Theater

Premiere in der „Säule“: Alis irrer Tanz am Abgrund

Manchmal möchte Ali seiner Frau in den Himmel folgen, manchmal ist er sehr fröhlich.

Foto: Stephan Haase

Manchmal möchte Ali seiner Frau in den Himmel folgen, manchmal ist er sehr fröhlich. Foto: Stephan Haase

Duisburg.   Im Solostück „Barfuß, nackt, Herz in der Hand“ spielt Mohammad-Ali Behboudi einen Gastarbeiter, der Frau und Sohn beim Brandanschlag verliert.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Der Mann im grauen Anzug tänzelt, er lacht und lacht, er schüttet sich aus vor Lachen, er scheint trunken vor Glück. Ali feiert die Hochzeit von Maryam und Hassan. Maryam ist Alis Tochter, Hassen hieß früher Gottfried und war Alis bester Kollege. Alles gut, Ali?

Mit der Wiederaufnahme des Stücks „Barfuß, nackt, Herz in der Hand“ – Untertitel „Monolog eines Gastarbeiters“ – gastiert Mohammad-Ali Behboudi zur Zeit im Kleinkunsttheater „Die Säule“. 22 Jahre sind seit der Uraufführung vergangen, aber weder der starke Text noch die Intensität von Behboudis Spiel haben eingebüßt. Die Aktualität leider auch nicht.

Monolog geschrieben nach Solinger Anschlag

Drei Jahre nach dem ausländerfeindlichen Brandanschlag von Solingen, bei dem fünf Mitglieder der türkischen Familie Genc starben und 17 weitere Menschen verletzt wurden, hat der in Teheran geborene Autor Ali Jalaly diesen Monolog verfasst, der einen Mann dies- und jenseits des Abgrunds zeigt. In diesen teils poetischen, teils vulgären Text sind seltsam irritierende Passagen eingestreut. Warum ist Gottfried jetzt Hassan?

Anfangs überwiegt der Eindruck, es mit einem einfachen Menschen türkisch-bäuerlicher Herkunft zu tun zu haben, der bei der Straßenreinigung arbeitet, mit Frau und drei Kindern im eigenen Haus lebt und mit Kollegen und Nachbarn gut auskommt, obwohl er manches nicht versteht: Warum lässt dieser deutsche Mann seinen Hund immer dort scheißen, wo Ali anschließend sauber machen muss? Warum besuchen die Kinder ihre alte Mutter im Nachbarhaus nur zu Weihnachten? Warum gibt es dieses stumme H, das ihn verrückt macht? „Andere Kultur, andere Religion“, erklärte Ali sich diese Unterschiede.

Von Sohn blieb nur ein Häufchen Asche

Seinen Sohn Bülent trägt er in der Anzugtasche bei sich. Das Häufchen Asche, das von Bülent nach dem Brandanschlag von Neonazis auf sein Haus übrig geblieben ist, hat sein Vater in ein graues Tuch mit Trauerrand eingewickelt. „Bülent ist jetzt sauber, aber gründlich“, sagt Ali – und es lässt einem fast das Blut in den Adern gefrieren. Aber dann ist Ali wieder ganz fröhlich und kichert, als er sich an einen Schwanz-Vergleich mit seinem Kollegen Gottfried erinnert.

Seit Ali mit ansehen musste, wie seine Frau und sein Sohn ums Leben gekommen sind, hat er das Gefühl „einen Mixer im Kopf“ zu haben. So wurde aus Gottfried Hassan. Manchmal träumt Ali davon, seiner Frau, die beim Sprung aus dem brennenden Haus hoch in den Himmel geflogen ist, zu folgen.

In der Inszenierung von Thomas Goritzki wandelt Mohammad-Ali Behboudi souverän auf dem Grat zwischen Schwere und Leichtigkeit und zeichnet ungemein glaubwürdig das Bild eines Menschen, der irre fröhlich geworden ist an seinem unerträglichen Schmerz.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik