Die Familie Stockmann sitzt in einer verqualmten, tiefbraunen Försterkneipe. Die Globalisierung lastet schwer auf diesem Ort des neuen alten Deutschtums, es riecht nach AfD und rechter Gesinnung. Das grausame Spiel kann beginnen. Das Schauspiel Bochum hat mit seinem „Volksverräter“ aus Henrik Ibsens „Volksfeind“ ein durchgeknalltes Panoptikum gemacht, in dem sich die politischen Fronten verschieben und in dem die alten Figuren Ibsens zu grotesken Karikaturen werden.

Bakterien im Seebad

Der Badearzt Dr. Thomas Stockmann (hoch intensiv: Roland Riebeling) hat aus seiner kleinen Heimatstadt im südlichen Norwegen einen florierenden Badeort gemacht und diesem damit zu Reichtum und Wohlstand verholfen. Dann muss er leider feststellen, dass das Seebad durch Bakterien verunreinigt ist. Was der idealistische Doktor in seinem Wahrheitsdrang gegen alle Widerstände publik macht, auch wenn dieses der zuvor zufriedenen Gemeinschaft schaden könnte. Worauf der Mob mobil macht.

Der große Dramatiker Henrik Ibsen (1828-1906) hat dem unbestechlichen Doktor Stockmann mit seinem Drama „Der Volksfeind“ ein Denkmal gesetzt, aus dem Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer ein intelligentes Stück Theater für die heutige Zeit gemacht hat, das in der nächsten Spielzeit an der Berliner Volksbühne zu sehen sein wird.

Schräge Typen feiern ein Fest der Satire

Das Schauspielhaus Bochum und seine fabelhaften Akteure haben den „Volksfeind“ realpolitisch sehr aktuell durch den „Volksverräter“ als Titel der Inszenierung ersetzt, die Henrik Ibsen mit Sicherheit sehr erstaunlich gefunden hätte. Auch das Duisburger Publikum genoss hier ein rasantes Verwirrspiel, ein Fest der Satire sowie ein Ensemble wunderbar schräger Typen, die die populistischen Züge von AfD oder Pegida deutlich machen. Auf der von Thilo Reuther gestalteten Bühne hat Michael Sieberock-Serafimowitsch den Schauspielern zu einer originellen Garderobe verholfen, die das possenhafte Spiel noch verstärkt.

In der kaum noch durchschaubaren Frontschlacht zwischen Gut und Böse setzt die Regie auf ein Höchstmaß an Tempo, auf wechselnde Kampfeinheiten und auf eine Truppe, die irgendwo immer gerade aus dem Irrenhaus kommt.

Theatralische Hammerschläge statt Subtilität

Zu loben ist eine starke Aufführung und eine ideenreiche Auseinandersetzung mit der inzwischen sehr schlechten politischen Luft von rechts, die aber immer wieder mögliche Subtilität durch aktionistische und laute, theatralische Hammerschläge ersetzt. Eine sehr ungewöhnliche Inszenierung, die auf jeden Fall viel Stoff für die kontroverse Diskussion zu bieten hat.

Viel Beifall für die großartigen Schauspieler.

>>> Zur Person: Henrik Ibsen

Der Kaufmannssohn Henrik Ibsen wurde 1828 im norwegischen Skien geboren. 1850 siedelte er nach Christiania ins heutige Oslo über. Sein Abitur bestand er nicht. Dafür erhielt er eine Stellung als Dramaturg und Regisseur an der Nationalbühne in Bergen.

1864 verließ er Norwegen, verbrachte einige Jahre in Rom, um 1868 nach Deutschland überzusiedeln. Weiterhin lebte er in Dresden und München. Den Rest seines Lebens verbrachte der zu europäischem Ruhm gelangte Dichter wieder in Christiania, wo er 1906 starb. Zu seinen bedeutendsten Werken gehören „Gespenster“ und „Peer Gynt“.