Reformationsjubiläum

Rund 2000 Besucher kommen zum Reformationsgottesdienst

Volker Przystupa  spielt den Martin Luther.

Volker Przystupa spielt den Martin Luther.

Foto: Stephan Eickershoff

Duisburg.   So einen Gottesdienst hat die ev. Kirche in Duisburg noch nicht gesehen. Rund 1800 Personen passen in die Mercatorhalle, 200 lauschen davor.

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So einen Gottesdienst hat die evangelische Kirche in Duisburg noch nicht erlebt. Begleitet von Bläserklängen auf dem König-Heinrich-Platz, die die Besucher an diesem Morgen begrüßen, strömen die Hunderte ins „Wohnzimmer der Stadt“. 1800 Personen passen in die Mercatorhalle, um viertel vor elf wird der Saal dicht gemacht. Es sind so viele Interessenten, dass rund 200 vor der Halle Platz nehmen, und nur der akustischen Übertragung lauschen. Es gibt viel zu singen, sagen und feiern an diesem 31. Oktober, der aus historischem Anlass ein Feiertag ist. Und so sitzen hier nicht nur regelmäßige Kirchgänger zusammen, sondern auch Vertreter der Stadtgesellschaft, die der Reformation gedenken. Superintendent Armin Schneider hatte sich verschätzt, und nur mit 1000 Besuchern gerechnet. Nun sagt glücklich: „Ich bin überwältigt von diesem Zuspruch.“

Der Mensch definiert seine heutigen Werte

Allein 250 Sänger stehen auf der Bühne. Sie singen klassische Kirchenlieder, Gospel und auch Texte, die beim Liedwettbewerb zum Reformationsjubiläum des Evangelischen Kirchenkreises gewonnen haben. Eröffnet wird der Gottesdienst mit einem Lied nach Psalm 46, getextet von Luther: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen, Er hilft und frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.“ Volker Przystupa gibt den Luther. Das Presbyteriumsmitglied der „Trinitatis“-Gemeinde schlägt die Thesen an eine Tür auf der Bühne an, die die Reformation erst einmal in Gang gebracht haben. Die Predigt, gekleidet in Gedanken über die Freiheit, teilen sich Superintendent Schneider und seinen Stellvertretern Stephan Blank und Ute Sawatzki. „95 Thesen widern den Ablass. 95 Hammerschläge, die die Welt verändern“, leitet Ute Sawatzki ein. Luther selbst habe Angst gehabt und gehadert. Erst durch das Studium der Bibel und insbesondere Paulus Brief an die Römer kam ihm die Erkenntnis: Gott nimmt die Menschen so an wie sie sind, ohne Leistung. „Da fühlte ich mich ganz und gar neugeboren“, zitiert Przystupa Luthers Worte. Pfarrer Stephan Blank erinnert daran, dass sich für Luther die Pforten zum Paradies öffneten. „Der moderne Mensch tritt die Himmelpforten selber ein. Der Mensch erfindet sich und seine Werte ganz neu.“ Da gebe es dann für eine Eins in der Schule eine Belohnung und für die Fünf Hausarrest. Und für den „goldenen Fuß“ werden 222 Millionen Euro bezahlt. Und ausgerechnet in einem Moment der Stille, als Pfarrer Armin Schneider die Besucher auffordert, Gott im Zwiegespräch mitzuteilen, was sie beschäftigt, da klingelt ein Handy.

Schneider betont die Besonderheit des 500. Reformationstages: „Es ist das erste Jubiläum, das wir nicht in Abgrenzung zur römisch-katholischen Kirche feiern, sondern wir feiern es gemeinsam. Ich bin dankbar für die ökumenische Verbundenheit, die wir gerade in Duisburg erleben. In einer säkularer werdenden Welt können wir nur gemeinsam glaubwürdig das Evangelium bezeugen.“ Kirche werde sich verändern: „Unsere Organisationsformen und Strukturen sind nicht für die Ewigkeit geschaffen“, spricht Schneider die Mitgliederrückgänge und die Schwierigkeiten an, bei knapper werdenden Finanzen alle Gebäude zu erhalten. Aber wenn man sich darauf verlasse, dass Gott einem beistehe, könne man gelassen in die Zukunft schauen. OB Sören Link sagt es mit seiner Fürbitte so: „Bitte hilf, dass wir eine Gesellschaft werden und bleiben, in denen jeder seinen Platz findet.“

Die Rede von Superintendent Schneider im Wortlaut

„Die Kirche der Freiheit, liebe Gemeinde. So sehen wir Evangelischen uns gerne selbst. Kirche der Freiheit ist auch zum Schlagwort geworden, spätestens seit die Evangelische Kirche vor zehn Jahren ihr gleichnamiges Impulspapier veröffentlichte. Die Kirche der Freiheit sollte den Aufbruch ins 21. Jahrhundert einläuten. Ob das gereicht hat? Aber wie dem auch sei - auch von außen werden mit der evangelischen Kirche immer noch Begriffe verbunden wie Offenheit, Mut zu Neuem, Vielgestaltigkeit oder Toleranz. Und manchmal klingt das auch ganz banal, wenn ein Mensch, der in keiner Kirche so richtig zu Hause ist, sagt: „Na ja, bei euch Evangelischen ist das alles irgendwie lockerer.“

Alles irgendwie lockerer – Kirche der Freiheit. Martin Luther hat von der Freiheit eines Christenmenschen geschrieben. Und damit Geschichte geschrieben. Aber von einer Kirche der Freiheit ist bei Luther nichts zu lesen. Die Anhänger der Bewegung wurden zunächst als Protestanten bezeichnet, weil sie gegen die damalige römische Kirche protestierten. Aber nur dagegen zu sein, ist halt auf Dauer zu wenig. So wurde lange erwogen, die neue Bewegung „lutherisch“ zu nennen. Doch dagegen wehrte sich Martin Luther vehement. Für ihn sollte die neue Bewegung „evangelisch“ heißen. Evangelisch, weil: Evangeliums gemäß.

Denn allein im Evangelium von Gottes befreiendem Handeln hat die Kirchen ihren Grund. Bei aller Dynamik die Luthers Freiheitsverständnis entfachte, haben die Reformatoren die Kirche konsequent vom Gottesdienst her gedacht. Denn im gefeierten Gottesdienst vergewissert sich die christliche Gemeinde ihres Grundes: der in Jesus Christus erfahrenen Befreiung. Deshalb ist die christliche Kirche nach der Aussage des Augsburgischen Bekenntnisses von 1530 die „Versammlung aller Gläubigen..., bei denen das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.“ Mehr braucht es nicht. Das ist genug.

Der Schuld gedenken

Und indem die evangelische Kirche sich allein auf das Wort Gottes gründet, gründet allein darin auch ihre Freiheit. Allein gebunden an das Wort Gottes sind wir frei von allen menschlichen Zwängen und Gesetzen und Autoritäten. Den Mächten und Gewalten dieser Welt nicht unterworfen. So, und nur so, sind wir Kirche der Freiheit.

Freilich hat das die evangelische Kirche in den 500 Jahren ihrer Geschichte oft genug vergessen. Die „Freiheit eines Christenmenschen“ wurde missdeutet und missbraucht, verhärtet und dogmatisiert. Die Kirche begab sich selbst wieder unter das Joch der Mächtigen dieser Welt, im Namen des vermeintlich richtigen Glaubens wurden Kriege geführt.500 Jahre Reformation begehen, heißt auch, sich zu der Schuldgeschichte bekenne, die es in den 500 Jahren auch gegeben hat. Die Freiheit haben wir. Und dennoch: aller Schuld und allem Scheitern, allen Irrwegen und allen Irrtümern zum Trotz: Es gibt uns immer noch! Und das verdanken wir nicht uns selbst, sondern allein der Gnade Gottes. Christus selbst baut und erhält seine Kirche.

Und weil wir darauf vertrauen, sind wir so frei, die Gegenwart Gottes in dieser Welt zu bezeugen. Das ist unsere erste und vornehmste Aufgabe. Die gnädige Gegenwart Gottes bezeugen in einer Welt, die ihm zunehmen gleichgültig gegenübersteht und oftmals auch gegen ihn zu sprechen scheint. Wer sonst, wenn nicht die Kirchen, die sich auf das lebendige Wort Gottes berufen, soll das den Menschen sagen: Dass sie Ebenbilder Gottes sind, unendlich wertvoll und unverlierbar. In Ewigkeit unverlierbar. Wo sonst werden Geschichten von der Gerechtigkeit erzählt und Lieder von der Würde des Armen gesungen? Und davon, dass Tyrannen gestürzt werden und das Recht wie Wasser fließen soll. Wo sonst ist zu hören, dass die Lahmen den aufrechten Gang lernen sollen, die Stummen ihre Lieder wiederfinden und die Blinden ihr Augenlicht. Dass das Leben kostbar ist, und alle Tränen einmal abgewischt werden. Wo sonst werden Hoffnungen und Träume genährt, die weit über den Tag herausreichen. Diesen Schatz birgt das Evangelium. Und das sind und bleiben wir den Menschen schuldig.

