Loveparade-Prozess

Wolfgang Rabe: Vom Loveparade-Skeptiker zum Möglichmacher

Wolfgang Rabe (rechts) sagte heute als Zeuge beim Loveparade-Prozess aus.

Foto: Lars Heidrich

Wolfgang Rabe (rechts) sagte heute als Zeuge beim Loveparade-Prozess aus.

Duisburg/Düsseldorf.  Als Sicherheitsdezernent koordinierte Wolfgang Rabe die Duisburger Loveparade. Im Prozess gibt er nun Einblick in die Planungen bei der Stadt.

Vom Loveparade-Skeptiker zum Möglichmacher. So kann man den Wandel beschreiben, den der ehemalige Duisburger Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe durchgemacht hat und den er bei seiner Aussage im Loveparade-Prozess skizzierte. Im Gegensatz zu Rainer Schaller, der nur Mäzen der Loveparade gewesen sein will und Ex-Oberbürgermeister Adolf Sauerland, der die Planungen seinen Fachleuten überlassen haben will, sitzt nun ein Mann im Zeugenstand, bei dem als Gesamtkoordinator der Stadt alle Fäden zusammenliefen.

Rabe bedauert Ereignisse bei der Loveparade

Zu Beginn der Planungen habe Rabe, der heute 64 Jahre alt ist und als Lehrbeauftragter und Rechtsanwalt arbeitet, der „ganzen Sache“ vorsichtig gegenübergestanden. Schließlich sei die Loveparade „nicht ganz sein Alter“ und auch „schwierig durchführbar“ gewesen.

Doch mit der Zeit und dem Kennenlernen der Planer bei Lopavent habe er seine Meinung revidiert. Von da an sei für ihn klar gewesen, dass die Veranstaltung in Duisburg machbar sei. Auch wenn er, mit dem heutigen Wissen, die Ereignisse vom 24. Juli 2010 in höchstem Maße bedauere: „Hätte ich gewusst, dass es so eine Katastrophe heraufbeschwört, hätte ich das nie gemacht.“

Aber als städtischer Bediensteter hätte er auch dafür zu sorgen, dass „die Sache ans Laufen kommt“, wenn es keine Sicherheitsbedenken gebe. Seine Herangehensweise an die Loveparade sei deshalb diese gewesen: "Wir versuchen das zu machen, wenn es geht. Als Verwaltung können Sie den ganzen Tag Bedenken haben und so Sachen verhindern." Gravierende Probleme habe der Beigeordnete jedoch nicht gesehen – die hätten auch für ihn zu einer Absage geführt. Sein Credo: „Weg vom preußischen Verwaltungshandel, hin zu einem konstruktiven Dialog.“

Dass es Bedenken im Ordnungsamt, im Bauamt und bei der Polizei gab, das sah Wolfgang Rabe wohl. Er selbst will gefordert haben, dass es im Tunnel „keinesfalls zum Stillstand” kommen dürfe. Direktem Druck sei er zwar nicht ausgesetzt gewesen, aber er habe schon den politischen Willen gespürt, die Loveparade als Leuchtturmprojekt des Kulturhauptstadtjahres durchzuführen. „Der Ministerpräsident und der OB wollten das.“

Rabe plaudert salopp über die Planungen zur Loveparade

Die Art und Weise, wie Wolfgang Rabe dies alles erzählt, finden einige Prozessbeobachter und auch ein Nebenkläger mehr als unpassend. Salopp, mitunter sogar etwas schnoddrig plaudert der Jurist Rabe daher. Erzählt von Loveparade-Besuchern, die “dazu neigen, in Flipflops zu erscheinen”, über die MSV-Arena, in der „Gott sei Dank der MSV wieder in der zweiten Liga spielt“ oder über das verwahrloste Veranstaltungsgelände: “Sobald dort drei Lurche rumlaufen, macht man damit gar nichts mehr.” Und nur wenige Male kommt Rabe überhaupt das Wort „Loveparade“ über die Lippen. Sonst spricht er nur von der „Sache“, der „Geschichte“ oder dem „Ereignis“.

Um sich Rückendeckung zu holen, verpflichtete der Ordnungsdezernent schließlich den Physiker Michael Schreckenberg, der prüfen sollte, ob die Loveparade so durchführbar sei. Schreckenberg sollte die schon existierenden Planungen untersuchen, gegebenenfalls korrigieren und notfalls die Reißleine ziehen.

Auf Schreckenberg war man übrigens gekommen, weil dieser an der Uni Duisburg lehrt und weil der Evakuierungs-Experte im Vorfeld der Fußball-WM 2006 die Sicherheit in den Stadien kritisiert hatte. Solch eine Negativberichterstattung wollte die Stadt Duisburg im Vorfeld der Loveparade verhindern, deshalb band man den Wissenschaftler frühzeitig ein. „Aber nicht, um ein Gefälligkeitsgutachten zu bekommen“, hob Rabe noch einmal extra hervor. Für seine Arbeit erhielt Schreckenberg schließlich 20.000 Euro. Die Frage, ob es einen schriftlichen Auftrag gab, verneinte Rabe: „Nur einen Scheck.“

Auch wenn die Loveparade in den beteiligten Ämtern mitunter kritisch gesehen wurde, habe es die Tendenz gegeben, "die Sache durchzuführen." Und so suchte Rabes Team zunächst nach einem passenden Veranstaltungsort in der Stadt. Der Innenhafen, die Kaiser-Wilhelm-Straße und der Vorplatz der MSV-Arena schieden schnell aus.

Im schlimmsten Fall hätte OB Sauerland unterschreiben müssen

Nach einem Überflug mit dem Polizeihubschrauber über mögliche Veranstaltungsorte kam schließlich der alte Güterbahnhof ins Spiel. Und die Zuständigkeit für das Veranstaltungsgelände und somit die Genehmigung der Loveparade wechselte ins Baudezernat. Dort prüfte man den Lopavent-Antrag sehr sorgfältig. Was den Planern offenbar Sorgen bereitete. Der Druck erhöhte sich, die Mails zwischen Lopavent, deren Berliner Rechtsanwalt und der Ansprechpartnern bei der Stadt Duisburg wurden rauer.

So gab es mehrfach die Bitte, doch die Bearbeitung des Bauantrags zu beschleunigen. Doch hier waren die Einflussmöglichkeiten des Loveparade-Koordinators, der sich selbst eher als „Ansprechpartner“ in der Stadtverwaltung sah und nicht als Genehmiger, geschwunden. In einer Verwaltung sei es Usus, nicht in die Zuständigkeitsbereiche der anderen Dezernenten hineinzufunken, so Rabe. Bei Dressler, so sagt es Rabe, hätte er auch mit Druck nichts erreichen können.

Einen Plan B hatte man sich aber dennoch wohl zurecht gelegt: In allerletzter Not hätte der Oberbürgermeister selbst die Genehmigung unterzeichnen müssen. Dann wäre er zu Adolf Sauerland gegangen und hätte ihm gesagt: „Unterschreib‘ mal.“ Dazu kam es letztlich nicht. Am 23. Juli, einen Tag vor der Loveparade, erhielt Lopavent die Freigabe.

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