Festival

Platzhirsch: Duisburger Festival erobert den Kantpark

Das Jazz-Trio Malstrom mit Florian Walter, Saxophon, Jo Beyer, Schlagzeug, und Axel Zaja, Gitarre, spielte zum Auftakt des Platzhirsch am Freitag im Kantpark.

Das Jazz-Trio Malstrom mit Florian Walter, Saxophon, Jo Beyer, Schlagzeug, und Axel Zaja, Gitarre, spielte zum Auftakt des Platzhirsch am Freitag im Kantpark.

Foto: Oliver Müller / FFS

Duisburg.  In der Corona-Pandemie zeigt das Duisburger Platzhirsch-Festival sein möglicherweise wahres Gesicht – im Kantpark ist offen und wunderschön.

„Die Krise als Chance nutzen.“ Dieses Binsenweisheit wird dieser Tage häufig überstrapaziert, gerade die Kulturlandschaft leidet trotzdem unter der Corona-Pandemie. Tatsächlich gelingt es aber dem Duisburger Platzhirsch-Festival, aus der Misere eine Chance zu machen, denn die Evolution, die das Festival coronabedingt gezwungenermaßen durchgemacht hat, hebt die Veranstaltung schon am ersten Tag, am Freitag, in ganz neue Sphären. Und so ist das Festival, trotz oder gerade wegen der Krise, in diesem wilden Jahr 2020 zumindest künstlerisch vielleicht so nah wie nie an seinem Credo „Festival für Artenvielfalt im Duisburger Stadtrevier“.

Volksfestcharakter im Duisburger Kantpark – Corona befreit die Musik

Natürlich ist trotzdem vieles anders als bekannt. Der Dellplatz ist immer noch das schlagende Herz des Festivals, bloß schlägt es in diesem Jahr ein wenig sanfter als sonst. Das „OINK!“-Autokino steht direkt auf dem Platz, das Workshopzelt, ein wenig Kunst auf dem Boden – das war’s. Keine großen Menschenmengen, selbstverständlich und zum Glück, tummeln sich vor der Kirche St. Joseph, dafür ist in der ganzen City und im Dellviertel viel mehr Betrieb, kleine Grüppchen huschen von Spielort zu Spielort. Als außergewöhnliches Festival ist der Platzhirsch aber auch in diesem Jahr nicht nur Musik, sondern auch Kunst, Theater, Performance und mehr.

Ganz neu ist dabei die Bühne im Kantpark, abgesperrt durch rosa Flatterband, aber doch so offen wie nie eine Platzhirsch-Bühne zuvor. Viel Laufkundschaft bleibt stehen, als das Trio „Malstrom“ das Konzertwochenende am Freitag eröffnet, auf dem großen Spielplatz toben die Kinder munter weiter.

Der Kantpark, der in Duisburg vielleicht am ehesten das Prädikat „Stadtpark“ verdient, ist mit seinen Ecken und Kanten genau das, was der Platzhirsch gebraucht hat: Ein offener Raum für Kultur – und für wirklich alle Duisburger, ohne Ausnahme, der ganze Park wird bespielt. Denn ob die Gäste nun ein kostenloses Ticket im Internet gebucht haben und sich auf die Bänke vor der Bühne setzen oder hinter dem Flatterband stehen, ist eigentlich egal. Es sind endlich auch einmal gute Corona-Nachrichten: Die Pandemie hat die Musik befreit, zumindest im Kantpark.

Malstrom ist wild, rhythmisch und sanft zugleich

Und diese Musik kann sich wirklich hören lassen. Spürbar spielfreudig beginnen Saxophonist Florian Walter, Gitarrist Axel Zajac und Drummer Jo Beyer ihr Konzert. Die Musik ist irgendwo zwischen Free- und Contemporary-Jazz angesiedelt, mit „kontrolliertem Chaos“ nach Miles Davis, aber auch mit glasklaren Melodien, perkussiven Groove-Teilen und ausgiebigen Soli. Wer die Augen schließt, könnte statt Florian Walter Kenny Garrett auf der Bühne wähnen, doch nur klanglich, stilistisch bewegt sich das Trio zwischen Return to Forever, Snarky Puppy und den Funky Knuckles.

Urgewaltig arbeitet sich die Band durch ihre Eigenkompositionen, laut und präsent im einen Moment, dann verliert sich leises Saxophongesäusel beinahe in den Baumwipfeln des Kantparks. Wie von jungen Jazzkünstlern weltweit bekannt, bestechen gerade die Soli von Saxophon und Gitarre durch viel Chromatik, „Outside“-Ausflüge und Atonalität, die das Publikum in einen Schleier der tonalen Überwältigung hüllt.

Am Abend öffnet sich dann der Himmel über der Innenstadt, ein saftiger Regenguss löscht die Stimmung im Kantpark und an den anderen Open-Air-Spielorten ein wenig ab, wenn auch nur kurz. Doch was bleibt ist ein revolutionierter Platzhirsch – der auch noch am Samstag und Sonntag sein ganz neues Gesicht zeigt.

>> PLATZHIRSCH KOSTENLOS – AUF SPENDEN ANGEWIESEN

• Der Platzhirsch ist in diesem Jahr komplett und ohne Ausnahme kostenlos. Wer dabei sein will, muss auf der Platzhirsch-Homepage platzhirsch-duisburg.org nur ein kostenloses Ticket pro Veranstaltung buchen.

• Trotzdem muss sich das Festival finanzieren. Das geht mit Spenden an allen Spielorten, am Merchandise-Stand auf dem Dellplatz oder im Internet auf der gut-fuer-duisburg.de Kampagne des Festivals.

• Das komplette Programm für Samstag, 29. August, und Sonntag, 30. August, gibt es im Internet auf platzhirsch-duisburg.org zu sehen.

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