In Gemeinschaft mit der katholischen Kirche

Weil wir darauf vertrauen, dass für unser Leben und für unser Heil gesorgt ist, können wir uns denen zuwenden, für die nicht gesorgt wird: den Hungernden und Fliehenden, den Ausgegrenzten und an den Rand Gedrängten. Wir mischen uns ein in die Belange der Zivilgesellschaft und machen deutlich, dass Nächstenliebe mehr ist als bloße Wohltätigkeit, sondern dass sie gerade auch den schwächsten Mitgliedern des Gemeinwesens zu ihrem Recht verhelfen und Teilhabe ermöglichen will. Wer uns deshalb eine politische Kirche nennen will, mag es tun; wir aber lassen uns leiten von den Worten des Evangeliums.

Und weil wir glauben, dass die Kirche nicht in sich selbst gründet, sondern allein im Vertrauen auf die Wahrheit des Evangeliums, deshalb sind wir so frei, weitere Schritte auf dem Weg zur Einheit der Kirchen zu gehen. Es ist das erste Reformationsjubiläum, das wir nicht in Abgrenzung zur römisch-katholischen Kirche feiern, sondern wir feiern es gemeinsam mit unseren katholischen Schwestern und Brüdern als Christusfest. Ich bin dankbar für die ökumenische Verbundenheit, die wir gerade hier in Duisburg erleben: mit der katholischen Kirche, mit den Kirchen des Arbeitskreises christlicher Kirchen, mit den fremdsprachigen Gemeinden, Aber ich denke, wir müssten stärker noch als in der Vergangenheit unsere Gemeinsamkeiten betonen, mehr noch als bisher auf das schauen, was wir gemeinsam tun können – vor allem auch mit Blick auf unsere Kirchen und Gemeindehäuser. Einer säkularer werdenden Welt können wird nur gemeinsam glaubwürdig das Evangelium bezeugen. Unser gemeinsamer Auftrag ist größer als das, was uns heute noch trennt.

Weil wir darauf vertrauen, dass unsere Kirche im Evangelium von Jesus Christus ihren tragenden Grund hat und behält, sind wir so frei, den Dialog mit den anderen Religionen zu suchen. Wir lieben in einer multikulturellen und multireligiösen Stadtgesellschaft. Das schafft auch Probleme. Das kann und will ich nicht leugnen. Aber gerade deshalb ist es unsere Aufgabe, immer wieder nach Wegen der Verständigung zu suchen und alles in unseren Kräften stehende zu tun, um Spannungen abzubauen. Wir haben da in Duisburg schon einiges erreicht. Es bleibt aber auch noch viel zu tun. Und dabei wollen wir als evangelische Kirche gerne mittun, um gemeinsam „der Stadt Bestes zu suchen.“

Strukturen werden sich verändern

Im Vertrauen darauf, dass das Evangelium der tragende Grund unserer Kirche ist und bleibt, sind wir schließlich so frei, ihre äußere Gestalt als veränderbar zu begreifen. Unsere Organisationsformen und Strukturen sind nicht für die Ewigkeit geschaffen. Sondern sie sind immer wieder neu daraufhin zu prüfen, ob sie unserem Auftrag dienen: Nämlich „die Botschaft der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“, wie es in der sechsten These der Bekenntnissynode von Barmen heißt. Und wenn wir uns an den Strukturen abarbeiten und - gut protestantisch - um die angemessenen Organisationsformen streiten, tut es gut, sich an Martin Luther zu erinnern. Wie hat der gesagt: „Wir sind es doch nicht, die da die Kirche erhalten könnten; unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen; unsere Nachkommen werden’s auch nicht sein; sondern der ist’s gewesen, ist’s noch und wird’s sein, der da spricht: ,Siehe, ich bin bei euch bis an der Welt Ende.’“

Wenn wir uns darauf verlassen, dann können wir auch ganz gelassen in die Zukunft gehen. Gelassen und fröhlich und zuversichtlich. Amen.“

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