Wandergeselle

Wandergeselle Janosch liebt das Leben auf der Walz

Wandergeselle Janosch in voller Montur auf der Walz in Duisburg.

Wandergeselle Janosch in voller Montur auf der Walz in Duisburg.

Foto: Tanja Pickartz

Duisburg-Alt-Hamborn.   Vor einem halben Jahr ist der 25-Jährige losgezogen. Der Weg führte ihn von Braunschweig über die Schweiz nach Duisburg zum Steinmetz Georges.

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Drei Jahre und einen Tag darf sich Janosch nicht mehr im Umkreis seiner Heimatstadt sehen lassen. Die Verbannung ist einem Gelübte geschuldet, das er sich selbst auferlegt hat: Der gelernte Steinmetz und Steinbildhauer ist auf der Wanderschaft, erkundet die Welt und das ehrbare Handwerk.

Der 25-Jährige stammt aus einem „kleinen Ort zwischen Wolfenbüttel und Braunschweig“. Dort hat er den Beruf erlernt. Nach der Lehre zog es ihn fort: Zweieinhalb Jahre arbeitete er in Hamburg. Er war an der Sanierung der ehemaligen Hauptkirche St. Nikolai beteiligt, die heute ein Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im Dritten Reich ist.

Die Zeit fliegt auf der Wanderschaft nur so dahin

Nach Abschluss des Projektes stand für den jungen Mann fest: „Du gehst auf die Walz.“ Gesagt, getan. Seit einem halben Jahr ist er nun unterwegs und hat den Eindruck: Die Zeit fliegt nur so dahin. Nach einem kurzen Ausflug in die Schweiz, wo er sich bei einem Schneider eine echte Wandergesellenkluft bestellt hat, ist er nach mehreren Stationen in Duisburg angekommen. Nicht zufällig, wie er berichtet. Er kennt einen ehemaligen Wandergesellen, der bei Georges nach seiner Tour eine Anstellung gefunden hat. Der hat ihn per E-Mail gefragt, ob er nicht aushelfen könnte. Der Betrieb brauche unbedingt vorübergehende Verstärkung.

Ein Glücksfall, wie Chef und Geselle sich einig sind. Der eine hat einen tüchtigen Mitarbeiter gefunden und einen personellen Engpass beseitigt. Der andere hat einen „tollen Chef“, der ihm ein Tarifgehalt zahlt und noch eine kleine Wohnung zur Verfügung stellt. Seit sechs Wochen ist Janosch nun in Alt-Hamborn – in zwei Wochen zieht er weiter. „Maximal bleiben wir drei Monate an einem Stück an einer Stelle“, klärt der Geselle auf. Meist seien es aber nur zwei, drei Tage.

Das Motto seiner Gesellen-Vereinigung „Freie Voigtländer Deutschlands“

Gestartet ist Janosch mit fünf Euro in der Tasche. Und mit genau diesem Betrag darf er heimkehren. „Das Geld, das wir auf der Straße verdienen, geben wir auch auf der Straße wieder aus“, lautet das Motto seiner Gesellen-Vereinigung „Freie Voigtländer Deutschlands“. Es ist eine über 100 Jahre alte Organisation, deren Mitglieder nach strikten Regeln leben. „Als ich starten wollte, ist mein Ohr nach alter Sitte am Tisch festgenagelt worden.“ Durchs Loch ist anschließend ein Ohrring gezogen worden. Den muss er, wie auch seine Kluft und den typischen, schwarzen Hut, stets tragen, wenn er in der Öffentlichkeit auftritt. Jeans oder andere Kleidung sind strikt verboten. Immerhin: Den Hut nimmt er „in der Kirche, in der Küche und beim Essen“ ab. Aber auch beim Schlafen und Duschen, wie er dann augenzwinkernd verrät. Am Ohr erkennt man übrigens, ob sich der Wandersmann redlich verhält. Tut er es nicht, wird ihm der Ring von der Vereinigung buchstäblich aus dem Ohr gerissen – und ist dann als „Schlitzohr“ für jedermann erkennbar.

Dort, wo er arbeitet, kann er in der Regel auch schlafen

Fürs Reisen und Übernachten darf er keinen einzigen Cent ausgeben – so schreiben es die Zunft-Regeln vor. Abgesehen von einer Nacht auf einer Raststätten-Bank an der Autobahn hatte er in den ersten sechs Monaten seiner Tour noch keine Probleme, für die Nacht ein Dach über den Kopf zu bekommen. Dort, wo er arbeitet, kann er in der Regel auch schlafen – „notfalls auf einem Feldbett in der Werkstatt“, verrät sein Chef Georges. Da er ohne Handy und Uhr unterwegs ist, richtet er sich ganz nach der Sonne. Aufstehen, wenn sie aufgeht, wandern, bis sie untergeht. Jobs sucht er sich meist in Friedhofsnähe – dort sind oft Steinmetzbetriebe ansässig.

„Unser Medium ist die Kneipe“, sagt der Geselle. Sprich: Wenn er an einem Ort ankommt und eine Unterkunft sucht, begibt er sich in eine Wirtschaft und bekommt dort meist nach kurzer Zeit von einem Gast ein Quartier angeboten. An dem Mann mit dem Schlapphut und der Anstecknadel am Hemdkragen haben viele Menschen Interesse. So wird er auch von Privatleuten angesprochen, ob er nicht bei der einen oder anderen Arbeit im Garten oder am Haus helfen könnte. Was er auch tut, schließlich kann er nicht nur Steine in Kunstwerke verwandeln, sondern auch Mauererarbeiten erledigen.

Ziel der Wanderschaft ist es, „sich beruflich und charakterlich weiterzuentwickeln“

Alle Jobs haben ihm viel Freude bereitet. Sie sind abwechslungsreich und Janosch, der sich nur duzen lässt, lernt praktisch täglich etwas dazu. Ziel der Wanderschaft ist es, „sich beruflich und charakterlich weiterzuentwickeln“. Dazu gehört auch, möglichst selbstständig zu leben – frei und ungebunden. Sein Bruder und seine Mutter haben bislang nur zwei Mails und Karte erhalten. Nach dem Motto: Keine Nachricht heißt: Es geht mir gut.

Fixe Tippelei – gute Wanderschaft

Bis Anfang 2019 bleibt Janosch im deutschsprachigen Raum, danach geht es nach Südwesteuropa. Außerdem möchte er nach Marokko, Thailand und Vietnam. Alle Ziele will er möglichst zu Fuß oder als Anhalter erreichen, wobei Fernziele außerhalb Europas auch angeflogen werden dürfen. Nach Duisburg will er während der Tour auf jeden Fall zurückkehren. Die Zeit hier hat ihm gut gefallen. „Nicht zum Arbeiten, sondern einfach mal auf ein Quätschchen mit meinen Kollegen.“ Bis dahin wünschen die ihm: Fixe Tippelei – gute Wanderschaft.

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