Nachtleben

Nach Lärm-Klage: Kalt.Weiss.Trocken schließt Bar in Duisburg

Der Weinhandel wird erst einmal Aufrecht erhalten. Außerdem suchen die Macher einen neuen Standort.

Der Weinhandel wird erst einmal Aufrecht erhalten. Außerdem suchen die Macher einen neuen Standort.

Foto: Lars Heidrich

Duisburg.   Nach anhaltenden Konflikten mit einem Nachbar traf man sich vor Gericht. Nach einer rauschenden Abschiedsparty kommt nun der Kater.

Die Nachbarn am Sternbuschweg können heute Nacht gut schlafen – es bleibt alles ruhig. Weil ein Anwohner wegen Lärms geklagt hat, musste der Weinhandel „Kalt.Weiss.Trocken“ zum Jahresende seinen Barbetrieb einstellen. „Wir hatten eine sensationelle Party. Es gab viele Leute, die uns mit großem Hooray gefeiert haben. Um acht Uhr gab’s keine Gläser mehr“, blickt Christian Stempel, einer der beiden Geschäftsführer, zurück. Der Kater kommt nun ein paar Tage später. Mitte Januar soll der Handel weitergehen. Mittelfristig wollen Stempel, sein Kompagnon Marc Dickmann und Mitarbeiterin Milena Zimmermann aber einen anderen Standort finden, wo auch wieder ein Barbetrieb möglich ist.

„Wir haben viele Idee und Lust, etwas in Duisburg auf die Beine zu stellen. Momentan bin ich aber ernüchtert. Ich dachte, wenn man von der Stadt auf etwas Brief und Siegel bekommt, sei man sicher und könne planen.“ Er findet: Die Stadt müsse auch Räume dafür schaffen, dass ein Nachtleben entstehen könne.

Die charmante Hinterhof-Gastronomie hatte viele Fans. Anfangs kamen die Freunde der edlen Tropfen nur, um eine Flasche Wein zu kaufen und dabei ein Gläschen zu probieren. Als sich das herumsprach, beantragten die Macher eine Konzession, investierten in die Halle und eröffneten ihre Bar. „Wir haben sogar überlegt, dass Objekt zu kaufen und sind langfristige Mietverträge eingegangen.“ Christian Stempel selbst ist ein Duisburger Jung, wohnt nun allerdings in der Nachbarstadt Düsseldorf, auf einer belebten Straße mit Gastronomie. „Ich weiß das zu schätzen, dass ich in der Stadt wohne und freue mich, dass die Leute draußen sind.“

Ruhestörung: In den meisten Fällen reicht eine Verwarnung

10.438 Mal ist die Duisburger Polizei im vergangenen Jahr wegen Ruhestörung ausgerückt – die Zahl umfasst allerdings alle Anrufe und ist nicht gleichzusetzen mit der Anzahl tatsächlich geschriebener Anzeigen. Besonders hoch waren die Zahlen in den Sommermonaten: 1285 Einsätze gab es im Juni, 1598 Einsätze im Juli, 1325 im August. „Im Sommer waren viele draußen, andere mussten früh arbeiten“, weiß Polizeisprecherin Jacqueline Grahl. In den meisten Fälle reiche eine Verwarnung. Handelt es sich um Gaststätten oder wiederkehrende Einsätze, werden Berichte ans Ordnungsamt verfasst. Mit Blick auf die Stadt sagt Stempel: „Ordnungsamt und Polizei machen ihren Job. Aber aus meiner Sicht wird erst einmal einseitig geprüft, wenn sich Nachbarn beschweren und gar nicht nachgehakt, was dahinter steckt.“

Die Stadt bestätigt auf Nachfrage die Klage gegen die Baugenehmigung. Allerdings betont Stadtsprecher Peter Hilbrands: „Wir unterstützen Gastronomen und Kulturschaffende natürlich, wo wir können. Das Zusammenspiel mit den Nachbarn muss aber vor Ort funktionieren. Ganz wichtig ist dabei Rücksichtnahme und Toleranz. Gesetze und Regelungen müssen eingehalten werden, bei Beschwerden oder gar erwirkten Rechtsentscheidungen Betroffener bleibt uns nichts anderes übrig, als einzugreifen.“ Wie oft das Ordnungsamt wegen Ruhestörung tätig werde, darüber werde keine Statistik geführt. Bekommt das Amt Hinweise von der Polizei, werden Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet.

