Justiz

Loveparade-Prozess wird ohne Stadtmitarbeiter fortgesetzt

Richter Mario Plein (2.v.r.) verkündete am Mittwoch die Einstellung des Verfahren gegen die sechs Angeklagten der Stadt Duisburg.

Richter Mario Plein (2.v.r.) verkündete am Mittwoch die Einstellung des Verfahren gegen die sechs Angeklagten der Stadt Duisburg.

Foto: Lars Heidrich

Duisburg.  Gegen sechs angeklagte Mitarbeiter der Stadt Duisburg ist das Loveparade-Verfahren eingestellt. OB Link denkt auch an die Angehörigen der Opfer.

Nach 101 Prozesstagen seit Dezember 2017 kehren sie zurück an ihre Rathaus-Arbeitsplätze. Und auch für den pensionierten ehemaligen Duisburger Baudezernenten Jürgen Dressler ist der Prozess nun vorbei. Die sechs Duisburger sind nicht mehr Angeklagte im Loveparade-Verfahren, nachdem dieses am Mittwoch gegen sie eingestellt worden war. Im Gerichtssaal gab es gestern viele erleichterte Umarmungen. Mehr nicht. Die Last der Katastrophe wiegt weiter schwer.

Zurückhaltend ist auch die mit Bedacht formulierte Reaktion von Oberbürgermeister Sören Link dazu, dass das Verfahren gegen „seine“ Mitarbeiter eingestellt wurde: „Ich bin mir sicher, dass das Gericht hart gerungen hat, bevor es zu dieser Entscheidung gekommen ist. Die bisherigen Prozesstage haben gezeigt, wie schwierig die Suche nach ursächlicher, individueller Schuld ist..

Aber eben um diese gehe es im Strafrecht, ergänzt der OB. So kann Link die Erleichterung seiner Stadtbediensteten umschreiben, ohne moralische Verantwortung und Verpflichtung von der Stadt zu nehmen, zu der sich Duisburg mit ihm bekannte.

Verteidigung kostete Millionen

Zugleich betont Link aber: „Ich verstehe allerdings auch, wenn die Angehörigen der Opfer und die Menschen, die auf der Loveparade verletzt und traumatisiert wurden, enttäuscht sind.“ Viele hätten auf ein eindeutiges Ergebnis gehofft, hätten sich klare Antworten auf die Frage nach dem „Warum“ gewünscht, so der OB.

„Ich wünsche mir dennoch für alle Beteiligten, dass sie nun nach so vielen Jahren einen Abschluss mit den unfassbaren Geschehnissen finden können“, so Link. Das geht an die Adresse der Angehörigen, aber auch an die sechs Stadtbediensteten.

Einer ihrer Verteidiger der Stadtbediensteten, Gerd-Ulrich Kapteina, nannte die Einstellung „absolut nachvollziehbar“. „Die Anklagevorwürfe haben sich bei meinem Mandanten nicht bestätigt, die Planungsfehler lagen nicht bei der Bauaufsicht“, sagte er. Die Anklage sei widerlegt, seinem Mandanten treffe keine Schuld, erklärte der Anwalt vom mittlerweile 71-jährigen Ex-Baudezernenten.

Die Zustimmung zur Einstellung sei kein Schuldeingeständnis, erklärte Anwältin Katharina Kolbe, die für ihren Mandanten, Sachbearbeiter im Bauamt, das „tiefe Mitgefühl für die Hinterbliebenen“ erklärte. Die Katastrophe belaste ihn „jeden Tag“.

Neben dem Baudezernenten waren die damalige Leiterin des Amtes für Baurecht, ein Abteilungsleiter, ein Sachgebietsleiter und zwei Sachbearbeiter angeklagt. Seit Dezember 2017 standen sie vor Gericht. Stellungnahmen von ihnen gab es am Mittwoch nicht. Laut Gericht trägt die Staatskasse die notwendigen Kosten. Auf eine Millionensumme belaufen sich die Kosten für die Verteidiger, die die Stadt ihnen zur Seite gestellt hatte.

Bisherige Angeklagte bald als Zeugen?

Auch die Staatsanwaltschaft war für die sechs Stadtbediensteten dem Vorschlag des Gerichtes gefolgt, das Verfahren wegen „geringer Schuld“ einzustellen. Die Mitarbeiter hätten über keine Erfahrungen in diesem Bereich verfügt und „lange Zeit aufgrund von Sicherheitsbedenken Widerstand gegen die Veranstaltung“ geleistet, hatte die Staatsanwalthaft schon am Dienstag erklärt, die zugleich festgestellt hatte: „Zudem wurde seitens einzelner Akteure aus dem städtischen Bereich sowie seitens der Lopavent GmbH als Veranstalterin erheblicher Druck auf die städtischen Mitarbeiter ausgeübt, die Veranstaltung zu ermöglichen.“

Alle Angeklagten hätten „sich intensiv – wenn auch unzureichend – bemüht, die Veranstaltung aus ihrer Sicht sicher zu gestalten“, so die Staatsanwaltschaft in ihrer Stellungnahme. Keiner der Angeklagten habe „gewissenlos oder aus ethisch verwerflichen Motiven“ gehandelt.

Bisher hatten die Beschuldigten im Prozess geschwiegen. Mag sein, dass sie den Prozesssaal nun wieder betreten – dann als Zeugen ohne Zeugnisverweigerungsrecht.

>> REAKTIONEN DER BETROFFENEN

Auch die Betroffenen-Initiative „Lopa 2010“ reagierte auf die teilweise Einstellung des Loveparade-Verfahrens: „Es ist für die meisten Betroffenen unerträglich, dass die Mehrheit der Angeklagten ohne ernsthafte Konsequenzen aus dem Verfahren hervorgehen werden.“

Die Initiative will nun beginnen, Spenden für alle Betroffenen der Katastrophe einzusammeln, die nun als Nebenkläger auf ihren immensen Anwaltskosten sitzenzubleiben drohen. Manche hätten sich hoch verschuldet, um ihren Rechtsbeistand zahlen zu können.

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