Behindertenwerkstatt

Gutachter rügen Bezüge der Duisburger Werkstatt-Chefin

Für Projekte wie das beliebte Restaurant „Ziegenpeter“ im Rheinpark gab es viel Lob für die Behinderten-Werkstatt und ihre Chefin.

Für Projekte wie das beliebte Restaurant „Ziegenpeter“ im Rheinpark gab es viel Lob für die Behinderten-Werkstatt und ihre Chefin.

Foto: Stephan Eickershoff

Duisburg.   Bezüge von 376.000 Euro für die Chefin einer Duisburger Behindertenwerkstatt sind zu hoch. Das steht in einem Gutachten für den Aufsichtsrat.

Das von der Stadt in Auftrag gegebene Gutachten über die Angemessenheit der Bezüge der Chefin der Werkstatt für Menschen mit Behinderung ist gestern den Mitgliedern des Werkstatt-Aufsichtsrates zugestellt worden. Und darin findet sich die klare Aussage, dass Jahresbezüge in Höhe von insgesamt 376.000 Euro definitiv zu hoch sind.

Bei ihrer Anstellung Mitte 2009 wurde mit der Werkstatt-Chefin Roselyne Rogg ein Festgehalt von 85.000 Euro vereinbart. Im Jahr 2017 bezog sie laut Gutachten eine Gesamtvergütung von mehr als 376.000 Euro, bestehend unter anderem aus 200.000 Euro Gehalt und 100.000 Euro für eine „nicht nachzuweisende Altersversorgung“. Auch einen nagelneuer Dienstwagen für dienstliche und private Nutzung gab’s für die Chefin der Behindertenwerkstatt, 2017 für mehr als 66.000 Euro gekauft. Das liege indes im „branchenüblichen Bereich“, heißt es in dem Papier für den Aufsichtsrat.

Kein Aufsichtsratsbeschluss für Gehaltszuwächse

Was die Gutachter bestätigen, ist die Tatsache, dass für die deutlichen Gehaltszuwächse ab 2013 kein Aufsichtsratsbeschluss vorgelegt werden kann. Die Änderungsvereinbarungen des Geschäftsführervertrages wurden vom damaligen, Anfang 2018 überraschend zurückgetretenen Aufsichtsratsvorsitzenden und Ex-Stadtdirektor Reinhold Spaniel und der Geschäftsführerin Roselyne Rogg unterzeichnet. Die wirtschaftlichen Leistungsdaten der Werkstatt für Menschen mit Behinderung hätten sich in dieser Zeit allenfalls „moderat positiv“ entwickelt, stellten die Gutachter fest, die deutliche Steigerung der Geschäftsführerbezüge sei daher „nicht zwingend erforderlich“ gewesen.

Im Vergleich mit anderen GmbH-Geschäftsführern lagen die Bezüge der Chefin der Werkstatt, die 1088 Menschen mit Behinderung und 182 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt, deutlich oberhalb anderer Werte. Auch die Vergütungen der Geschäftsführer von Behindertenwerkstätten anderenorts haben die Gutachter unter die Lupe genommen und einen Durchschnittswert von knapp 130.000 Euro ermittelt. Der Bestverdiener unter den Werkstatt-Chefs bezog demnach ein Jahresentgelt von 203.000 Euro – und damit immer noch deutlich weniger als die Chefin der Duisburger Werkstatt.

Was passiert jetzt? Oberbürgermeister Sören Link und Sozialdezernent Thomas Krützberg, der inzwischen auch Aufsichtsratsvorsitzender bei der Werkstatt ist, haben „schonungslose Aufklärung“ angekündigt. Und für den Fall, dass auch die Staatsanwaltschaft sich einschalten sollte, kündigte man im Rathaus die Bereitschaft zu „voller Kooperation“ an.

Stadtsprecherin Anja Kopka: „Wir stellen alle Unterlagen gerne zur Verfügung.“

>>> AUFSICHTSRAT TAGT IM AUGUST

Der Aufsichtsrat der Duisburger Werkstatt für Menschen mit Behinderung steht vor seiner wohl spannendsten Sitzung. Am 8. August treffen die Vertreter der Anteilseigner Stadt Duisburg und der Vereine Lebenshilfe für geistig Behinderte und Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte. Die beiden Vereine halten jeweils ein Viertel des Stammkapitals, die Kommune die Hälfte.

Zu Diskussionen dürfte vor allem führen, dass die kräftigen Erhöhungen der Rogg-Bezüge offenbar ohne Zustimmung des Aufsichtsrates erfolgt ist. Zumindest wurden bei den bisherigen intensiven Versuchen, Licht in die Angelegenheit zu bringen, keine entsprechenden Unterlagen gefunden. Was möglicherweise Anlass für weitergehende Nachforschungen sein dürfte. Denn normalerweise sind Vorgänge rund um die Geschäftsführung Sache des Aufsichtsgremiums.

Vertrag läuft noch bis Mitte 2019

Der über fünf Jahre abgeschlossene letzte Geschäftsführervertrag von Roselyne Rogg läuft noch bis Mitte 2019. Ob sie überhaupt bis dahin in ihrer Funktion bleiben kann, dürfte von der Stadt nun ebenso überprüft werden wie eine eventuelle Rückzahlung der für zu üppig gehaltenen Bezüge.

Dabei steht die Arbeit von Rogg völlig außerhalb der Kritik. Gerade eben wurde die Duisburger Werkstatt für Menschen mit Behinderung erneut als „Top-Innovator 2018“ unter den deutschen Unternehmen ausgezeichnet. „Unser Modelabel Esthetique erobert die Fashionwelt“, schrieb Rogg dazu: „Unsere Projekte sorgen für Aufsehen. Neue Konzepte werden voller Vorfreude erwartet. Unser Ruf eilt uns voraus. Was wir planen, bringt uns weiter und macht Spaß.“

Leserkommentare (20) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik