Natur & Tierwelt

Duisburger Forscher entdeckt seltene Heuschreckenart

Unter diesem Betonbrocken hat Tobias Rautenberg von der Biologischen Station Westliches Ruhrgebiet die Ameisengrille auf dem Schachtgelände des Landschaftsparks Nord aufgespürt – der europaweit bislang westlichste Fundort aller Zeiten.

Foto: Lars Fröhlich

Unter diesem Betonbrocken hat Tobias Rautenberg von der Biologischen Station Westliches Ruhrgebiet die Ameisengrille auf dem Schachtgelände des Landschaftsparks Nord aufgespürt – der europaweit bislang westlichste Fundort aller Zeiten. Foto: Lars Fröhlich

Duisburg.   Tobias Rautenberg von der Biologischen Station Westliches Ruhrgebiet hat im Landschaftspark Nord ein Exemplar der Ameisengrille entdeckt.

Tobias Rautenberg musste buchstäblich jeden Stein einzeln umdrehen, um seine große Entdeckung zu landen: Fünf Jahre lang hat der Diplom-Biogeograph, der seit 2012 bei der Biologischen Station Westliches Ruhrgebiet beschäftigt ist, auf dem Areal des ehemaligen Hüttenwerks nach einem Exemplar der Ameisengrille gesucht. Das Problem: Diese ist ebenso selten wie winzig. In diesem Juli hat er dann aber tatsächlich eine entdeckt: Unter einem Betonbrocken kauerte das nur drei Millimeter große Exemplar mit dem braunen Körper und den zwei markanten beigefarbenen Streifen. Der Fund war die Belohnung für viel Fleiß und Geduld: Denn zuvor hatte Rautenberg über 10 000 Steine vergeblich in die Hand genommen.

Getarnt im Ameisenvolk unterwegs

„Ich habe mich natürlich gefreut, als ich die Ameisengrille entdeckte“, erinnert sich Rautenberg an den großen Moment. Eigentlich war er an diesem Tag ausgezogen, um Heuschrecken zu sichten. Doch wie bei jedem Gang ins Grüne – egal, ob in seiner Dienst- oder Freizeit – schaute Rautenberg auch diesmal unter jeden größeren Stein, den er erblickte und unter dem sich Ameisen tummeln könnten. Denn die Ameisengrille ist stets Mitbewohner eines Ameisenvolkes. „Sie hat die Fähigkeit, jenen besonderen Eigengeruch anzunehmen, der jedes einzelne Ameisenvolk einzigartig macht“, erklärt Rautenberg. Soll heißen: Die Ameisen halten die mit der Dufttarnung ausgestattete Grille für eine der ihren – und leben so schiedlich-friedlich mit ihr zusammen statt sie aufzufressen.

Ameisengrille ist taub, stumm und fast blind

Diese Tarnfähigkeit ist erstaunlich, weil die Ameisengrille ansonsten recht limitiert ist: „Taub, stumm und nahezu blind“, zählt der Biogeograph die Eingeschränktheiten des Insekts auf. „Und sie ist ein Schmarotzer, der sich davon ernährt, was die Ameisen an Futter so anschleppen.“ Deshalb verlässt sie das Nest auch normalerweise nicht.

In Südosteuropa sowie Bayern und Teilen Ostdeutschlands gibt es regelmäßig Funde, gehören diese Regionen doch zum normalen Lebensraum der Ameisengrille. In NRW gab es hingegen seit 1993 nur ganze elf Sichtungen. „Der bislang am westlichsten gelegene Fundort war Bochum. Nun sind wir es“, sagt der Naturexperte beim Gang über das Schachtgelände am Rande der Hamborner Straße und strahlt. Auch wegen der geographischen Lage deshalb gilt Rautenbergs Sichtung als mittelschwere Sensation – zumindest unter den geneigten Insektenkundlern.

25 Heuschreckenarten im Landschaftspark

Einige von ihnen waren nach Bekanntwerden des Fundes direkt zum Landschaftspark-Gelände geeilt, um ihrerseits ein Exemplar aufzuspüren. „Bislang aber vergeblich“, so Rautenberg, der betont, dass das Entdecken des Insekts das Schwierigste sei. „Eben weil es so winzig klein ist.“ Da könnte selbst das geschulte Auge schnell mal eine der Grillen übersehen.

Rund 80 Heuschreckenarten gibt es in ganz Deutschland, etwa 25 davon auch im Landschaftspark. Doch die Ameisengrille ist die mit Abstand seltenste hier. Ist denn seine Mission mit der Entdeckung nun abgeschlossen? „Aber nein“, widerspricht Rautenberg. „Die Suche hört nie auf.“ Es scheint, als habe der Mann in den letzten Jahren die Lust aufs geduldige Steineumdrehen noch nicht verloren...

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