Inklusion

Schule setzt sich für Körperbehinderte ein

Katharina Trommen ist Schülerin an der Gesamtschule Emschertal, hier mit ihrer Integrationshelferin Jasmin Frösler.

Katharina Trommen ist Schülerin an der Gesamtschule Emschertal, hier mit ihrer Integrationshelferin Jasmin Frösler.

Foto: Lars Fröhlich

Neumühl/Obermarxloh.   Die Gesamtschule Emschertal setzt sich für die Inklusion behinderter Schüler ein. Dabei helfen auch Klassenkameraden. Baumaßnahmen folgen

Schulleiter Christoph Hönig ist stolz, dass an der Gesamtschule Emschertal auch körperbehinderte Kinder und Jugendliche unterrichtet werden. Sie sollen aber keine Einzelfälle bleiben. „Wir wollen uns systematisch darauf einstellen, Kinder mit einer Körperbehinderung zu beschulen.“ Diesen Weg beschreitet er seit einigen Jahren und will ihn konsequent weitergehen. Deshalb hat sich die Gesamtschule Emschertal bewusst als Schwerpunktschule für Inklusion aufgestellt.

Bessere Möglichkeiten

Davon profitiert die Rollstuhlfahrerin Katharina Trommen, die im Sommer von einer Förderschule gewechselt ist. „Ich möchte mein Abitur machen“, sagt die Zehntklässlerin, mit ihrem Hauptschulabschluss könne sie nichts anfangen. „Durch die neue Schule habe ich erst erfahren, welche Berufsmöglichkeiten ich überhaupt alle habe“, freut sich Trommen.

Die Gesamtschule Emschertal zu besuchen war für die 18-Jährige die richtige Entscheidung. Doch sie hatte Bedenken. Würde sie von den Mitschülern akzeptiert? Oder ignoriert, gehänselt, gar aus dem Rollstuhl geschubst? All dies hat die junge Frau schon erlebt. Aber ihre Bedenken sind ausgeräumt: „Ich bin hier voll angekommen, fühle mich wohl und ich habe richtig viel Spaß.“ Nicht zuletzt, weil die Schule behinderte Menschen stark unterstützt.

Hilfe für Familien

So hilft die Gesamtschule betroffenen Familien dabei, einen Integrationshelfer zu beantragen. Sie bespricht Hilfen für Pflege und Therapie und wie die An- und Heimfahrt gelingen kann. Seit 2015 arbeitet sie eng mit der Christy-Brown-Schule zusammen und nutzt deren Fachwissen. Überdies wurde an beiden Emschertal-Standorten in Neumühl und Obermarxloh das Raumkonzept angepasst, damit Rollstuhlfahrer barrierefreie Klassenräume haben.

Es gibt an der Kampstraße eine Behindertentoilette und eine Pflegeliege. Für Räume, die nur per Treppe erreichbar sind, wird ein Treppensteiger benutzt und Naturwissenschaften, wenn möglich, statt in Fachräumen im Erdgeschoss unterrichtet.

Schulleiter fordert Baumaßnahmen

„Keine Gesamtschule ist komplett barrierefrei“, sagt Hönig, „aber die Stadt muss das umsetzen.“ So fordert er Baumaßnahmen an beiden Standorten. Das Hauptgebäude an der Albert-Einstein-Straße soll einen Aufzug bekommen und eine zusätzliche barrierefreie Toilette im Obergeschoss. Perspektivisch sollen alle Jahrgangsstufen mindestens zwei barrierefreie Klassenräume haben, zudem an der Kampstraße wenigstens jede zweite Etage eine Behindertentoilette, und ein weiterer Aufzug soll den Treppensteiger ersetzen.

Schüler helfen sich gegenseitig

Das größte Pfund mit dem die Gesamtschule Emschertal bei der Inklusion wuchern kann, findet Schulleiter Christoph Hönig, seien neben den Lehrern vor allem die Schüler. „Unsere Schüler sind aufgeschlossen und besonders hilfsbereit.“

Das sieht Lehrerin Ulrike Borgemeister genauso: „Um Rollstuhlfahrer wird sich rührend gekümmert.“ Die Bereitschaft dazu sei übergroß, denn Behinderte in einer Klasse zu haben, empfänden andere Schüler als bereichernd. „Sie sind sehr offen für das Anderssein und lernen dadurch viel.“ So bauen Jugendliche etwaige Unsicherheiten gegenüber Behinderten schnell ab, lernen sie zu akzeptieren und erfahren, wie man ihnen beisteht.

Schule ist auf jedes Kind gut vorbereitet

Davon profitiert auch Katharina Trommen als eine von vier behinderten Schülern. Ihre Klassenkameraden schreiben Matheaufgaben für sie ab, wenn sie selbst nicht schnell genug ist oder sagen den Lehrern, wenn sie übersehen, dass sich die junge Frau meldet. Einige sind auch ausgebildet, den Treppensteiger zu bedienen. Ihre Integrationshelferin Jasmin Frösler lobt ebenfalls die Atmosphäre: „Ich werde hier als Teammitglied angenommen. Das ist ein tolles Gefühl und nicht selbstverständlich.“

Die Inklusion laufe gut an der Gesamtschule Emschertal, bilanziert Hönig. Er wünscht sich aber dass notwendige Baumaßnahmen schneller umgesetzt werden, und er hofft, dass in Neumühl vier mobile Klassenräume rechtzeitig aufgestellt werden. „Sonst droht uns, dass wir bald körperbehinderten Schülern absagen müssen.“ Nach dem jüngsten Besuch von Schulamt und Immobilien-Management bleibt er aber zuversichtlich, dass er weiterhin sagen kann: „Egal welches Kind kommt, wir sind vorbereitet.“

>> Schulleiter fordert bessere Rahmenbedingungen

  • Vier Körperbehinderte wechselten zum Schuljahresbeginn an die Gesamtschule Emschertal. Drei besuchen die fünfte Klasse, darunter ein Rollstuhlfahrer. Die vierte Schülerin ist Katharina Trommen. „Alle kommen gut zurecht und fühlen sich gut aufgehoben“, sagt Hönig.
  • Um die Inklusion zu verbessern, fordert er von der Stadt, bei neuzugewiesenen behinderten Schülern zeitnah abzuklären, welche Hilfsmittel zu Schuljahresbeginn vorliegen oder angeschafft werden müssen.
  • Von Kommunal- und Landespolitikern erwartet er, dass sie die Rahmenbedingungen für behinderte Schüler verbessern – etwa bei Fahrtkosten oder Pflegeleistung während der Unterrichtszeit.
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