Literatur

Im neuen Roman „Bodensee“ ist Hamborn der Sehnsuchtsort

Der Roman von Dietmar Sous (Foto) heißt „Bodensee“. Doch für Matthes, Hauptfigur des Romans, wird Duisburg-Hamborn zum Sehnsuchtsort.

Der Roman von Dietmar Sous (Foto) heißt „Bodensee“. Doch für Matthes, Hauptfigur des Romans, wird Duisburg-Hamborn zum Sehnsuchtsort.

Foto: Nina Sous

Duisburg-Hamborn.  Das Buch von Dietmar Sous heißt „Bodensee“. Wieso Duisburg-Hamborn eine wichtige Rolle spielt und warum das Werk ein Zeugnis der 60er Jahre ist.

Ein vom Krieg zerstörter Vater, ein Urlaub am Bodensee im Zeichen des Wirtschaftswunders - und ausgerechnet Duisburg-Hamborn als Sehnsuchtsort. So könnte man die drei wichtigsten Erzählstränge in „Bodensee“, dem neuen Werk des Autors Dietmar Sous, kategorisieren. Der Roman ist Zeitdokument des Jahres 1962 , charmant und – ob der sozialen und familiären Gefüge der Zeit – bedrohlich zugleich, literarisch aus einem Guss.

Ein ungeschönter Blick gerade für diejenigen, die die schizophrenen 60er nicht erlebt haben, Jahre zwischen Verdrängung, Erholung und den Schatten der Vergangenheit. Mehr als einmal erinnert Sous’ Roman an Ralf Rothmanns Meisterwerk „Junges Licht“, im besten Sinne – auch weil der Ruhrpott in Form von Duisburg zwar nur selten, aber umso heftiger die Hauptrolle spielt.

Auf Buden-Tour quer durch Duisburg-Hamborn

Die Geschichte seines turbulenten Jahres erzählt Matthias, kurz Matthes, zu Hause irgendwo im Rheinland, wo die psychisch wie physisch Kriegsversehrten in Kneipen dahinschwinden und der 1. FC Köln die trüben Wochenenden füllt. Zuhause sitzen Mutter Leni und der namenlose „Vater“, Kategorie „Arschlochvater“. Vom Krieg gezeichnet schlägt er seine Frau, aber nicht seinen Sohn – den machen beide Elternteile dafür mit Sätzen wie „… dann bist du nicht mehr mein Sohn“ mürbe.

[Nichts verpassen, was in Duisburg passiert: Hier für den täglichen Duisburg-Newsletter anmelden.]

Gleichzeitig kämpft Matthes mit dem genauso bemitleidenswerten wie gewalttätigen Lehrpersonal an seinem Gymnasium, macht mit Nachbarsmädchen Christel die ersten Schritte auf sexuellem Boden und entkommt schließlich in einen Urlaub bei der wohlhabenden Familie seines Onkels am Bodensee. Und hier endlich der Lichtblick: Eva aus Hamborn, die Eltern haben eine Bude, und Matthes haben sich verliebt. Doch er kann der Angebeteten wegen seiner abrupten Abreise nur seine Adresse dalassen. Was folgt, ist eine Odyssee durch den Duisburger Norden, zu vielen Buden — und am Ende sogar eine Art Katharsis, im Familiären wie in der Liebe.

Für Matthes ist Duisburg grün, nicht schwarz

So klein die Welt des Romans, so niedrig die Fallhöhe der Geschichte eines Nachkriegsschicksals, wie es sie zu Tausenden gab, auch sein mag: Dietmar Sous’ Erzählung entwickelt dank ihres Detailreichtums und ihres gefühlten Realismus einen unwiderstehlichen Sog. Größter Trumpf des Autors ist aber seine Sprache. Das mag für einen Vertreter der schreibenden Zunft selbstverständlich zu sein, doch der sanfte, bildreiche, manchmal metaphorische und sogar poetische Fluss der Wörter macht sogar Duisburgs dreckige Schwerindustrie zu einem literarischen Gemälde.

Für Matthes ist Marxloh grün und nicht schwarz, als er mit der Straßenbahn zum Hamborner Rathaus fährt. Ein Duisburger macht ihn auf den Wasserturm aufmerksam, für den „Druck im Wassernetz. Weil hier alles so flach ist wie die Brust von meiner Schwägerin Ilse.“

Wo die Hochöfen Kette rauchen

Matthes erzählt von Hochöfen, die Kette rauchen, von der Goethestraße, auf der trotzdem keiner den „Faust“ zitiert und vom trotzigen Stolz der Duisburger auf ihre Industrie.

Eine fruchtlose Suche auf der Emscherstraße und dem Altmarkt verleitet ihn dazu, eine Art Vermisstenanzeige zu schreiben, heute würde man das „Spotted“ nennen, zum Schluss trudelt tatsächlich ein Palmzweig im Rheinland ein, ein Brief.

„Bodensee“ ist ein ehrlicher Roman, mit einer Ausnahme ohne großes Drama, dafür geht die Erzählung umso näher. Das ausgerechnet Duisburg einmal das gelobte Land sein darf, ganz besonders der Stadtnorden, ist eine angenehme Überraschung. Doch der Roman lohnt sich auch so für alle Buchfans und Hobbyforscher, die ins Westdeutschland der Nachkriegszeit abtauchen wollen.

<<

20 BÜCHER SEIT 1981

• Dietmar Sous ist Jahrgang 1954 und stammt aus dem Rheinland. Seit 1981 hat er knapp 20 Bücher geschrieben und war Stipendiat des Deutschen Literaturfonds. Außerdem war er Rezensent der Wochenzeitung „der Freitag“.

• Der Roman „Bodensee“ ist im Transit-Verlag erschienen und trägt die ISBN 978 3 88747 380 8.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben