Stadtgeschichte

Streiks in Duisburg und Nordengland wirken lange nach

Ein beispielloser Arbeitskampf: Die Großkundgebung auf der Brücke der Solidarität am 20. Januar 1988.

Ein beispielloser Arbeitskampf: Die Großkundgebung auf der Brücke der Solidarität am 20. Januar 1988.

Foto: Manfred Vollmer

Duisburg.  In der Reihe „Stadtgeschichte donnerstags“ spricht der Historiker Arne Hordt über den Arbeitskampf in Rheinhausen im internationalen Vergleich.

Der Streik der Stahlarbeiter in Rheinhausen Ende der 1980er-Jahre zählt zum festen Bestandteil der jüngeren Duisburger Geschichte. Der Historiker Dr. Arne Hordt vergleicht die Proteste von 1987/88 mit dem britischen Bergarbeiterstreik 1984/85. Zum Auftakt der zweiten Ausgabe der Reihe „Stadtgeschichte donnerstags“ hat im Stadtarchiv erläutert, warum die Ereignisse bis heute nachwirken.

Solidarisierung in Duisburg, Feindschaft in England

Das zeigen auch die zustimmenden Reaktionen der rund 40 Zuhörer, als Hordt über die Streiks im Rheinhausener Stahlwerk spricht. In seinem Buch „Kumpel, Kohle und Krawall“ hat er die Auswirkungen der Proteste in Duisburg und im Nordosten Englands verglichen. Während in Deutschland am Ende der Streiks letztlich eine Einigung und eine breite Solidarisierung möglich waren, sei die Gesellschaft im Nordosten Englands immer noch gespalten, erklärt Hordt.

Bis heute trenne eine Feindschaft die Lager von Labour- und Gewerkschaftsanhängern auf der einen und konservativen Tory-Anhängern auf der anderen Seite. Außerdem sei das Ende des Rheinhausener Hüttenwerks einigermaßen sozial abgefedert worden, wohingegen das in England nicht der Fall war. Die Arbeitslosigkeit stieg rasant an, junge Menschen wanderten aus der Region ab. „Duisburg ist sicher keine Stadt ohne Probleme, aber im Vergleich zum Nordosten Englands geht es uns gut“, sagt Hordt. Alte ungepflegte Menschen, um die sich keiner kümmere, seien in der englischen Stadt Sunderland keine Seltenheit.

Brexit und Trump: Die Konflikte wirken bis heute nach

Diese Einschnitte wirken bis heute nach. Mehr als 60 Prozent der Menschen in der ehemaligen Bergarbeiterregion zwischen Middlesbrough und der schottischen Grenze stimmten 2016 für den Brexit, so Hordt. Auch Donald Trump habe bei seiner Wahl zum US-Präsidenten große Erfolge bei ehemaligen Industriearbeitern im sogenannten „rust belt“ im Nordosten der USA erzielt.

„Der wirtschaftliche Wandel muss politisch begleitet werden“, folgert Hordt. Dies sei auch in Deutschland nicht zu unterschätzen, wo rechtspopulistische Parteien versuchen, Probleme des Strukturwandels für ihre Zwecke zu nutzen. Damit hat Hordt auch den Nerv von Nick Woitschneck im Publikum getroffen. Er hat die Streiks in Rheinhausen nicht selbst erlebt; mit 31 Jahren ist er zu jung dafür. Doch das Thema Strukturwandel interessiert ihn besonders. Seiner Ansicht nach ist es wichtig, sich mit Themen aus der Geschichte zu beschäftigen, um daraus für die Zukunft zu lernen. „Gerade weil wir heute wieder vor wirtschaftspolitischen Umbrüchen stehen“, erklärt er.

Für den Historiker Hordt war die Beschäftigung mit den Rheinhausener Protesten auch eine Reise zu seinen eigenen Wurzeln: Er ist in Duisburg geboren und den ersten Teil seiner Kindheit verbracht, einer seiner Großväter war Schmelzer. „Damals habe ich noch den Dreiklang aus Hütte, Kneipe und SPD miterlebt“, schildert der Referent.

Stadtarchiv bietet jungen Wissenschaftlern eine Bühne

Immer wieder war er auch im Duisburger Stadtarchiv, um Quellen zu sichten. Jungen Wissenschaftlern wie Arne Hordt will Stadtarchivleiter Dr. Andreas Pilger mit der Reihe „Stadtgeschichte donnerstags“ eine Bühne bieten, um ihre Forschungsergebnisse einem breiteren Publikum zu präsentieren. Auf diesem Weg würden die Erkenntnisse auch wieder nach Duisburg zurückkehren, erklärt Pilger. Mit der Veranstaltung am Donnerstag war er zufrieden: „Zeitgeschichtliche Themen oder Veranstaltungen zur Geschichte von Bauwerken laufen meistens gut.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben