Jugendzentrum Zitrone

Junge Muslime aus Duisburg besuchen Auschwitz

Auf ihrer Reise besuchten die jungen Muslime aus dem Duisburger Norden das Konzentrationslager Auschwitz. Drei Tage verbrachten sie dort.  

Auf ihrer Reise besuchten die jungen Muslime aus dem Duisburger Norden das Konzentrationslager Auschwitz. Drei Tage verbrachten sie dort.  

Foto: Jugendzentrum Zitrone

Obermarxloh.   Der Verein Jungs e.V. ermöglichte jungen Muslimen den Besuch des Vernichtungslagers Auschwitz. Jetzt entsteht ein Theaterstück.

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Über das Unaussprechliche zu sprechen, das Unglaubliche, Monströse zu verstehen – diesen Versuch unternahmen der Verein Jungs e.V gemeinsam mit dem Jugendzentrum Zitrone. Zum siebten Mal organisierten sie im Rahmen des Programms „Junge Muslime in Auschwitz“ im Frühjahr eine Reise ins größte Vernichtungslager der Nazi-Diktatur. Resultat der Reise wird ein Theaterstück sein, das die zehn jungen Männer Anfang kommenden Jahres in der jüdischen Gemeinde uraufführen werden.

Begleitet wurden die Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Projekt nicht nur von Zitrone-Einrichtungsleiterin Susanne Reitermeier-Lohaus. Engste Begleiter der jungen Menschen durch das aufwühlende, anspruchsvolle Programm waren Burak Yilmaz und Oguz-Han Uzun, beide 30 Jahre alt und studierte Historiker und Pädagogen mit Zusatzausbildungen.

Intensive Vorbereitung an die Reise

„Zur Vorbereitung des Besuchs gab es drei intensive Workshop-Wochenenden“, sagt Oguz-Han Uzun, der selbst aus dem Duisburger Norden stammt. Zuerst setzten sich die jungen Muslime ein Wochenende lang mit der Nazi-Zeit und dem von Deutschland betriebenen Massenmord an sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens auseinander. „Am zweiten Wochenende sprachen wir intensiv über Aktualität und Hintergründe des Nahost-Konflikts“, sagt Uzun, „und am dritten Wochenende erkundeten wir unsere eigenen Familiengeschichten und fanden heraus, inwieweit unsere Biografien von Flucht und Krieg geprägt sind.“

Robin Henn vom Duisburger Zentrum für Erinnerungskultur, sagt Uzun, habe dabei fantastische Arbeit geleistet. Tief sitzende, verkrustete Vorurteile seien aufgespürt und aufgeweicht worden, sagt Uzun, der sich sehr gut in die Projektteilnehmer hineinversetzen kann: „Bei mir wurde im Kindesalter in der Koranschule damit begonnen, Vorurteile zu verbreiten und Hass auf Juden zu erzeugen“, sagt der Lehrer und Historiker, „später werden die Jugendlichen – etwa im Internet – mit der Propaganda des IS und der Hamas konfrontiert.“ Dann werde es zunehmend schwierig, der Herausbildung eines verfestigten, juden- und israelfeindlichen Weltbildes entgegen zu wirken.

Dabei gehe es überhaupt nicht darum, die Politik der israelischen Regierung zu glorifizieren oder die Standpunkte der Palästinenser zu verdammen: „Es geht um Einordnung, um die Bereitschaft, zu diskutieren, um Nachdenken, um Sachlichkeit“, sagt Uzun.

Eine Woche lang war die Duisburger Gruppe in Polen unterwegs, drei Tage lang in Auschwitz und dem Nachbarlager Birkenau. Die bis ins letzte Detail durchgeplante, systematische, massenhafte Ermordung von unschuldigen Menschen vor Ort nachvollziehen zu können, habe die Teilnehmer erschüttert: „Niemand geht nach Auschwitz und bleibt dort unberührt“, sagt Uzun, „was wir dort gesehen, erfahren haben, hat uns verstört, hat uns durcheinander gebracht.“ Den pädagogischen Effekt der Reise noch verstärkt habe eine Erfahrung, die von der Gruppe beim Aufenthalt in Krakau gemacht wurde: „Da wurden wir von polnischen Rechtsradikalen aufs Übelste rassistisch beleidigt und provoziert“, sagt Uzun, „was in Kombination mit dem in Auschwitz Erlebten ziemlich heftig war.“ Er habe sich sogar beim polnischen Botschafter in Deutschland über den Vorfall beschwert, sagt Uzun: „Da kam keine Reaktion.“

Songs über das Erlebte

Reaktionen auf den Besuch sahen Reitermeier-Lohaus, Uzun und die anderen Projektverantwortlichen in der Nachbereitung des Besuchs. In einem Theaterstück, das aus szenischen Akten und Gesang besteht, setzen sich die jungen Männer mit dem Projekt auseinander. „Da geht es heftig zur Sache“, sagt Teilnehmer Emre, 18 Jahre jung, „denn du fängst natürlich an, vieles, was du vorher gedacht hast, zu hinterfragen.“ Es gehe um Männlichkeitsrituale, sachliche interreligiöse Kritik, gemischte Ehen, eigene Diskriminierungserfahrungen. Es gehe um Dinge, die Menschen verbinden und trennen: „Gerade in die Songs zum Stück, da packen wir alles rein.“

Uraufgeführt wird das Stück in der jüdischen Gemeinde Duisburg. Der Termin steht noch nicht fest. Fest steht aber, sagt Uzun, dass sich alle Beteiligten auf den Abend freuen: „Es wird ein Abend des Gesprächs, ein Abend des Verstehens und ein Abend der Freundschaft.“

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