Wilhelm-Straße in Bruckhausen läuft. „Das ist für mich eine große Überraschung“, sagt der Schlosser, der seit 20 Jahren bei Thyssenkrupp malocht. Er wolle sich jetzt erst einmal informieren, was genau entschieden wurde.

Viele Mitarbeiter am Werkstor schweigen

Viele Mitarbeiter ziehen es vor zu schweigen, als sie an dem vorm Eingang versammelten Medientross vorbeieilen. Man wisse ja nichts“, ruft einer im Vorbeigehen.

Im Betriebsratsgebäude, das direkt an Tor 1 liegt, herrscht eine erstaunliche Ruhe. Der Grund: Nahezu das komplette Gremium ist bei einer lange im Vorfeld geplanten Tagung, die außerhalb Duisburgs stattfindet. „Wir haben die Nachricht nicht vom Arbeitgeber erhalten, sondern aus dem Radio erfahren“, sagt eine Dame, die zu den wenigen Anwesenden im Betriebsratsgebäude zählt. Namentlich will sie nicht genannt werden. Sie hätte es aber verwundert, dass nicht sofort alle Telefone bei den Betriebsräten „heiß liefen“. Im Gegenteil: „Bisher ist es relativ ruhig geblieben.“

Große Skepsis gegenüber der Fusion

Hoch interessiert hat auch Thomas Bourguignon die Meldungen des Tages von der geplatzten Fusion im Internet verfolgt. Der Oberhausener (57) ist seit 36 Jahren im Konzern, arbeitet heute in der Abteilung IT-Support. Die abgesagte Fusion halte er grundsätzlich für „nicht schlecht“. Denn Einsparungen beim Personal, so befürchtet es Bourguignon, hätte es wohl auch sicher bei einem Zusammenkommen mit Tata gegeben. Die Fusion habe er eh skeptisch betrachtet. „Vor allem, weil der Hauptsitz des neuen Unternehmens in den Niederlanden sein sollte. Das hätte für uns normale Arbeitnehmer Nachteile mit sich gebracht.“

Zum Kreis der Ehemaligen gehören Ralf Piechert und Volker Wrobel. Die beiden Rentner treffen sich mit einigen ihrer früheren Kollegen, die noch beschäftigt sind, regelmäßig in der Thyssenkrupp-Kantine zum Austausch. Somit seien sie auch Jahre nach dem Ausscheiden noch nah am Informationsfluss. „Ich war ein Fusions-Skeptiker“, sagt Piechert, seit Anfang der 70er Jahre als mathematisch-technischer Assistent bei Thyssen im Einsatz. Er befürchtete, dass die Stahlwerke von Tata in England hätten bevorzugt werden können. „Obwohl unsere Werke hier die moderneren sind.“

Wie viele der 4000 in Deutschland gestrichenen Stellen am Standort Duisburg wegfallen sollen, ist völlig unklar. Duisburg bleibt mit der geplatzten Fusion Hauptsitz von Thyssenkrupp Steel. „Wir haben den Vorstand hier in Duisburg“, meint Duisburgs IG Metall-Chef Dieter Lieske. Er kündigt „erbitterten Widerstand“ gegen einen Kahlschlag beim Personal an. „Wir hatten ohnehin Bedenken gegen die Fusion“, so Lieske weiter, der zugleich den Fortbestand der Arbeitsplatz und Standortgarantie einfordert. „Wir verlangen vom Vorstand eine Vorwärtsstrategie und keine Jammerei“, so der Gewerkerschafter.

Sorgen am Standort im Duisburger Süden

Groß sind die Sorgen beim Thyssenkrupp-Süd-Standort in Hüttenheim. „Die Mannschaft ist richtig sauer. die Fusion war nie gewollt. Nach den zwei Jahren Hickhack ist jetzt wieder alles in Frage gestellt“, meint der Betriebsratsvorsitzende Mehmet Göktas. Bei den rund 1200 Beschäftigten im Groblechwerk und im Warmbandcenter ist die Unsicherheit ohnehin groß.

Die in dem zur Tata-Fusion vereinbarten Zukunftsvertrag festgeschriebene Standort- und Arbeitsplatzgarantie bis 2026 galt für den Hüttenheimer Standort nur beschränkt, 2021 sollte es eine Wirtschaftlichkeitsprüfung geben. „Jetzt ist alles in Frage gestellt. Das werden harte Monate. Wir müssen wohl wieder auf die Straße“, so der Betriebsratsvorsitzende.

Das erklärte der Oberbürgermeister

„Als Oberbürgermeister von Duisburg bin ich nun in großer Sorge um den Stahlstandort Duisburg und die hiesigen Arbeitsplätze. Deshalb erwarte ich, dass der Vorstand unverzüglich den Betriebsrat und die IG Metall zu konstruktiven Gesprächen einlädt. Das Ziel muss es jetzt sein, eine Vorwärtsstrategie zu entwickeln, um die Stahlstandorte und die Arbeitsplätze zu sichern“, erklärte Sören Link. Betriebsbedingte Kündigungen dürfe es weiterhin nicht geben. Link: „Drei Jahre der Verunsicherung seit der Diskussion um das Joint Venture mit Tata Steel Europe sind mehr als genug. Für mich gilt nach wie vor: Stahl in Duisburg hat Zukunft“

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