Null-Toleranz-Strategie

Das Leben neben den Clans – Ortsbesuch in Duisburg-Marxloh

Duisburg.  No-Go-Area? Problemviertel? Duisburg-Marxloh ist berüchtigt. Seit einigen Jahren setzt die Polizei dort auf eine Null-Toleranz-Strategie.

Frank Reddick und Michael Krause grüßen die Dame vor dem Döner-Stand. „Eine Aldi-Bekanntschaft“, erklärt einer der beiden Polizisten. Man kennt sich, die Bezirksbeamten drehen seit Jahren ihre Runde durch Marxloh. Der Stadtteil, der in der Vergangenheit oft als „No-Go-Area“ verschrien war, ist ihr Revier. Die Bezirksbeamte sind vor allem tagsüber unterwegs, abends übernimmt die Hundertschaft.

Seit 2015 ist die Polizei verstärkt im Duisburger Norden präsent, weil es immer wieder zu Massenansammlungen größerer Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund kam. Seit tumultartigen Einsätzen setzt die Polizei auf eine „Null-Toleranz-Strategie“ und eine „Politik der kleinen Nadelstiche“. Dafür arbeitet sie eng mit der Staatsanwaltschaft zusammen.

„Marxloh ist keine No-Go-Area, denn wir sind ja hier“, betont Michael Krause. „Problembehaftet“ sei der Stadtteil aber in der Tat.

Hier Brautkleider im Schaufenster, dort Müll auf der Straße

Zwischen Traum und Trauma liegen nur ein paar Meter. Auf der Kaiser-Wilhelm-Straße funkeln die Brautkleider in den Schaufenstern. An der nächsten Straßenecke liegt Müll herum, ein versiffter Kühlschrank daneben. Es ist die Strecke, die im vergangenen Jahr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seinem Antrittsbesuch abgeschritten ist. „Da war alles sauber“, wissen die Polizisten. Nun sammeln sich wieder Speisereste neben alten Klamotten. „Wenn die Politiker kommen, dann ist alles picobello. Die bekommen die Dreckecken doch gar nicht zu sehen“, ärgern sich die Marxloher oft genug.

Auf der Wache am August-Bebel-Platz haben die Bezirksbeamten eine Mappe zusammengestellt mit einem typischen Marxloh-Bild. Dreckecken sind zu sehen, herumstehende Einkaufswagen, heruntergekommene Häuser. Kein Handlungsfeld für die Polizei, aber Ausdruck der Realität – und warum sich immer mehr Menschen unwohl fühlen.

84 Nationalitäten leben in Marxloh

„Neulich waren Kollegen aus Venlo hier, weil sie festgestellt haben, dass es mehr Straftaten von Personen gab, die aus Duisburg kamen“, erklärt Reddick. Die Spur führte nach Marxloh. Zum 31. Juli 2019 waren 21.072 Personen in Marxloh gemeldet, darunter 1.250 mit rumänischer, 4.358 mit bulgarischer, 2.791 mit türkischer und 9.109 mit deutscher Staatsangehörigkeit. Insgesamt 84 Nationalitäten leben hier.

„Ich kann nur Deutsch und Englisch, aber die meisten verstehen auch so, was wir von ihnen wollen“, erzählt Frank Reddick. Bei „Instanzia“ ist klar, dass es Post vom Amt gibt. Aber erst einmal muss die entsprechende Person gefunden werden.

Die Polizei spricht hier häufig von „clanähnlichen Strukturen“

Die Briefkästen am Haus numero 17 sind demoliert, ein paar Namen mit Edding auf die Häuserwand gemalt. Die Tür steht offen. Ausnahmsweise riecht es frisch geputzt. „Achtung, hier ist die Treppe kaputt“, warnt Reddick. Mittlerweile kennen sie die Pappenheimer. Der Gesuchte ist offenbar gerade im Heimaturlaub. „Muss zahlen?“, radebrecht ein Nachbar. Der Polizist nickt: „475 Euro.“ Er ist sich sicher: Er wird das Geld bekommen. „Bisher mussten wir noch nie jemanden wegen einer Ersatzmaßnahme festnehmen. Da schmeißen Nachbarn und Bekannte zusammen und übergeben die Summe. Die Sippe hält zusammen.“

In Duisburg spricht die Polizei oft von „clanähnlichen Strukturen.“ Neben türkisch-arabischen Gruppen sind es Rumänen und Bulgaren, die auffällig werden. Rauschgift-Delikte, Verstöße gegen das Waffengesetz oder auch gegen Steuerrecht oder Gaststättenverordnungen gehören dazu. Wird irgendwo ein nicht angemeldeter Spielautomat entdeckt, schreitet die Polizei ein. Das sind die „Nadelstiche“. „Wir zeigen, dass wir nichts durchgehen lassen“, betont Polizeisprecherin Jacqueline Grahl.

