Museum Küppersmühle

Ästhetik treibt den Künstler und reizt den Forscher

Kunst und Physik sind einander näher als mancher denkt, so Prof. Dr. Axel Lorke, der mit Nicolas Wöhrl im Begleitprogramm der Till-Brönner-Ausstellung „Melting Pott“ in der Küppersmühle auftrat.

Kunst und Physik sind einander näher als mancher denkt, so Prof. Dr. Axel Lorke, der mit Nicolas Wöhrl im Begleitprogramm der Till-Brönner-Ausstellung „Melting Pott“ in der Küppersmühle auftrat.

Foto: Tamara Ramos / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Die Neugier treibt Künstler und Wissenschaftler – es ist nicht die einzige Gemeinsamkeit, erklärten die Physiker Axel Lorke und Nicolas Wöhrl.

Treibt den Wissenschaftler einzig die Suche nach dem, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält? Oder erliegt er dabei auch den Reizen der Natur? Ein klares „sowohl als auch“ hörte das Publikum im voll besetzten Auditorium des Museums Küppersmühle. Dort sprachen die Physiker Prof. Dr. Axel Lorke und Dr. Nicolas Wöhrl (Uni Duisburg-Essen) im Begleitprogramm zur Fotoausstellung von Till Brönner zur Ästhetik in Wissenschaft und Forschung.

Der schöne Schein der Nanopartikel

Schon der Ansatz der Arbeit sei doch ähnlich, meint Axel Lorke: „Künstler sammeln, beobachten, entdecken, dann interpretieren sie, suchen Zusammenhänge, erweitern Horizonte. Nichts anderes machen wir.“ Und auch der Forscher wolle sich natürlich mit schönen Dingen beschäftigen. Das ist bei der Plasma-Anlage in der Uni nicht so offensichtlich wie bei der Beobachtung des Versuchs mit einer Perlenkette, die aus einem Glas rinnt. Erst das Bild von Till Brönner machte Nicolas Wöhrl bewusst: „Das Leuchten des Plasmas hat etwas ästhetisches, wie das Polarleuchten.“

Die Schönheit der Sonne, nichts anderes als ein riesiger Plasmaball, der galaktische Nebel „Säulen der Schöpfung“, Geburtsort der Sterne, ziehen auch wegen ihrer Schönheit das Interesse der Forscher auf sich, erinnerte Lorke. Die ästhetischen Formen weniger Nanometer dünner Kohlenstoffwände offenbaren die Elektronenmikroskope in der Hochschule – bekannt war der schöne Schein der kleinsten Partikel schon dem mittelalterlichen Handwerk. Gold-Nanopartikel etwa lassen die Scheiben der Rosette in der Kathedrale von Chartres rot leuchten. „Sie wussten, wie man es herstellt, aber nicht, warum es funktioniert“, erklärt Axel Lorke.

Symmetrie spielt wichtige Rolle

Grundkenntnisse der Physik sind für manchen Künstler wohl unabdingbar, die Zahl der Grenzgänger zwischen Kunst und Wissenschaft bleibt gleichwohl überschaubar. Der bekannteste war wohl Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) – allerdings nicht als bildender Künstler. Der Gelehrte gilt sowohl als Begründer der Experimentalphysik wie des deutschsprachigen Aphorismus.

Die Symmetrie spielt in Kunst wie Wissenschaft eine wichtige Rolle. „Wir empfinden sie nicht nur als schön“, sagt Nicolas Wöhrl, „sie bestimmt auch die Stoffeigenschaften.“ Die Anordnung der Atome bestimmt etwa, ob der Kohlenstoff billiger Brennstoff oder ein sündhaft teurer Brillant ist. Erst die leichte Abweichung von der Symmetrie macht das menschliche Gesicht für den Betrachter erst schön, auf den universellen Symmetriebruch verweist Physiker Lorke: „Es gibt mehr Materie als Antimaterie. Dem verdanken wir letztlich unsere Existenz.“

Die Welt hat vielleicht auch hässliche Ecken

Für seine Symmetriebetrachtungen legte Murray Gell-Mann die Grundlagen der Elementarteilchen-Physik und bekam den Nobelpreis, dennoch treten seine wissenschaftlichen Nachfolger auf die Ästhetik-Bremse. „Physiker sind fixiert auf Schönheit. Das ist ein Problem“, warnt die theoretische Physikerin Sabine Hossenfelder. „Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht in eine Sackgasse leiten lassen“, sagt auch Axel Lorke, „vielleicht hat die Welt eben auch hässliche Ecken.“ Trösten mag ihn das Wort des großen Architekten Mies van der Rohe: „Symmetrie ist die Ästhetik der Einfallslosen.“

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