Vor Jahren stand das „Djäzz“ vor dem Aus

Es ist nicht der erste Konflikt im Duisburger Nachtleben. Vor Jahren stand der Kellerclub „Djäzz“ sogar kurz vor dem Aus, weil es Beschwerden von Nachbarn gab. Nun gibt’s strenge Auflagen. Auch anderen Bars flattert regelmäßig Post vom Ordnungsamt ins Haus.

In Mannheim wurde bereits ein Nachtbürgermeister installiert, der zwischen Nachbarn und Gastronomie vermitteln soll. Auch im Bochumer Bermudadreieck funktioniere das Zusammenleben gut. „Jeder weiß, dass hier gefeiert wird“, betont ein Stadtsprecher. Im Essener Südviertel gibt’s hingegen ab und an Beschwerden.

Die Stadt Duisburg verweist darauf, dass die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung Gastronomen und Kulturschaffende bei der Standortsuche unterstütze.

Noch eine Änderung im Duisburger Nachtleben: "Indie" unter neuer Leitung

Auch beim „Indie“ gibt’s einen Abschied. „Ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit fürs Duisburger Nachtleben getan. Es kommen leider wenige Leute nach, die hier etwas rocken wollen“, erklärt Carsten Butterwegge. Früher hat er den „High 5 Club“ betrieben, Bands und Veranstaltungen etwa für das „Hundertmeister“ gebucht und 2013 dann das „Indie“ eröffnet. Parallel ist er als „Butterwegge“ solo oder mit Band unterwegs. „Der Laden ist gut gelaufen, aber ich möchte mich mehr auf die Musik konzentrieren.“ Als er einen Nachfolger suchte, bekam er zahlreiche Angebote, auch von Leuten, die etwa eine Shisha-Bar eröffnen wollten. „Aber es sollte eine Kneipe bleiben, in der auch Veranstaltungen stattfinden.“ Drei Tage lang haben er und seine Besucher durchgefeiert. Demnächst übernimmt unter anderem „Bürgerhof“-Chef Jan Höffkens den Betrieb.

Wie ist das Leben ohne Kneipe?

Carsten Butterwegge: Komisch, aber ich hatte ja ein bisschen Zeit, mich an den Gedanken zu gewöhnen.

Was waren die Gründe, dass Sie sich zurückziehen?

Butterwegge: Ich hatte im vergangenen Jahr einen Herzinfarkt. Ich habe mich auf einen Auftritt vorbereitet und abends starke Rückenschmerzen bekommen. So, dass man direkt wusste, dass da was nicht stimmen kann. Meine Freundin hat mich ins Krankenhaus gefahren und die haben einen Herzinfarkt festgestellt. Dann wurde mir ein Stent gesetzt.

Wie alt sind Sie?

Butterwegge: 45. Ich habe 30 Jahre geraucht und gesoffen, ich weiß, woher es kommt. Aber das hat mich schon nachdenklich gemacht.

Sie sind Papa geworden. Ist jetzt Pampers-Rock’n’Roll angesagt?

Butterwegge: Das ist das Krasseste, was ich bisher mitgemacht habe. Aber es ist sehr schön. Ich möchte auf jeden Fall für meine Familie da sein. Mit meinen Auftritten kann ich das auf jeden Fall gut vereinbaren. Demnächst startet meine Wohnzimmer-Tour. Ich bin selten länger weg und kann nach den Konzerten nach Hause fahren. Mit dem Musikgeschäft, das hat sich in den vergangenen zwei Jahren entwickelt. Aber ich bin auch froh, dass ich zwei Jungs gefunden habe, die das Indie in meinem Sinne weiterführen.

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