Von den Razzien, die im Hintergrund vorbereitet werden, bekommen die Bezirksbeamten wenig mit. Stattdessen jeden Tag von Neuem: Dreck, Gerüche, neue Aufenthaltsermittlungen.

24 Schrottimmobilien wurden in Duisburg geschlossen

Reddick und Krause stoppen an einer so genannten „Schrott-Immobilie“, in der seit Monaten niemand mehr wohnt. „Früher waren das mal ganz normale Häuser, die waren sauber und man konnte dort vernünftig leben“, erinnern sich die Polizisten. Dann zogen Rumänen und Bulgaren ein – oft teilten sich zehn oder mehr Personen eine Wohnung. Der Müll landete auf der Straße, Strom wurde von offenen Leitungen abgezapft.

„Da ist unsere Frau an der Front“, grüßt Michael Krause die vorbeirradelnde Postbotin. Als ihr aus einem Haus mal wiederholt die Ratten entgegen kamen, teilte sie ihrem Arbeitgeber mit, dass sie dort keine Briefe mehr zustellen möchte. Kurze Zeit später machte die Stadt das Gebäude dicht.

Bisher hat eine Taskforce der Stadt 24 Immobilien aufgrund massiver brandschutztechnischer Mängel geschlossen. Die Stadt wertet es als Erfolg, dass einige Eigentümer danach ihre Gebäude sanieren. Bei Nachkontrollen, etwa durch das Ordnungsamt, wird darauf geachtet, dass niemand das Haus wieder betritt. Wer keine neue Bleibe findet, kann in einer Notunterkunft unterkommen.

„Marxloh ist vielfältig, bunt, lebendig“, lässt der OB mitteilen

„Die meisten ziehen mit ihren Habseligkeiten nur ein paar Häuser weiter“, wissen indes die Polizisten aus Marxloh. Die Türen stehen ja offen. Und man kennt sich. „Marxloh gilt als Welcome-Stadtteil. Hier ziehen viele hin, die erst einmal ankommen wollen“, sagt Frank Reddick.

Kann man in Marxloh gut leben? Fragt man offiziell bei der Stadtverwaltung nach, gibt Oberbürgermeister Sören Link (SPD) diese Antwort: „Marxloh ist vielfältig, bunt, lebendig - Marxloh ist lebenswert. Ja, Marxloh hat auch Probleme, wie viele urbane Viertel, in denen Menschen auf engem Raum zusammenleben. Um diese Probleme kümmern wir uns als Stadt, dabei würde ich mir allerdings wünschen, dass Bund und Land uns besser unterstützen.“

Viele Marxloher wollen nicht von hier weg

Die Entwicklungsgesellschaft Duisburg bietet im Stadtteilbüro gezielt Beratung für bulgarische und rumänische Neu-Bürger an. „Die kommen mit Plastiktüten voller Papiere“, beschreibt einer, der die Beratung hautnah mitbekommt. Die Stadt hofft noch immer, dass sich die vielen Besuche von Politikern – außer Steinmeier war auch Bundeskanzlerin Angela Merkel in Marxloh zu Gast – irgendwann auszahlen: „Die Stadt darf nicht alleine gelassen werden. Da ist noch viel Luft nach oben.“

Die Marxloher wollen dennoch nicht weg. Ein türkischer Geschäftsmann lebt seit Jahrzehnten mittendrin. Er betreibt eine Trinkhalle. „Es hat sich schon sehr verändert“, deutet er an. Aber die Leute kommen, um bei ihm ihr Bierchen zu kaufen. „Da geh’ ich doch nicht weg.“ Herr Trogisch pflegt die Baumscheiben vor seiner Haustür. Er hat sie bepflanzt. In einer tuckert sogar eine Eisenbahn. An den Zaun hat er ein Plakat gehängt, nachempfunden einer Marlboro-Zigarettenschachtel: „No Filter – pure Life: Hier geboren sein, prägt ein Leben.“

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